Hahnennest – Öffentliche Anhörung zu 1000 Kühen

Innerer Monolog während der öffentlichen Anhörung einer Kommission des Petitionsausschusses des Baden-Württembergischen Landtags in Burgweiler

Wie lang wird das wohl dauern? Ich muss auf die Uhr schauen … fällt ja niemand auf. Und wenn schon. Die sitzen da vorne und essen ihre Brezel, als ob hier Mittagspause wäre. Dabei ist es gerade mal kurz vor elf. Ich sitze etwas ungünstig, aber Beinfreiheit hat man ja hier. Allerdings ist es jetzt  in der Riedhalle schon wärmer als gedacht. Ja schau, die beiden Landtagsabgeordneten. Ich sollte mich schon noch für ihr Engagement bedanken, schließlich sind sie der Ostracher Gemeindeverwaltung ordentlich auf die Füße getreten. Ob das mit der Veröffentlichung der Protokolle jetzt klappe? Im Moment schon. Habe aber meine Zweifel, ob’s anhält. Ob Sie eigentlich gegen diesen Kuhstall sei, ich hätte Sie nie dezidiert …Und wie! Eine empörte Abgeordnete. Bravo! Sie war schon immer dagegen. Da muss ich wohl in der Buchbühlhalle damals nicht richtig zugehört haben. Wenn man halt nur moderiert …   Na ja. Politiker. Der Herr Ministerpräsident hätte ja auch mal Position zu diesem Kuhstall beziehen können. Laiz ist ja nicht so weit von Hahnennest entfernt. Im Übrigen ist das Wahlprogramm der Grünen eindeutig: Wir wollen die industrielle Massentierhaltung in den nächsten 20 Jahren beenden; Tiere brauchen mehr Platz für Auslauf, Rückzug und zum Ausleben arteigener Verhaltensweisen. 20 Jahre! Papier ist geduldig!
Aha. Pix heißt der Mann. Grüner und Berichterstatter. Aus Ihringen. Das hört man. Landwirt aus Ihringen am Kaiserstuhl … Der meint wohl Winzer … Winzer und 1000 Kühe, das passt … Bullinger von der FDP, Co-Moderator, Diplomagraringenieur. Ich kenn nur den Verwaltungsrechtler Martin Bullinger, Prof. in Freiburg, Medienexperte, aber längst emeritiert. Ob die verwandt sind?
Jetzt geht’s wohl los.  Zu meiner Linken, zu meiner Rechten, so stellt der Pix die Leute vor. Lustig … Verwaltungsfachleute und Petenten rechts, Hahnennester links. Oje, Walpurgisnacht, Paralipomenon 60 oder so: Die Böcke zur Rechten, die Ziegen zur Linken! Der AfD – Abgeordnete gehört zu den Ziegen.
Der Typ hinter mir fängt an, mich aufzuregen. Husten und Bronchitis, man hört den Schleim heraufkriechen. Da kann man doch zu Hause bleiben und sich nicht als Viren- und Bakterienschleuder unter die Leute mischen. Schließlich kursiert bei uns die Grippewelle.
Jetzt liest der Pix die ganze Petition doch tatsächlich vor. Halt, er kürzt ab, er fasst zusammen. Was meint der Bullinger? Als Agraringenieur habe er den totalen Durchblick und sehe das alles aus der Perspektive des nüchternen Wissenschaftlers. Das kann ja heiter werden. Hört der Pix endlich mal auf zu reden. Der redet ja wie ein Wasserfall, aber ziemlich unstrukturiert das Ganze … Jetzt kriegt er die Kurve und erteilt Frau Waibel vom BUND Pfullendorf das Wort. Ziemlich nervös die Frau. Dieses Fernsehteam kann einem aber auch auf den Wecker gehen … Und jetzt gibt es noch Probleme mit dem Mikrophon … Brav trägt Frau Waibel als Sprecherin des Aktionsbündnisses den Inhalt der Petition in wesentlichen Punkten vor: Umweltverträglichkeitsprüfung, Nitratbelastung, Gülle, Monokultur, Existenzgefährdung kleiner Betriebe, Kälbernachzucht, FFH-Gebiete. Beifall rechts hinter mir, zustimmendes Geraune vor mir. Ah, sieh da, links hinter mir sitzt ein Gemeinderat, der der Änderung des Bebauungsplans zugestimmt hat. Wie alle, bis auf einen … Die Husterei kann einem aber wirklich auf den Geist gehen. Der schleudert mir doch seine Bakterien gnadenlos ins Genick. Meine Nachbarin geht ebenfalls in Deckung.
Herr MdL Pix fasst zusammen, ausschweifend … Bitte keine politischen Grundsatzdebatten… Das Wort hat das Landratsamt in Form von Herrn Obert. Wir halten uns strikt an unsere Verwaltungsvorschriften und können deshalb nur feststellen, dass alles korrekt verlaufen ist. Klar. Der kann ja nicht sagen, der Einwand der Petenten, was die Umweltverträglichkeitsprüfung betrifft, sei richtig. Das käme ja einer Verwaltungsrebellion gleich. Auch sei das Tierwohl bei dem Projekt nie gefährdet, führt die Expertin für Tierschutz aus. Das Tierschutzgesetz werde absolut eingehalten. Den Tausend Kühen gehe es in so einem Stall blendend … Das sieht der Agraringenieur auch so und verweist dabei auf die angebundenen Kühe im Stall unserer Kleinbauern. Massentierhaltung als Garant des Tierwohls. Heilige Einfalt! Was steht im Tierschutzgesetz? Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Den vernünftigen Grund finde ich immer. Apropos … Im Ried gibt es grasende Kühe, vor Burgweiler. Hätte halt vorher mal durchs Ried laufen sollen, der Agraringenieurexperte.
Und dann die Gülle. Kein Problem führen die Hahnennester aus. Heute Fremdgülle, morgen Eigengülle, es gibt nicht mehr Gülle. Wenn er weiterredet, gibt es wahrscheinlich weniger Gülle, auch wenn der Nitratwert über 51 mg/l beim TB Spitzbreite liegt, 50 bei Zoznegg und weit über 30 bei Jettkofen. 50 sei halt der Grenzwert, meinen die Verwaltungsexperten … Und jetzt fange ich an zu kochen. Bei 50 steht die Ampel auf Rot! Wer bei Rot über die Ampel fährt, zahlt ein Bußgeld bis zu 200 Euro und bekommt bis zu 2 Punkte in Flensburg plus Fahrverbot, wenigstens 1 Monat. Bei 37 steht die Ampel auf Gelb. Wer bei Gelb über die Ampel, fährt zahlt 10 Euro. Manchen Verwaltungsfachleuten des Regierungspräsidiums und des Landratsamtes sollte man Punkte für mangelndes Problembewusstsein geben dürften. Bei 8 Punkten findet eine Tauglichkeitsprüfung statt. Der Bürgermeister der Gemeinde Ostrach soll zu den Nitratwerten Stellung beziehen. Aber der Herr ist nicht im Raum. Hat zu viel Kaffee getrunken. Überhaupt. Die sitzen da vorne, kriegen Kaffee und Brezeln und unsereiner kriegt die Bakterien von dem Dauerhuster. Da sitzt ja noch ein Gemeinderat hinter mir. CDU… der guckt mal bös.
Und dann hebt der Berichterstatter zu einer Suada an, einer nicht enden wollenden Ausführung über das bereits Gesagte, die in einer Kaskade von Fragen gipfelt … Also der kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen … und erteilt den Hahnennestern das Wort… Schon clever die Landwirte, das muss man sagen. Nur bei der Gülle und der Nachzucht kommen sie ins Schleudern. Aha, der Herr Metzler jagt in der Hohen Tatra und fährt dort auch Schi, wenn er nicht jagt. Interessant, was man bei so einer öffentlichen Anhörung alles erfährt.
Das Fernsehteam hat inzwischen schlapp gemacht, sitzt an der Seite und döst, während der junge Mann mit dem Mikrophon ständig an den Tischen auf und ab rennt, damit die Hahnennester, die Petenten und das fragende Publikum ein Mikrophon bekommen. Was diese Dame zwei Reihen vor mir für eine ständige Streckerei hat … Fehlt nur noch, dass sie mit den Fingern schnalzt, damit der moderierende Herr Pix sie ja nicht übersieht.  Ja, ja, dir wird schon noch das Wort erteilt werden. Ob Keime im Trinkwasser gemessen wurden. Aber es würde doch ein enges Monitoring geben, führt das Landratsamt in Form von Herrn Obert aus, alles im grünen Bereich. Die Wasserqualität werde doch auch veröffentlicht. Jetzt bekomme ich einen Hustenanfall. In Ostrach und veröffentlicht. Die letzten Trinkwasseranalysedaten sind vom 08. 02. 2017! Kann jeder auf der Homepage nachlesen…
Herr Fischer vom Aktionsbündnis geht ans Mikrophon, kritisiert das mangelnde Brandschutzkonzept. Wie man 1000 Kühe evakuieren soll, kann ich mir auch nicht so richtig vorstellen … Ob man die dann im Ried einfangen muss, wenn sie nicht verbrannt sind, die Mitgeschöpfe? Die Hahnennester Landwirte und das Landratsamt sehen da überhaupt kein Problem. Einige Nachbesserungen gab’s, jetzt sind die Kühe sicher, wenn’s brennt. Wer’s glaubt …
Plädoyers am Schluss, wie bei Gericht. Auf das Urteil bin ich mal gespannt.

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