Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen X

Silvesterausgabe

„Eine Epiphanie ist im allgemeinen Sprachgebrauch die unerwartete Erscheinung einer Gottheit, eine Offenbarung also, bzw. im weiteren Sinne ein (Erweckungs-) Moment von besonderer Tragweite“, kann man im Internet lesen. Im Meßkircher Martin-Heidegger-Gymnasium ist zwar nicht „die unerwartete Erscheinung einer Gottheit“ erfolgt, sondern es soll  lediglich ein neuer Schulleiter angekommen sein, teilt die Schwäbische mit, und zwar offiziell. Der übernimmt aber nicht die Leitung des Gymnasiums. Die Leitung wird von jemand anderem übernommen: „Ein bekanntes Gesicht übernimmt die Leitung“ (Schwäbische Zeitung, 26. 09. 2019). Im Geniewinkel kann auch ein Gesicht die Leitung übernehmen, kein Problem.
Auch in Magenbuch-Lausheim bleibt ein bekanntes Gesicht Ortsvorsteher, obwohl das Gesicht eigentlich das Amt abgeben wollte. Aber „keiner im Ortschaftsratsgremium sei bereit gewesen oder habe sich herauskristallisiert, das Amt zu übernehmen…“ (Schwäbische Zeitung, 26. 09. 2019). Herauskristallisiert? Oje. „Damit sich ein Kristall bilden kann, muss der auszukristallisierende Stoff zunächst in Übersättigung gebracht werden“, schreibt Wikipedia. Übersättigung? Ja wenn halt Dämpfe abgekühlt werden. Bei Übersättigung der Luft mit Wasserdampf z. B. tritt Nebel- und Niederschlagsbildung auf. Klar. Und deshalb gibt es keinen neuen Ortsvorsteher. Die Magenbucher lassen einfach den Ortsvorsteher im Regen stehen. Auch nicht die feine Art.

Für Regen in unserer Region zuständig ist Roland Roth mit seiner Wetterwarte, zumindest für die Vorhersage. Und das macht er z.B. so: „Das Wetter arbeitet weiterhin mit Tiefdruck am Abbau des Niederschlagsdefizits des Vorjahres“ (Wetterwarte sued, 04. 11. 2019). Der Mann hat halt Humor und Sprachwitz. Wahrscheinlich arbeitet er schon längst mit Hochdruck an seinem Loipenspurgerät, damit er mit Karacho über die Atzenberger Loipen düsen kann.

Weniger physikalisch, dafür umso philosophischer geht es bei Ostrachs Bürgerbus zu: „Eins wird sich an der Bürgerbus-Philosophie nicht ändern: Wir sind kein Taxi…“ (Schwäbische Zeitung, 21. 08. 2019). Wenn Philosophie die wissenschaftliche Behandlung der allgemeinen Fragen von Welterkenntnis ist, so wissen wir jetzt a) dass es eine Philosophie des Bürgerbusses gibt; b) dass ein Bürgerbus kein Taxi ist und c) dass dies deshalb so ist, weil ein Zug kein Schiff ist, auch wenn Menschen damit befördert werden können.

Bleiben noch drei bedeutende politische Ereignisse:

Das erste ist der Auftritt von Frau Kultusministerin Eisenmann, die offensichtlich Konditionsprobleme hatte: „Sie bekam kaum Zeit, um Luft zu holen, sondern ging gleich in medias res und ans Rednerpult. Zu Beginn ihrer dreiviertelstündigen, größtenteils freien Rede ohne Punkte und selten mit Kommata…“ (Schwäbische Zeitung,30.09.2019). Nun kann man von einer Kultusministerin schon erwarten, dass sie mit der Interpunktion im Deutschen keine Probleme hat. Man kann allerdings nicht erwarten, dass die Ministerin auch noch im Verlauf ihrer Rede Punkt und Komma vorträgt. Obwohl, einige Kommas muss sie ja wohl gesagt haben, wenn auch selten.

Das zweite bedeutende politische Ereignis ist der SPD-Parteitag. Dort wurde zwei Tage nach Nikolaus ist GroKo aus Folgendes beschlossen: „Wir wollen die Schuldenbremse in der jetzigen Form perspektivisch überdenken.“ Perspektivisch überdenken? Dudens Deutsches Universalwörterbuch, topaktuell 2019 mit geschätzten 140 000 Sichwörtern der Alltagssprache, gibt präzise Auskunft: perspektivisch (Adj.) 1. (bildungsspr.) die Perspektive betreffend. Also: Die Perspektive betreffend wollen wir die Schuldenbremse überdenken. Zweite Möglichkeit laut Duden: die Betrachtungsweise betreffend. Also: Wir wollen die Schuldenbremse entsprechend der Betrachtungsweise (also mal so, mal so) überdenken. Dritte Möglichkeit nach Duden: [nach russ. perspektivny] auf die Zukunft gerichtet. Also: Wir wollen die Schuldenbremse auf die Zukunft gerichtet überdenken.
Wann wir schreiten Seit‘ an Seit’/ Und die alten Lieder singen, / Und die Wälder wiederklingen, / Fühlen wir, es muss gelingen. Auf die Zukunft gerichtet, also perspektivisch, sollte die SPD lieber singen. Ihr Liedgut braucht sie dabei nicht zu überdenken, auch nicht perspektivisch.

Das dritte bedeutende politische Ereignis ist eine Gemeinderatssitzung in Ostrach. Da ging es um Ostrachs Gemeindewald, wo die Wälder bald nicht mehr wiederklingen. Denn schlimm ist es um ihn bestellt und deshalb tragen Ostrachs Gemeinderäte große Verantwortung. „Der Gemeinderat müsse sich bei seiner Forstplanung in den nächsten Jahren daher Gedanken über die Baumarten machen“ (Schwäbische Zeitung, 27. 11. 2019). Hier handelt es sich um keine Zeitungsente. Ostrachs Gemeinderäte sollen sich Gedanken über die zukünftig zu pflanzenden Baumarten machen? Da fällt einem nur noch Eichendorffs Gedicht Der Jäger Abschied ein:

Tannenbäumchen

Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!

[…]

Lebe wohl,
Schirm dich Gott, du schöner Wald!

 

 

 

Ein gutes neues Jahr!

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