Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen VIII

Scharfsinnend geht er hin und wider,
Bald schaut er auf, bald schaut er nieder.

„Als es mir hernach gelang, einige vormals verkannte Tugenden dieser Sprache aufzudecken, […] so konnte es nicht fehlen, daß ich auch vielerlei Schaden kennenlernte, an dem sie offen und geheim leidet“. Soweit Jacob Grimm im Jahr 1847. Im Jahr 2019 könnte Jacob Grimm nach wie vor vielerlei Schaden kennenlernen, an dem sie leidet, unsere Sprache. Ein Blick in unsere Zeitungen würde ihm dabei vollauf genügen.

So könnte er z. B. in einer großen überregionalen Zeitung lesen: „Die großen Fragen und Konflikte im Land wie auf dem Kirchentag haben sich längst granularisiert“ (Süddeutsche Zeitung, 19. 06. 2019). Ja granularisiert! Und so bildet sich bei den großen Fragen wohl ein Granulationsgewebe und übrig bleibt bei den Konflikten lediglich eine Narbe.
Aber nicht nur in den großen Zeitungen kann man vielerlei Schaden kennenlernen. Ein kleines Mitteilungsblatt bleibt hier nichts schuldig. „Das Kreiskulturforum des Landkreises Sigmaringen stellt 2019 ‚Handwerk und Industrie‘ in den Mittelpunkt ihres Kulturschwerpunkts“ (Mitteilungsblatt der Gemeinde Ostrach, 19. 06. 2019). Da zieht aber die Schwäbische Zeitung sofort gleich und schreibt: „Denn das Kieswerk Weimar, deren Mitgesellschafter das Kieswerk Müller, Valet und Ott sowie die Betonwerke Pfullendorf sind, plant im Wagenhart einen neuen Standort…“ (Schwäbische Zeitung, 24. 07. 2019). Die Landratsamt und deren Mitarbeiter sind im Landkreis ebenso wichtig wie die Kreiskulturforum und die Kieswerk. Hier leidet die Sprache nicht mehr geheim. Hier hilft nur noch ein Sprung ins kalte Wasser, und zwar in den Jettkofer Baggersee. Aber dort gibt es offensichtlich Parkplatzprobleme, schreibt die Schwäbische am 13. August. „Für die Badegäste des Jettkofer Baggersees gibt es direkt gegenüber des Eingangsbereichs eine große Wiese, die regelmäßig gemäht wird und als Parkplatz dient.“ Auf der großen Wiese will aber niemand parken. Klar. Niemand findet diese Wiese, befindet sie sich doch „direkt gegenüber des Eingangsbereichs“. Befände sie sich direkt gegenüber dem Eingangsbereich, würde sie sicher von den Autofahrern benutzt werden. Aber nicht genug! „Dasselbe Problem gibt es in der Straße Richtung Wangen, wobei bei diesem Seeteil das Baden und Lagern gar nicht erlaubt ist“ (Schwäbische Zeitung, 13. 08. 2019). Oh very British. His car was parked in the street. Wir parken besser auf der Straße und fahren auch auf der Straße in das Dorf. Das ist allemal besser, als führen wir in der Straße auf das Dorf. Aber wenigstens wohnen wir dort in einer ruhigen Straße. Obwohl. „Eine Location mit Abwasser, Zuwasser, Strom und ausreichend Platz für Parkplätze und einen Festival-Campingplatz sei gar nicht so einfach zu finden …‘Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres den neuen Standort kommunizieren können‘“ (Schwäbische Zeitung, 21. 08. 2019). Ja dann viel Erfolg beim Kommunizieren der Location. Aber böte sich als Location da nicht Ostrachs Zehntscheuer an? „Für die 1563 erbaute Zehntscheuer ist die Gemeinde seit einer Weile nach der Suche für eine Nutzung, die aber auch den Denkmalschutz berücksichtigen muss“ (Schwäbische Zeitung, 25. 09. 2019). Wahrscheinlich sind die Ostracher eher auf der Suche nach einer Location und weniger nach der Suche für eine Location, kann man doch über ersteres besser kommunizieren, über letzteres nicht. Ähnliche Probleme haben sie auch in Bad Saulgau, vor allem am Reformationstag sprich Halloween. „Es ist gedanklich das am weitest fortgeschrittene Projekt, bei dem die Anwohner die Bedenkenträger sind“ (Schwäbische Zeitung, 31. 10. 2019). Weit, weiter, am weitest. Manchmal möchte man am liebsten das Weite suchen. Oder einfach ins Theater gehen. Ins Marionettentheater in Ostrach. Dort geht es um kleine und große Räuber und natürlich um den Schwarzen Vere. Eine gelungene Aufführung, dies konnte man der Schwäbischen entnehmen: „In bemerkenswert guter Koordination meisterten die Puppenspielerinnen die Wechsel eines gelungenen Bühnenbildes, zudem Licht- und Tontechnik sowie die eigentliche Aufführung“ (Schwäbische Zeitung, 20. 11. 2019). Sehr erfreulich, dass die Damen nicht nur Licht und Tontechnik, sondern sogar die eigentliche Aufführung meisterten, vom Bühnenbild ganz zu schweigen. Kein Wunder. Koordinieren sie doch Marionetten und kein Ballett. Der Vorteil? Ebenmaß, Beweglichkeit, Leichtigkeit und „dass sie sich niemals zieren“, die Marionetten, meint der Bedenkenträger Heinrich von Kleist in seiner Schrift Über das Marionettentheater.

In diesem Sinne:advent 1
Wir sagen euch an den lieben Advent.

Sehet, die erste Kerze brennt!

Wenn die zweite Kerze brennt, sehen wir dem Volk weiter aufs Maul. Bis dann.

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