Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen IV

Nächste Woche ist es wieder soweit:

„Sie entsatzten sich alle/ und wurden irre/ und sprachen einer zu dem andern/ Was will das werden?“, so Luther 1534 in seiner Bibelübersetzung, „… denn es höret ein jglicher/ das sie mit seiner sprache redten.“

Ja irre könnte man heute auch noch werden und sich fragen: Was will das werden? Vor allem dann, wenn man von Politikern am Jahresanfang folgende Aussagen lesen konnte: „Im Jahr 2018 ist das zentrale europäische Thema die finale Lösung der Flüchtlingsfrage“ (Manfred Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Südkurier online 06. 01. 2018). Oder: „Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger“ (Alexander Dobrint in der Welt vom 04. 01. 2018). Da kann einen schon das Entsetzen packen und leider kann man nicht mit Luther sagen: „Sie sind voll süsses weins“ und schon gar nicht „voll des geistes“.
Und weil die Flüchtlingsfrage mit der Islamdebatte verknüpft ist, muss die CSU der AfD das Thema entreißen. „Die AfD ist beim Thema Islam gerade ziemlich abgemeldet. Der Preis dafür ist aber hoch – er ist die Entheimatung der in Deutschland lebenden Muslime“ (Süddeutsche Zeitung, 12. 04. 2018). Da können wir aber nur hoffen, dass der neue Heimatminister aus dem Heimatministerium kein Entheimatungsministerium macht.
In Sigmaringen läuft das mit der „Verheimatung“ besser. „Rund 30 Teilnehmer aus Handel, Behörden und Sozialdiensten sind sich auf Einladung von Bürgermeister Thomas Schärer und der Integrationsbeauftragten … zusammengekommen“ (Schwäbische Zeitung, 09. 01. 2018). Ja wenn wir uns zusammenkommen, dann wird das was.
In Ostrach sind die Operettenfreunde zusammengekommen „bei einem Konzert für die Generation 50 plus, die sich zum größten Teil mit dem Programmangebot ‚Bekannte Melodien aus Operette und der UFA-Zeit‘ im Nu identifiziert sah“ (Schwäbische Zeitung, 08. 01. 2017). Sie sahen sich aber nicht nur identifiziert, sondern melancholisch gestimmt, weil das „Wolgalied“ aus der Operette „Der Zarewitsch“ von Franz Lehár weniger Operettenhaftes vermittelt, „es stimmt vielmehr ein wenig nachdenklich und kommt sehr sentimental daher“ (ebenda).
Beim Fauré-Quartett in Bad Saulgau kam nichts sentimental daher, im Gegenteil: „Aber dennoch erwächst aus dem Beginn mit hauchzarten Streichertönen, in die nur zögernd ein paar Klaviertöne hinein tropften, ganz allmählich ein großer Klangkosmos, der dem Titel, in Anspielung auf den mythologischen Totenfluss des Vergessens, mit einer Tonflut entspricht. Ein untergründig nervöses Stück, das innere Befindlichkeit nicht in eine Kakophonie der Töne übersetzte, sondern eine vibrierende Spannung erzeugte. Leise hauchende und kräftige Vibratos schwebten wie der Klang des Windes in einer klavierlosen Passage im Raum, andere an den oberen Tongrenzen verdichteten sich zu flirrenden Naturbildern. Man konnte nur ausatmen nach diesem Ereignis von Tönen“ (Schwäbische Zeitung, 26. 02. 2018). Bei dieser Wortflut, bei dieser Kakophonie von Begriffen sollte man dringend einatmen, um in dem Wortkosmos nicht abzusaufen.

Wie „der Klang des Windes“ hört es sich allerdings nicht an, wenn es um Xaver Hohenleiter alias Schwarzer Vere geht. Der eine will „den Schwarz Vere und seine Zeit nutzen, um eine Marke für die Region aufzubauen“ (Schwäbische Zeitung, 26. 02. 2018), der andere will „gemeinsam mit den Vermietern und Gastronomen Elemente für den Tourismus am Pfrunger-Burgweiler Ried herausarbeiten“ (Schwäbische Zeitung, 17. 02. 2018).  Carpe diem, Hauptsache die Marke wird zum Element oder die Elemente zur Marke, die man herausarbeitet, aber alles zu seiner Zeit. Wichtig sind die Verhandlungen mit den Vermietern und Gastronomen, ohne die geht nichts, denn „sie verhandeln auch gegen Müdigkeit und Verdruss der Bürgerinnen und Bürger an.“ (Süddeutsche Zeitung, 22. 01. 2017).
In Ostrachs Schnäppchenmarkt „PicksRaus“ braucht man nicht anzuverhandeln. Hier gibt es „Briefmarken, Pakete und Co“ (Schwäbische Zeitung, 22. 01. 2018). Vor allem die Compagnie ist ein richtiges Schnäppchen. Nur in Ostrach kann man zwischen Briefmarken und Paketen eine ganze Firma kaufen.
Überhaupt der „Schwarze Vere“. Vom Blitz erschlagen! „Am 20. Juli 1819 schlägt im Siechenturm in Biberach, wo Franz Xaver Hohenleiter angekettet war, ein Blitz ein, an dessen Folgen der damals rund 30 Jahre alte Mann laut des Totenberichts gestorben ist“ (Schwäbische Zeitung, 17. 04. 2018). Laut Totenbericht ist der Hohenleiter schon verschieden, laut dem Gedicht Gustav Schwabs krümmt er sich gar wie ein Wurm. Was laut des Totenberichts geschehen ist, bleibt allerdings das Geheimnis des Schwarzen Vere.
So hat eben das Leben auf dem Lande auch seine Vorteile. Schnäppchen, Räuber und die Gastronomie. Die Gastronomie z. B. „ist in Pfullendorfer Ortsteilen gut aufgestellt“ (Südkurier, 08. 03. 2018), die Versorgung der Grundbedürfnisse ist … sicher gestellt … Gleichwohl wecken bestehende Leerstände in der Innenstadt ungute Assoziationen“ (Südkurier, 30. 01. 2018). Ja was sicher gestellt ist, ist halt gut aufgestellt und fällt nicht um. Und die Probleme von Madrid, Paris und Berlin gibt es auch nicht. „In Europas Metropolen blüht der Traum vom Auto-Bann – aber ist die Verfußgängerzonung der Städte wirklich so progressiv, wie sie tut?“ (Süddeutsche Zeitung, 13./14. 01.2018). Die Verfußgängerzonung weckt auf dem Land keine unguten Assoziationen. Ungute Assoziationen wecken eher die schlechten Straßen. Dies liegt aber an einem „Monster aus der Urzeit, der Straßenausbaubeitragssatzung, kurz ‚Strabs‘ genannt“ (Süddeutsche Zeitung, 27./28. 01. 2018).
Ungute Assoziationen weckt auch ein Kuhstall mit 1000 Kühen, weshalb engagierte Bürger eine Petition an den Landtag richteten: „In der Petition richtet sich ein sechsköpfiges Kernteam aus den Landkreisen Bodensee, Sigmaringen und Konstanz gegen den geplanten Stall mit 1000 Milchkühen. Ihrer Ansicht nach müsse dieses Bauvorhaben verhindert werden, da es für die Region etwa umweltgefährdend, für die Masse an Rindern in keinster Weise artgerecht und für die kleinbäuerlichen Betriebe existenzgefährdend sei… Pix wollte von Bernhard Obert als zuständigem Dezernent im Landratsamt Sigmaringen wissen, ob dies verzichtbar ist“ (Schwäbische Zeitung, 27. 03. 2018). Hoffentlich hat das Kernteam mit seinen Ansichten den Dezernenten überzeugen können, ist doch die industrielle Tierhaltung in keiner Weise artgerecht.

Schlecht steht es übrigens um den FC Ostrach, der in dieser Spielzeit ziemlich schwach auf der Brust ist, wie man der Zeitung entnehmen konnte:
„Ein wichtiges Auswärtsspiel haben die Fußballer des FC Ostrach am heutigen Samstag in der Landesliga, Staffel 4, vor der Brust“ (Schwäbische Zeitung, 16. 03. 2018). „Erneut hat der FC Ostrach ein wichtiges Spiel in der Fußball-Landesliga vor der Brust“ (Schwäbische Zeitung, 20. 04. 2018). Wer im Abstiegskampf ständig schwere Spiele vor der Brust hat, sollte nicht resignieren, sondern mit geschwellter Brust einen zur Brust nehmen.

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