Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen III

Zum Wort des Jahres 2017 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort „Jamaika-Aus“ gekürt. Wir erinnern uns: „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren. Auf Wiedersehen“. Das Unwort des Jahres ist noch nicht ganz klar. Man schwankt zwischen „Fake News“ oder „atmender Deckel“. Ich persönlich würde Umsatzsteuerschlüsselzahlenfestsetzungsverordnung (UStSchlFestV) oder noch besser Einkommensteuerschlüsselzahlenermittlungsverordnung (EStSchlEV) vorschlagen. Denn darüber musste der Bundesrat in diesem Jahr entscheiden, berichtete die Süddeutsche Zeitung am 19. September 2017. Dagegen ist die Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung fast harmlos. Klar, das Wort ist ja auch kein Unwort, sondern das Wort des Jahres 2016 in Österreich.

Überhaupt die Bundestagswahl in diesem Jahr! Christian Lindners Beitrag zum Wort des Jahres kann nicht genug gewürdigt werden. Aber vor allem die FDP muss ihm zu Dank verpflichtet sein. Habe der 38-Jährige sie doch komplett nach sich ausgerichtet. Überall sehe man nur noch ihn. Und deshalb sei für die Liberalen, „die sich am Sonntag zum Parteitag treffen, dieser Fokus bis jetzt ein Segen gewesen“ (Süddeutsche Zeitung vom 16./17. 09. 2017). Hoffen wir mal, dass sich die Liberalen in diesem Fokus nicht die Finger verbrennen, wenn sie sich ausschließlich auf diesen Fokus fokussieren sollten.

Auch bei uns gaben die Wahlergebnisse zu tiefschürfenden Überlegungen Anlass. Die Analyse zeige nämlich, „dass die CDU im Schraubstock der AfD und FDP läge“, so MdB Bareiß zur Lage der CDU (Schwäbische Zeitung, 07. 10. 2017). Arme CDU, kann man da nur sagen, malträtiert in zwei Schraubstöcken, doppelt eingespannt zwischen vier Backen. Was da wohl aus dem Werkstück CDU noch werden wird, wenn es von AfD und FDP bearbeitet wird?
Weniger martialisch sieht das MdB Lothar Riebsamen. Seines Erachtens „ist das Scheitern nur auf parteipolitische Strategien der FDP und den Grünen zurückzuführen“ (Südkurier vom 20. 11. 2017). Den Grünen kann man ja als Schwarzer alles anhängen. Aber ist das Scheitern der CDU nun auf parteipolitische Strategien der Grünen zurückzuführen oder ist das Scheitern auf die Grünen zurückzuführen?
Auch unsere Lokalpolitiker meldeten sich mit Sachverstand zu Wort. Rückwärtsgewandt die CDU, denn deren Ortsvereinsvorsitzender hat schon im Vorfeld „damit gerechnet, dass die CDU das Ergebnis von 41,5 Prozent im Jahr 2013 nicht mehr erreichen wird (Schwäbische Zeitung, 26. 09. 2017). Da hat sich wohl bei der CDU in Ostrach noch nicht herumgesprochen, dass die Wahl im September 2017 stattgefunden hat und man allenfalls die Wahlergebnisse aus dem Jahr 2013 nicht mehr erreichen kann.
Ganz anders die SPD. Vorwärts ist deren Blick gerichtet: „Während 2009 und 2013 noch die Nachwirkungen der Agenda 2030 spürbar gewesen seien, sei diesmal mit der AfD eine neue Partei zur Wahl gestanden“ (Schwäbische Zeitung, 26. 09. 2017). Sollte die SPD die Agenda 2010 meinen, könnte man das noch verstehen. Aber die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung vom 01. 01. 2016 kann man nun wirklich nicht für das Abschneiden der SPD verantwortlich machen. Aber wer weiß, ob die SPD in Ostrach bei der nachhaltigen Entwicklung in Ostrach nicht doch noch einen Schuldigen finden könnte, und sei es die Agenda 2030.
Ja, schwer ist das Politikerleben – im Bund, im Land und auf dem Dorf. Und wer genug davon hat, macht es wie die langjährige CSU-Abgeordnete Dagmar Wöhrl. „Die zieht sich aus dem Bundestag zurück – und in die ‚Höhle der Löwen‘ ein“ (Bayernkurier online 06. 09. 2017). Ja, ja: „Sie hob den Blick und ein Bein gen Himmel“, können wir bei Laurence Sterne lesen.
In Ostrach richtete der Gemeinderat allerdings am 4. September den Blick gen Hahnennest. Dort ging es nämlich um eine Hybridanlage. Und ohne hybrid zu werden, darf man schon behaupten, dass einiges Seltsame in der Lokalpresse berichtet wurde. So sei z. B jemand bereits in Aussicht, „der sich um die Schallminimierung mit dem Augenmerk auf neutrale Betrachtung kümmere“, wird eine Mitarbeiterin der Gemeinde Ostrach in der Schwäbischen Zeitung vom 05. 09. 2017 zitiert. Vielleicht sollte man sein Augenmerk weniger auf neutrale Betrachtung richten, sondern auf verständliches Deutsch; dazu müsste man sich allerdings um eine verständliche Sprache kümmern und weniger um die Schallminimierung. Das macht nämlich schon ein Gemeinderat der SPD, der die Aussage fordert, dass ein Höchstwert festgelegt werden solle (Südkurier, 05. 09. 2017). Wenn dem Gemeinderat aber die Aussage verweigert wird, muss er sie halt erzwingen, sonst könnte sie schnell für ihn belastend werden, die geforderte Aussage.

Da geht es in der Nachbargemeinde schon beschaulicher zu. Dort sitzt der Journalist „gemütlich in einer Pfullendorfer Location von gehobenem Ambiente“ und hat sich „ein köstliches, ja zauberhaftes Abendmenü bestellt“ (Südkurier, 22. 12. 2017). Guten Appetit in der Location! Hoffentlich findet er wieder aus dem Lokal heraus und es geht ihm nicht wie seinem Bekannten, der im Irrgarten unterwegs war und den Weg nicht aus der Gaststätte fand: „Zu blöde, selbst ein 20-minütiges intensives Hirnen brachte keinen tauglichen Lösungsansatz (Südkurier, 18. 10. 2017 Im Irrgarten unterwegs). Grüezi, kann man da nur sagen! Wenn der ausgehirnt hat, kann er ja im Schweizerischen Idiotikon nachschlagen, vielleicht findet er dann den Weg.

Manchmal ist es halt zum In-die-Luft-gehen bei dem Journalistendeutsch. Da „punktet der Adventsmarkt mit Optik“ (Schwäbische Zeitung, 26. 11. 2017) und „um die Reliquien des heiligen Nikolauses wurde in frühen Zeiten heftig gestritten“ (Schwäbische Zeitung, 02. 12. 2017). Aber des heiligen Nikolaus oder Nikolaus‘ Gepäck ist bei Weitem nicht so schwer wie das eines Ostracher Gesangsduos. Denn im Gepäck dieser Sänger ist immer „ein Stück ihrer Heimat und ein Teil ihrer Persönlichkeiten“ (Schwäbische Zeitung, 01. 12. 2017). So einzigartig ist eben nur Ostrach. Na, dann viel Spaß beim Auspacken der Persönlichkeiten!

Die Fluggesellschaft Niki kann nun leider nicht mehr in die Luft gehen, auch wenn Lufthansa sie mit einer Brückenfinanzierung in der Luft halten wollte. Auch sei der Insolvenzantrag für Niki schon vorbereitet und „liege bereits auf der Fensterbank“, schreibt der um Metaphern nicht verlegene Autor in der Süddeutschen Zeitung vom 14. 12. 2017. Der Fluggesellschaft kann das Futter auf der Fensterbank nicht mehr über den Winter helfen. Sie wird im Jahre 2018 nicht mehr in der Luft sein.

„Was war Ihnen im Jahr 2017 am Wichtigsten? Für mich waren es die vielen Begegnungen mit Menschen …“, fragt mich per E-Mail eine Politikerin und gibt gleich die Antwort, was ihr am wichtigsten war.
Mir ist es am wichtigsten, dass die Leser meines Blogs im Jahre 2018 gesund bleiben. Ihnen wünsche ich allen ein gutes neues Jahr.

 

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3 Antworten zu Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen III

  1. Jan Eckhoff schreibt:

    Ja, wo kämen wir hin…? Wenn alle immer treu und redlich alles abnicken würden? Dann wäre es wahrlich ruhig und keine störenden Fragen oder Kommentare verunglimpften die trauliche Illusion.
    Nein, Unruhe ist heilsam und jeder und jede hat das Recht, das auf seine oder ihre jeweilige Weise einzubringen. Verantwortungsvoll beinhaltet doch auch, dass Verantwortung sich qualifizieren muss.
    Ob das mit „Ruhe als erster Bürgerpflicht“ gewährleistet ist?
    Hinterher kann dann zumindest gesagt werden, dass man nichts gewusst hätte….

  2. KILGENSTEIN schreibt:

    Sehr geehrter, lieber Herr Schreijäg,
     
    „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ oder korrekter „Die erste Bürgerpflicht ist Ruhe.“(SBB) Ich muss Ihnen als Historiker nicht eigens erklären, dass dieser der Monarchie entstammende Kernsatz nach der Niederlage bei Jena und Auerstädt auch ohne weiteres auf funktionierende oberschwäbische Kommunaldemokratien zu übertragen ist. Da nützt es auch nichts, Ihre bermanenten Bruddeleien(BB) als Bürgerbeteiligung (BB) zu tarnen und das Ganze auch noch sprachkosmetisch aufzubolieren(SAB)
    Für eine funktionierende Verwaltung ist obrigkeitsgewogene Ruhe unerlässlich. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand wie Sie die Berliner Regierung mitsamt den 709 Abgeordneten dauernd bei ihrer aufopferungsvollen Arbeit stören würde.
    Soll es uns am Ende noch so gehen wie den aufmüpfigen Franzosen, den euroskeptischen Briten oder den regierungsallergischen Italienern?  Nein, Herr Schreijäg, Ruhe, das ist nicht feige Angepasstheit, sondern urdeutsche Sehnsucht nach Harmonie, Frieden und effizienter Führung, wie das 20.Jahrhundert gezeigt hat, das alle 43 deutschen Gaue vereint marschieren ließ.
     
     
    Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Schreijäg, alles Gute im neuen Jahr.
     
     
    Hubert Kilgenstein

  3. Jan Eckhoff schreibt:

    Ja denn auch auf ein Gutes Neues Jahr und vielen Dank für die Glossen!!
    Ich amüsiere mich allemal gerne wieder….manchmal besser als sich bloß zu ärgern…

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