Brand bei Bilgram Chemie und man wird nicht gewarnt

Gut Ding will Weile haben. Aber bitte nicht, wenn es brennt, und schon gar nicht, wenn der Brand in einer Chemiefirma ausbricht, wie in Ostrach am 27. 12. 2017 in der Firma Bilgram geschehen.
Mit 101 Einsatzkräften haben die Feuerwehren des Kreises den Brand, bei dem Chlorgas austrat, gelöscht. Dies alles konnte man aber den Lokalnachrichten entnehmen.
Was man den Zeitungen auch entnehmen konnte, war die folgende Mitteilung: „Vorsorglich wurde aber die Bevölkerung im Bereich Ostrach aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten“ (Südkurier online, 27. 12. 2017). Es ist für den Bürger immer beruhigend, wenn er abends erfährt, was er morgens hätte tun müssen, und das durch die Presse. Ist der Bürger ständig auf Facebook, so hätte er dort um 13:00 Uhr das Folgende erfahren: „Bitte schließen Sie sofort Fenster und Türen. Schalten Sie Lüftungs-und Klimaanlagen ab. Geruchsbelästigung durch Brand entstandenes Chlorgas.“ Die Warnung sei gültig ab sofort, steht am Ende der Meldung. Zwischen Meldung und Brandausbruch liegen 2 Stunden. Wer nicht ständig auf Facebook ist, und auch dort erscheint der Warnhinweis entschieden zu spät, hat einfach Pech. Er wird eben nicht informiert, es sei denn, er gehört zu dem Kreis der Glücklichen, der, von wem auch immer, an diesem Mittwochmorgen informiert wurde. Ich gehöre nicht zu diesem Kreis. Ich gehöre zum zweiten Male nicht zu diesem Kreis. Denn was sich am 27. 12. 2017 ereignete, hatte sich schon einmal ereignet, nämlich am 30. August 2007. Damals gab es einen Großbrand im Schredderwerk Herbertingen, bei dem Blausäuredämpfe freigesetzt worden seien. Beide Unfälle sind glimpflich ausgegangen. Bei beiden Unfällen war die Information der Bevölkerung durch den Katastrophenschutz, wenn es so etwas im Landkreis Sigmaringen überhaupt gibt, katastrophal!
Ziemlich verärgert habe ich mich deshalb an den Kreisbrandmeister Michael Hack beim Landratsamt Sigmaringen gewandt. Der Herr Kreisbrandmeister ist für den Brand-und Katastrophenschutz des Landkreises zuständig. Wäre der Vorfall nicht so ernst, hätte ich das Telefongespräch nach fünf Minuten beendet. Einem Redeschwall sondergleichen ausgesetzt, hat der besorgte Bürger fast keine Chance, seine Bedenken und Befürchtungen vorzutragen, er kommt sozusagen fast nicht zu Wort.
Immerhin konnte ich bei meinen kritischen Einwänden, was die Information der Bevölkerung betrifft, feststellen, dass mir der Kreisbrandmeister mehrmals versicherte, er sei auf meiner Seite. Eine umfassende Information der Bevölkerung im Katastrophenfalle sei ein großes Problem und fast nicht möglich. Aber es gebe dazu ja NINA, teilte er mir freundlicherweise mit, die App des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz.

Um eine Erfahrung reicher, habe ich dies der Gemeindeverwaltung Ostrach am 10. 01. 2018 um 14:00 Uhr per E-Mail mitgeteilt:

Am 27. Dezember hatten wir in der Firma Bilgram in Ostrach einen Brand mit Großeinsatz der Feuerwehren des Kreises. Dass die Bevölkerung angeblich informiert worden sei, konnte ich am darauffolgenden Tag der Zeitung (Südkurier) und der Facebook-Seite der Gemeinde Ostrach entnehmen. Eine sog. „zeitnahe“ Information fand zumindest in meinem Wohngebiet nicht statt. Es wiederholte sich am 27. Dezember das gleiche Informationsdesaster, das wir am 30. 08. 2007 in Ostrach beim Großbrand im Schredderwerk Herbertingen erlebten: Es wurde nur ein Teil der Bevölkerung informiert. Ich halte das für absolut unverantwortlich. Ich habe damals den Bürgermeister der Gemeinde Ostrach brieflich über diesen Missstand informiert, ebenfalls den Landrat. Am Schluss hat mir die Polizei mit großem Bedauern mitgeteilt, dass sie sich außerstande sähe, die ganze Bevölkerung in Ostrach zu informieren. Damals wie heute waren in Baden-Württemberg Schulferien, damals wie heute waren spielende Kinder im Freien, die von ihren Eltern nicht ins Haus geholt werden konnten, weil sie nicht informiert wurden.
Aus diesem Grund habe ich heute mit Kreisbrandmeister Michael Hack, Landratsamt Sigmaringen, ein Telefongespräch geführt, in dem ich ihm den Sachverhalt schilderte. Herr Hack ist sich des Problems absolut bewusst, dass eine umfassende Information der Bevölkerung äußerst schwierig ist. Er hat mir dies ausführlich und überzeugend geschildert. Dankenswerterweise hat mich Herr Hack auf die App NINA verwiesen, eine App des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz.
Ich hielte es für sehr sinnvoll, wenn die Gemeinde Ostrach auf ihrer Homepage, auf Facebook und vor allem im Mitteilungsblatt, z. B. aus aktuellem Anlass, auf diese App hinweisen würde. Eine sporadische Wiederholung dieser Information im Mitteilungsblatt müsste eigentlich im Interesse der Gemeindeverwaltung sein, die sich ja wohl für den Schutz der Bevölkerung verantwortlich fühlen müsste.

Dass ein Hinweis auf NINA im neuen Mitteilungsblatt steht, muss an dieser Stelle ausdrücklich hervorgehoben werden. Vielen Dank!

Meinen Lesern möchte ich an dieser Stelle auch den Brief, den ich am 31. 08. 2007 an den Bürgermeister der Gemeinde Ostrach geschrieben habe und auf den ich in meiner E-Mail an die Verwaltung Bezug nehme, nicht vorenthalten, handelt es sich doch fast um ein „historisches Dokument“:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

mit großer Verwunderung konnte ich heute einer Meldung des Südkuriers entnehmen, dass u.a. die Bürger der Gemeinde Ostrach am gestrigen Donnerstag, dem 30. 08. 2007, von der Polizei vor Blausäuredämpfen gewarnt worden seien, die durch einen Brand im Schredderwerk Herbertingen freigesetzt wurden. Ständig sei die Polizei in den betreffenden Orten unterwegs gewesen und habe die Bevölkerung aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Die Gemeinde Ostrach habe sogar vorsorglich ihre im Außendienst tätigen Mitarbeiter ins Haus geholt. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass weder meine Nachbarn noch ich von der Polizei über diesen Vorfall informiert wurden. Lautsprecherdurchsagen der Polizei fanden zumindest im Wohngebiet Buchbühl / Alter Spitz nicht statt. Es nützt mir sehr wenig, wenn die Polizei in der Hauptstraße oder Pfullendorfer Straße die Bevölkerung mit Lautsprecherdurchsagen informiert, Bewohner des Wohngebiets Buchbühl /Alter Spitz aber zu vernachlässigen scheint. Da es auch nicht meiner Gewohnheit entspricht, ständig ein Rundfunkgerät neben mir laufen zu haben, bin ich in diesem Fall auf die Lautsprecherdurchsage angewiesen. Ich bin bislang davon ausgegangen, dass Gemeinde, Kreis und Polizei in solchen Fällen über einen Krisenplan verfügen, der garantiert, dass die Sicherheit und Unversehrtheit aller Bewohner der Gemeinde Ostrach gewährleistet werden. Nach dem gestrigen Vorfall habe ich diesbezüglich allerdings einige Zweifel. Ich möchte Sie bitten, mir nähere Auskünfte darüber zu geben, ob im Wiederholungsfalle in Ostrach davon auszugehen ist, dass die Gemeinde zwar per E-Mail unverzüglich informiert wird, ich aber als Bürger der Gemeinde Informationen dieser Art am folgenden Tag der Zeitung zu entnehmen habe.

Nach dem Vorfall vom 27. 12. 2017 sind  meine Zweifel nicht zerstreut, im Gegenteil. Es hat sich nach 10 Jahren nichts geändert. Man hat keine Lehren aus der Katastrophe gezogen.
Dirk Tannheimer, Redakteur der Schwäbischen Zeitung, hat im August 2017 in einem Artikel an das Feuer im Schredderwerk Herbertingen erinnert. Er beendet seinen Artikel wie folgt: „Und etwas Gutes hatte das Feuer auch: ‚Bei Schulungen von Feuerwehrleuten wird dieses Beispiel gerne herangezogen‘, ergänzt Michael Hack, der die Unterlagen des Brands noch heute schnell griffbereit hat – zehn Jahre danach“(Schwäbische Zeitung, 30. 08. 2017).
Nicht nur bei Schulungen von Feuerwehrleuten sollte dies ein Lehrstück sein, sondern auch für den Katastrophenschutz, der die Bevölkerung zu warnen und zu schützen hat.
Ich möchte nicht missverstanden werden. Die Feuerwehren leisten hervorragende Arbeit, ihr Engagement ist nicht hoch genug zu bewerten.
Aber wir werden wieder einmal einen Brand haben, bei dem gefährliche Giftstoffe freigesetzt werden. Dann muss gewährleistet sein, dass die Bevölkerung sofort informiert wird. Aber vielleicht hilft dann ja NINA.

Aus aktuellem Anlass schreibt die Süddeutsche Zeitung vom 16. 01. 2018:

Warnungen aufs Smartphone erhält nur, wer zuvor die passende App geladen hat

Einen Warnhinweis auf dem Handy erhält nur, wer sich vorher eine Katastrophenwarn-App heruntergeladen hat, zum Beispiel die App Nina vom BBK. Sie dient in erster Linie als Alarm und schlägt los, wenn Gefahr droht. Das wäre nicht nur bei einem drohenden Raketeneinschlag der Fall, sondern auch, wenn es besonders heftig stürmt oder ein Hochwasser bevorsteht. Der Nutzer erfährt, wie er sich in der Situation am besten verhält. „Fenster schließen“ könnte etwa ein Hinweis bei austretenden Gefahrstoffe lauten (Süddeutsche Zeitung, 16. 01. 2018).

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Informationen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Brand bei Bilgram Chemie und man wird nicht gewarnt

  1. Willi Kasulke schreibt:

    »Eine sog. „zeitnahe“ Information fand zumindest in meinem Wohngebiet nicht statt.« Das Wohngebiet war doch gar nicht betroffen! Wohne nur einige Meter neben dem Gelände und auch fast in der entsprechenden Windrichtung am 27.12.17 – meinen Sie etwa, die Feuerwehr/Polizei wäre nicht durch die betroffenen Straßen gefahren, hätte eine entsprechende Gefahr geherrscht??? Das mit NINA geht auch in die Hose, was interessieren mich Meldungen über Hochwasser am Oberrhein. Betrifft mich genausowenig, wie Sie der damalige Chlorgasaustritt. Grüsse Willi

Hier können SIe Ihren Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s