Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen II

„Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit des Menschen zugrunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu gebrauchen …“, schreibt der Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe. Ob er bei dem willkürlichen Gebrauch an unsere Presse gedacht hat? Fast könnte man es meinen, wenn man die folgenden ausgewählten Beispiele aus unserer Regionalpresse näher betrachtet.

So meldet z. B. die „Schwäbische“ am 12. Januar, dass der Fuchs im Eis der zugefrorenen Donau nahe des Jägerhauses in Fridingen erstarrt sei. Auch weil gegenüber des Hotels Bäume stehen, sei der Transport eines Schwimmbeckens in Waldbeuren problematisch, zumal der Gartenzaun vom Nachbargrundstück im Wege stehe (Schwäbische Zeitung, 02. 02. 2017). Manchmal ist halt der Genitiv dem Dativ sein Feind. Dem Fuchs aber ist es egal, ob er nahe dem Jägerhaus gegenüber dem Hotel in der Donau ertrunken ist. Er ist im Jägerhaus in präpariertem Zustand zu bewundern, wenn man den Gartenzaun des Nachbargrundstücks überwunden hat.
Schlecht ist es auch um die Polizei in Ostrach bestellt. Wenn früher an einem „Tag in der Woche zwei Beamten in Ostrach“ waren, lief der Polizeiposten trotzdem auf absoluter Sparflamme („Schwäbische“, 27. 03. 2017). Nur zwei Beamte für Ostrach? Diese Meldung muss sich wie ein Lauffeuer verbreitet haben. Nur so ist es zu erklären, dass in Ostrach der Polizeiposten nicht mehr auf absoluter Sparflamme brennt, sondern die Flamme erloschen und der Posten aufgelöst ist.
Sportlich wird es im Frühjahr, wenn die „Schwäbische“ über die Abnahme des Sportabzeichens meldet: „Zu den Klassikern gehören neben der Leichtathletik und des Geräteturnens das Schwimmen“ (SZ 29. 03. 2017). Richtig. Zu den Klassikern gehören neben dem Dativ der Genitiv und der Nominativ, manchmal auch der Akkusativ. Man sollte diese Klassiker nicht willkürlich verwenden, sondern mit „ausgebildeter Vernunft“.
Geht es um den Transport auf der Schiene, tut sich in Ostrach einiges. „Den Transport organisiert die Firma Boxtango aus Ostrach, mit dessen Geschäftsführer Martin Burkhardt die Eigentümer der Bahnstrecke seit zwei Jahren im Gespräch stehen“ (SZ, 21. 04. 2017). Ob diese Gespräche erfolgreich sein werden, ist vollkommen unklar, ist doch Martin Burkhardt der Geschäftsführer des Transports. Wer der Geschäftsführer der Firma ist, dürfte hoffentlich den Eigentümern der Bahnstrecke bekannt sein, denn sonst würden sie nicht im Gespräch, sondern im Regen stehen.
Das Wort des Jahres 2017 ist noch nicht bekannt. In der „Schwäbischen“ und im „Südkurier“ dürfte sicher ein Begriff aus der Physik an erster Stelle stehen. Im Südkurier bringt die Bücherei in der Pfarrhofgasse in Pfullendorf Frequenz (Südkurier, 21. 08. 2017), in der „Schwäbischen“ verlässt „mit dem Nadelöhr ein Frequenzbringer die Gemeinde“(SZ 14. 06. 2017). Da bleibt dem Ostracher nichts anderes übrig, als auf seinem Rennrad mit hoher Pedalfrequenz nach Bad Saulgau zu fahren, denn dort bringt das Nadelöhr in der Bachstraße hoffentlich Frequenz. Sollte er auf dieser Fahrt feststellen, dass illegale Farbschmierereien das Gebäude der Fußballtribüne und die Bushaltestelle in Ostrach verunstaltet haben (Mitteilungsblatt, 03. 08. 2017), kann er sich ja darüber Gedanken machen, wo es in Ostrach legale Schmierereien gibt.
An Mariä Himmelfahrt feierte das Koster Habsthal 125 Jahre Benediktinerinnenpriorat. Anlass für die „Schwäbische“, auch über die Anfänge der Benediktinerinnen im Kloster zu berichten: „Nach und nach richteten sie das Kloster wieder her und die Zimmer ein“ (Schwäbische, 15. 08. 2017). Da fällt einem nur noch Heinz Erhardt ein: „Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.“ Unfreiwillig komisch wird es allerdings dann, wenn ein unbenutzter Teebeutel im Pfullendorfer Café Moccafloor den Journalisten zu folgender Formulierung hinreißt: „Die hippieske Lady kriegt das natürlich mit und sich nicht mehr ein“ (Südkurier, 20. 08. 2017). Sie war leicht zu amüsieren, die Dame, die hippieske.
Aber nicht nur unsere regionalen Blätter kriegen sich manchmal nicht mehr ein, auch die großen überregionalen scheinen die Sprache von Fall zu Fall willkürlich zu gebrauchen. Hier ein Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom 19. April 2017: „Aber seit Martin Schulz die SPD belebt hat, stehen sie (die Grünen) vollends wie ein Schluck Wasser in der Kurve“. Auf die Grünen wirkten immer besondere Gravitationskräfte ein, die so ein physikalisches Wunder bewirken konnten.
Zum Schluss Erinnerung an einen richtigen Klassiker: Er wäre am 28. August 268 Jahre jung, literarisch ein absoluter Frequenzbringer, der Herr Goethe!

Dem Volk auf das Maul sehen I

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