„Wenn der Schwarze Vere kommt …“

„Wenn der Schwarze Vere kommt…“, wenn, ja dann geht in Ostrach die Post ab, egal ob es hagelt oder die erste Schafskälte sich ankündigt. „Wenn der Schwarze Vere kommt…“, wird getanzt, gesungen, gespielt, auch viel „gekalauert“, vor allem aber wird eins: schwäbisch geschwätzt, und das durchgängig, heftig, mit Inbrunst. Das Salz in der Suppe bei diesem Theaterspektakel ist das Südschwäbische in seiner breitesten und derbsten Form. Das Stück auf Hochdeutsch gespielt? Es wäre schlicht blass und fahl. Nur im schwäbischen Idiom gewinnt der eigentliche Konflikt, der dem Stück zugrunde liegt, an Farbe, der Konflikt zwischen Württemberg und Baden, zwischen Schwaben und Badener, kurz zwischen „Sauschwobe“ und „Gelbfüßler“. Des Schwarzen Vere Rückzugsgebiet und Refugium im Hohenzollerischen wird dabei beinahe nebensächlich, wenn auch der Grenzer des Fürstentums Hohenzollern-Sigmaringen in dem Stück stolz auf Amalie Zephyrine verweist, ohne sie wäre Ostrach nicht zu Hohenzollern-Sigmaringen gekommen.
Was bedeutet das für den Zuschauer bei diesem Theaterstück? Geschichtskenntnisse? Napoleon, Mediatisierung, Rheinbundakte? Nein! Das erklären die drei Grenzer aus Württemberg, Baden und Hohenzollern. Das versucht auch in Ansätzen im Prolog der Bauhof-Kapo dem letzten Spätaussiedler Dimitri. Allerdings wenig erfolgreich. Dimitri hat ein Sprachproblem. Dieses Problem kann der Zuschauer des Theaterstücks allerdings auch haben. Um das Stück zu verstehen, reicht das Niveau C 2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen, hier Deutsch, bei weitem nicht aus. Deutsche Muttersprachler jenseits der Rhein-Main-Linie sollten das Stück besser nicht anhören. Pech gehabt! Oder doch? Eigentlich ist die Handlung mehr als einfach und die Kostümierung der Schauspieler mehr als gelungen.
Zwei Handlungsstränge machen das Stück aus. Einmal die Vere – Handlung, die nicht das Zentrum des Stücks bildet. Man wird durch den Titel dieser Komödie, dieses schwankhaften Theaterstücks, schon an der Nase herumgeführt. „Wenn“! Das ist konditional und temporal. Wenn der Vere kommt, dann wird geplündert und geschlagen. Aber nur, wenn er kommt. Immer wenn der Vere in Spöck war, wurde gedealt und gehehlt. Nicht oft tritt die Bande direkt in dem Stück auf. Zwei Szenen sind es, in denen das Räubervolk sich präsentiert.
Der andere Handlungsstrang, Zentrum des Stücks, ist, wie könnte es anderes sein, eine württembergisch-badische Liebesgeschichte. „Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat …“ Nein, die Geschichte hat ein Happyend. Der Laubbacher Benedikt kriegt sein Burgweiler Rösle, auch wenn der Härlebauer ein verstockter Württemberger ist und nie eine badische Schwiegertochter akzeptieren würde. Aber da sind die Härlebäuerin und der Burgweiler Pfarrer ganz anderer Ansicht. Und weil die Beziehung zwischen Benedikt und Rösle nicht ohne Folgen bleibt, wie man so schön sagt, ist sogar der Härlebauer stolz, Großvater (Nähne oder Ähne) zu sein. Vorher muss er sich aber noch einem Exorzismus unterziehen, mit viel Weihwasser, auf dass der württembergische Teufel aus ihm fährt. „Das schönste Land in Deutschlands Gau’n, das ist mein Badner Land“. Das zu singen gelingt ihm allerdings nicht, dazu braucht es alle Darsteller in der letzten Szene. Und so schließt das Stück eigentlich mit dem „Badnerlied“. War das eigentlich allen Ostrachern klar?

Das Stück spart nicht mit Gags, mit viel Klamauk und manchmal auch mit Effekthascherei. Der VfB Stuttgart (Württemberg) und der SC Freiburg (Baden) müssen herhalten. Wenn die Vere–Bande den Opferstock der Ostracher St.- Pankratius- Kirche stiehlt, entpuppt sich der Inhalt als Apotheken-Taler aus der Goetz’schen Apotheke, der Messwein des Burgweiler Pfarrers ist ungenießbar, handelt es sich doch um abgestandenes Weihwasser aus dem Jahre 1799, als in Ostrach jene sagenhafte Schlacht stattfand. Benedikt macht seinem Vater klar, dass er auf sein Erbe verzichten könne, habe seine Braut doch einen Kuhstall mit 1000 Kühen, mit denen man jeden Raum beheizen könne. Und wenn die Braut Rösle ihrem Pfarrer ihren „Fehltritt“, auch wörtlich zu verstehen, beichtet, werden ihr als Buße zwei Gesetze des Freudenreichen Rosenkranzes auferlegt, aber nicht „…den du o Jungfrau vom heiligen Geist empfangen hast“, sondern vom Württemberger. Und wenn die Räuberbande in der zwölften Szene Veres Geburtstag feiert, tönt aus dem Lautsprecher die Habanera aus Carmen (L’amour est un oiseau rebelle) und die Zigeunerin tanzt auf die Bühne, um nach Zigeunerinnen Art dem Vere seine düstere Zukunft zu prophezeien. Am Schluss muss auch noch Willy Brandt herhalten, wenn sich Württemberger und Badener versöhnen: Es wächst zusammen, was zusammengehört.

Mehr als hundert Mitwirkende, Statisten und Schauspieler, haben in Ostrach ein Riesenspektakel aufgeführt, mit Engagement und Begeisterung. Das konnte man als Zuschauer spüren. Vielen Dank.

Xaver Hohenleiter, der Schwarze Vere, ist im Theater gut aufgehoben. Dort soll er auch bleiben, so wie der Schinderhannes, der durch Zuckmayer auf die Theaterbühne gebannt wurde. Der Schwarze Vere ist keine Marke für Ostrach. Er und seine Bande sind Kriminelle. Gerhard Fetscher hat dies in den Ostracher Blättern exakt herausgearbeitet. Nur in diesem Sinne sind sie ein besonderer Teil der Ostracher Geschichte, kein rühmlicher.

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