Ostrach. Ein Wintermärchen

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser …

Der Verband der Verwaltungsbeamten in Baden – Württemberg (VdV) vertritt die Interessen der Studierenden, Beamten und Beschäftigten aller Verwaltungslaufbahnen, und das seit 120 Jahren. „Vom Inspektor zum Ministerpräsidenten“ – so der Slogan. Oder auch Bürgermeister, wenn es etwas weniger sein darf. In der aktuellen Verwaltungszeitung der Interessenorganisation vom Dezember 2018 gibt Ostrachs Bürgermeister ein Interview; ebenfalls gibt es ein Porträt der Gemeinde Ostrach. Soweit die nüchternen Fakten. Ob das Interview und das Porträt lesenswert sind? Ärgerlich und erheiternd sind sie allemal, denn schon als Zwanzigjähriger wollte Ostrachs Bürgermeister unbedingt Bürgermeister werden, teilt er mit. Einen hohen „Zielerreichungsgrad“ [sic] nennt er das. Aber nicht immer hat er diesen „Zielerreichungsgrad“ erreicht, denn „marketingtechnisch“ wäre es ihm viel lieber gewesen, der Energiepark Hahnennest hätte die „Donau Silphie“ „Ostrach Silphie“ genannt, das wäre ein Erreichungsgrad auf höchstem Niveau gewesen.
Auf einem wesentlich geringeren Niveau werden allerdings die kritischeren Fragen dieses Interviews beantwortet, die sich mit dem Komplex Hahnennest beschäftigen. Energiegewinnung durch Kuhgülle, Monokultur durch Maisanbau, unbekannte Langzeitfolgen der Pflanze Silphie, Preisverfall der Kuhmilch und Nitratbelastung des Grundwassers, zu diesen Problembereichen wurde Ostrachs Bürgermeister u. a. befragt. Antwort? Der Gemeinderat hat das 1000-Kühe-Projekt genehmigt. Im Übrigen käme die Kritik ja nicht aus der Gemeinde selbst, sondern aus der erweiterten Region. „Wenn ich heute aus dem Rathaus schaue, freue ich mich über den dort entstandenen multifunktionalen Platz …“. Soweit des Bürgermeisters Weitblick. Halt! Es gibt natürlich noch das „Pfrunger-Burgweiler Ried“, das bietet Heimat für Mensch und Tier. Unterschriftenaktion und Petitionsverfahren stören da doch nur. Die Ostracher wollen doch die Kuhgülle, Ostrachs Landwirte wollen doch den Preisverfall der Milch, sie wollen doch das Hahnennester Gnadenbrot, das ihnen die Nachzucht männlicher Kälber, quasi das Abfallprodukt, garantiert.
Konzediert wird, dass aktuell bereits „Kuhgülle im großem Stil verwendet“ wird. Die Sauberkeit des Trinkwassers wird aber laut Ostrachs Bürgermeister erst dann zum zentralen Anliegen, wenn die 1000 Kühe ihre Gülle zur weiteren Verwendung dem Energiepark zuführen. Es gibt nicht mehr Gülle, die Eigengülle ersetze die Fremdgülle, haben die Betreiber des Energieparks im März bei der öffentlichen Anhörung des Petitionsausschusses in Burgweiler versichert. Und da damals schon bei TB Spitzbreite und Zoznegg mehr als 50 mg/l Nitrat gemessen wurden, konnte das Landratsamt in Person von Herrn Obert davon ausgehen, dass die Nitratwerte in Ostrach regelmäßig veröffentlicht werden, so wie es auch der Gemeinderat beschlossen hat. Da glänzte aber Ostrachs Bürgermeister durch Abwesenheit, als das besprochen wurde. Jetzt hat halt einmal mehr die Rechtsaufsicht des Landratsamtes die Aufgabe, den Sachverhalt zu überprüfen.
Nach dem Containerumschlagplatz der Firma Boxtango gefragt, ist des Bürgermeisters Erkenntnis, dass der Lkw- Verkehr in Ostrach zunähme, in größerem Umfange aber vermieden würde. Aha. Durch die Vermeidung erfolgt die Zunahme. Aber genau hier liege eine Chance für die wirtschaftliche Weiterentwicklung Ostrachs. Seltsam. Am 16. April schloss sich Ostrachs Bürgermeister noch einem Antrag der SPD an, dass die Gemeinde von ihrem Rückkaufrecht des Geländes Gebrauch machen solle.
Ob er Visionen für die Zukunft habe, wurde Ostrachs Bürgermeister gefragt. Er sei kein Visionär. Zeichne doch das Miteinander von Natur und Fortschritt Ostrach aus. Und da Ostrach große Gemarkungsflächen habe, gebe es ausreichend Platz – sie zu versiegeln, muss man jetzt hinzufügen. Bauplätze 13,7 ha, Gewerbeflächen u. U. 16,2 ha in den letzten drei Jahren. Aber keine Sorge. Der „Zielerreichungsgrad“ dürfte noch nicht erreicht sein. Auch wächst ja die Fläche nach – ad infinitum. Der Kiesabbau? Ein Randthema. Geht es hier doch lediglich um runde 200 Hektar in den nächsten Jahren. [Detailliertere Aufschlüsselung des Flächenverbrauchs in der Zusammenstellung. Angabe in Hektar.]
Hervorragend die Wirtschaftsförderung in der Gemeinde. Wenn im Rahmen dieser Wirtschaftsförderung allerdings der Verweis auf die Firma Daimler erfolgt, so mag doch jeder Fahrer eines Daimlers, der zwar durch Ostrach, aber nicht mehr durch Stuttgart kommt, sich seine eigenen Gedanken darüber machen, ob Daimler immer die erste Adresse ist und „welcher Boden hier bereitet wurde“.
Eine der wenigen kritischen Bemerkungen zu Ostrach auf die Frage nach der Ärzteversorgung: „Früher hatten wir fünf Ärzte, heute haben wir fünf Paketannahmestellen.“ Aber wir halten Kontakt zu jungen Ärzten aus der Region, die sich ein Engagement als Hausarzt in Ostrach vorstellen können. Ja, vorstellen kann sich so ein junger Arzt einiges, vor allem dann, wenn er das nachfolgende Porträt Ostrachs in der Verbandszeitung lesen kann.

Zwei herausragende Dinge gibt es in und um Ostrach: Xaver Hohenleiter und seine kriminelle Vereinigung. Davon abgeleitet das ganze „Schwarze–Vere-Getue“ von der Räuberbahn bis zur „Vere-Wurst“.
Das andere ist Ostrachs Lage: „Durch die einmalige Lage Ostrachs in einem schönen Tal zwischen sanften Hügeln und wunderbaren Waldgebieten ist es ein ideales Urlaubsgebiet für Menschen, die Ruhe und Erholung suchen.“
Schönes Tal, sanfte Hügel, wunderbare Waldgebiete! „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen … Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden …“. Ja! Genau! Goethes Werther. 10. Mai 1771.
Ostrach als locus amoenus, als lieblicher Ort, als Idylle. Der Redakteur der Verwaltungszeitung kann nie in Ostrach gewesen sein. Locus terribils oder locus desertus wäre angemessener.
Ostrach, eingebettet in eines der größten Kiesabbaugebiete, eingekreist durch Gewerbegebiete, geschmückt von Mais und Silphie, bereichert durch 1000 Kühe, deren Exkremente für nitratfreies Grundwasser sorgen, dieses Ostrach ist für jede junge Ärztin und jeden jungen Arzt ein Traum. Hier lasst uns Hütten bauen!

In diesem Sinne:
Wir sagen euch an den lieben Advent.
Sehet, die vierte Kerze brennt.

Und natürlich:
Frohe Weihnachten!

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