Rechtschreibung, Kretschmann und Sisyphos

„Kretschmann hält Rechtschreibung für nicht so wichtig“, schreibt die Schwäbische Zeitung vom 25. 01. 2020 auf Seite 1 und auf Seite 2 geht es munter weiter mit nähmlich und dämlich. „Es gebe ja kluge Geräte, die Grammatik und Fehler korrigierten. Er glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört“, wird der ehemalige Biologie- und Chemielehrer zitiert. Dass der Ministerpräsident auch Ethik unterrichtet hat, scheint der Zeitung entgangen zu sein. Aber Rechtschreibung ist ja auch kein ethisches Problem, eher ein biochemisches. Die Behauptung, dass Rechtschreibung nicht so wichtig sei, ist natürlich für die Kultusministerin des Landes ein gefundenes Fressen. „Rechtschreibung sei ein bedeutendes Kulturgut und eine Schlüsselqualifikation wie Lesen und Rechnen“, zitiert die Schwäbische die Kultusministerin und Spitzenkandidatin der CDU für das Amt des Ministerpräsidenten. Wir müssten in unserer Gesellschaft wieder eine bewusstere Haltung gegenüber der Rechtschreibung aufbauen.
Dass Rechtschreibung ein bedeutendes Kulturgut ist, wissen wir doch schon seit Erich Kästners Jugendbuch Das fliegende Klassenzimmer. Wir erinnern uns an das bedeutende Diktat: „Der Staat Liechtenstein liefert in rhythmischen Abständen Grieß, Mayonnaise, Meerrettich, Schlämmkreide und Pappplatten sowie Medikamente gegen Halskatarrh und Hämorrhoiden nummeriert und in Stanniol verpackt an Libyen und Hawaii.“

Ja, Rechtschreibung war schon immer ein Dauerbrenner, die wenigsten beherrschen sie perfekt, und wahrscheinlich ist der Duden Band 1 eines der weniger geliebten, aber trotzdem notwendigen Bücher, werden wir doch über den Unterschied zwischen Katheder und Katheter darin aufgeklärt. Nun ist der Ministerpräsident kein Kathedersozialist, sondern ein Grüner, aber in Rechtschreibung firm, auch korrigiere er selbst seine Beamten, können wir der Schwäbischen entnehmen. Wenn man das mal nicht eine Déformation professionnelle nennt. Lehrer eben! Zu seiner Ehrenrettung sei aber gesagt, er hat nicht behauptet, Rechtschreibung sei unwichtig, sondern lediglich sie gehöre nicht zu den gravierenden Problemen der Bildungspolitik. Zu den Problemen schon, aber nicht zu den gravierenden.
Wie allerdings eine bewusstere Haltung gegenüber der Rechtschreibung aussehen soll, wie Frau Eisenmann es fordert, und vor allem, wie man diese Haltung aufbaut, das bleibt wohl ihr Geheimnis. Aber wir bewahren Haltung, und wie Sisyphos wälzen wir den Felsblock der Rechtschreibung unverdrossen den Berg hinauf. Was sagt doch Albert Camus gleich nochmal über Sisyphos? „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Na also!

Und wer jetzt noch Lust hat, der kann das Kosog’sche Diktat, das hier in alter Rechtschreibung, nämlich in der Fassung von 1977, wiedergegeben ist, nach den Grundlagen der aktuellen amtlichen Rechtschreibung korrigieren. Der Duden hilft dabei. Selbstverständlich bleibt es Müttern und Vätern unbenommen, die dann aktualisierte Fassung dieses Kulturguts ihren Sprösslingen zu diktieren, damit diese eine bewusstere Haltung gegenüber der Rechtschreibung aufbauen können.

Aus dem Testamente einer Mutter:

Liebe Kinder,
heute nacht nahm ich mir vor, Euch diesen Morgen einige Lehren fürs Leben des nähern niederzuschreiben. Leset sie oftmals durch, so werdet Ihr Euch bei Gelegenheit des Näheren entsinnen und danach handeln. Zwar kann ich Euch nur etwas weniges hinterlassen, aber Euch etwas Gediegenes lernen zu lassen, dazu habe ich mein Bestes, ja mein möglichstes getan. Ihr seid alle gut im Stande, so daß Ihr imstande seid, Euch redlich durchzuschlagen. Sollte jedoch einer von Euch in Nöten sein, so ist es durchaus vonnöten, daß Ihr Euch gegenseitig helft. Seid stets willens, Euch untereinander zu Willen zu sein. Irrt einer von Euch, so sollen die übrigen ihn eines anderen, und zwar eines Besseren zu belehren versuchen. Achtet jedermann, Vornehme und Geringe, arm und reich. Seid keinem feind; denn jemandes Feind sein, bringt oft Unheil. Tut niemand ein Leid an, so wird man Euch nicht leicht etwas zuleide tun. Euer seliger Vater sagte oft zu seinen Schülern: „Tut nie Böses, so widerfährt Euch nichts Böses.” Macht Euch eine abrahamsche Friedfertigkeit zu eigen, indem Ihr im Streit nach dem Abrahamschen Wort handelt: „Gehst Du zur Rechten, so gehe ich zur Linken”. Wer von Euch der klügste sein will, der handle nach dem Sprichwort: „Der Klügste gibt nach.” Tut nie unrecht, seid Ihr aber im Recht, so habt Ihr recht, ja das größte Recht, wenn Ihr Euer Recht sucht, und Ihr werdet dann im allgemeinen auch recht behalten. Laßt nichts außer acht, ja außer aller Acht, wenn Ihr Freundschaft schließt. Wählt nicht den ersten besten als Freund und sorgt, daß Ihr unter Euern Mitarbeitern nie die letzten seid. Wollt Ihr Wichtiges zuwege bringen, so müßt Ihr ernstlich zu Werke gehen. Sucht auf dem laufenden zu bleiben und zieht nie eine ernste Sache ins Lächerliche; denn etwas Lächerliches gibt es nicht. Verachtet nie das Leichte, dann wird es Euch schließlich ein leichtes, auch das Schwierigste zu überwinden. Es ist aber das schwierigste, daß man sich selbst bezwingt. Seid Ihr in einer Angelegenheit im dunkeln, so übt Vorsicht, denn im Dunkeln stößt man leicht an. Seid auch im Geringsten nicht im geringsten untreu. Zum letzten rate ich Euch folgendes: Befolgt das Vorstehende, so braucht Euch nicht angst zu sein; ohne Angst könnt Ihr dann zu guter Letzt auf das beste standhalten, auf das Beste hoffen und zeit Eures Lebens dem Schicksal Trotz bieten.

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