Kannitverstan oder wer ist eigentlich der unbekannte Handwerksbursche

„Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen (und auch in Ostrach) so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will …“
Die Geschichte ist bekannt: Johann Peter Hebels „Kannitverstan“ aus dem „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“, der Beginn des ersten Satzes, bis auf die Klammer, Ostrach wird explizit nicht erwähnt.
Weshalb der „Kannitverstan“ hier Eingang findet? Sicher nicht, weil Hebel vor 210 Jahren die Redaktion des „Rheinländischen Hausfreundes“ übernommen hatte. Vielleicht weil von Gundelfingen neulich hier die Rede war; doppelt so groß wie Ostrach, wo Jugendliche zusammen mit Bürgermeister und Gemeinderat einen Kunstrasenplatz planten. Vielleicht weil man in Ostrach und Berlin manches nicht verstehen kann, bei Wahlergebnissen angefangen: Sachsen 27 % und Levertsweiler 21,3%. Kannitverstan.
Oder ist es einfach die zufällige Begegnung mit einem vermeintlich vertrauten Text, bei dem man seine Überlegungen anstellt, unkonventioneller und freier, als es eine strenge Interpretation verlangte. Zumal ausgiebig interpretiert ist der Kannitverstan ja z. B. im Netz: Inhalt, Struktur des Textes, Sprache, Erzählhaltung; das fabula docet, wie der Handwerksbursche „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“ kommt: Vor dem Tod gibt es keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, der Tod macht alle gleich, den Handwerksburschen und den „vermeinten Herrn Kannitverstan“.
Auch ist die Geschichte ja schnell zusammengefasst: Ein deutscher Handwerksbursche ist in Amsterdam geblendet von der prächtigen Stadt, bestaunt ein Haus und ein Schiff, fragt nach dem Besitzer und erhält die Antwort: Kannitverstan (Ich kann euch nicht verstehen). In der Annahme, der Holländer verstehe Deutsch, glaubt er, Kannitverstan sei der Name des reichen Mannes. Bei einem großen Leichenzug wiederholt sich die Situation. Er stellt die Frage, wer der Tote sei und erhält die nämliche Antwort: Kannitverstan. Und so wird gegen Ende der Geschichte klar, was der Autor mit seinen einleitenden Worten abstrakt formuliert, nämlich dass der Handwerksbursche auf dem seltsamsten Umwege „durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis“ kommt.

Der Tuttlinger Kannitverstan. Eine Skulptur des Bildhauers Roland Martin.

So weit, so gut: Nur wer ist eigentlich der deutsche Handwerksbursche? Ein Namenloser auf der Wanderschaft von Tuttlingen nach Amsterdam; nur einmal  wird erwähnt, es handle sich um einen „guten Duttlinger“. Ein naiver Mensch, dem es mal schwer, mal leicht ums Herz ist, der treuherzig um Entschuldigung bittet („und bat ihn treuherzig um Excüse“), dem ein „paar große Tränen aus den Augen“ fallen und der mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse verzehrt. Und während er wie unter einer Käseglocke im Gestank des Limburger Käses, auch Stinkkäse genannt, sitzt, reflektiert er über sein Leben und ist dabei zufrieden. Er ist alles andere als „pfiffig“, wenn dies die Tuttlinger auch ganz gern hätten („Bei diesem Spaziergang durch die Stadt werden Geschichten über den pfiffigen Handwerksburschen … erzählt“). Er ist schlicht „tumb“, so ist er treffend charakterisiert. Das Wort „tumb“ ist auch in der Neuausgabe des Dudens zu finden. Erstaunlich. Eigentlich ist es mittelhochdeutsch. In Lexers Taschenwörterbuch wird das Adjektiv u. a. so übersetzt: töricht, unbesonnen, einfältig, unklug, unerfahren, jung. Dies trifft alles auf unseren „Duttlinger“ zu, genauer kann man ihn nicht charakterisieren.
Wieso der Handwerksbursche bei Hebel gerade aus Tuttlingen kommt? Vielleicht weil die Stadt noch in aller Munde war. Vollständig abgebrannt im Jahre 1803 und nach neuesten städteplanerischen Gesichtspunkte wieder aufgebaut, dürften Ort und Ereignis Hebels Lesern vertraut gewesen sein. Dass es sich bei dem „Duttlinger“ um eine historische Gestalt handeln könnte, ist unwahrscheinlich. Hebels „Kannitverstan“ liegt eine französische Anekdote zugrunde (C. Pietzcker: zu Hause, aber daheim nicht. Hebelstudien. Königshausen & Neumann. Würzburg 2010 S.33f).
Was den „guten Duttlinger“ nun betrifft, isst er nicht nur leichten Herzens seinen Limburger Käse, er scheint überhaupt olfaktorisch besondere Vorlieben zu haben. Einen Rosmarin oder eine Raute glaubt er auf sein Totenhemd zu bekommen („…und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute“). Stark riechende Heilkräuter! Im „Hortulus“ des Abtes Walahfried Strabo von der Reichenau heißt es über die Raute: „Rührt man leicht sie nur an, so verbreitet sie starke Gerüche. / Attactuque graves leni dispergit odores.“ Und was im Kräutergarten des Klosters Reichenau „starke Gerüche“ verbreitet hat, dürfte auch in Hebels Kalendergeschichte nicht geruchlos vorübergegangen sein, mischt er doch unter den Pfeffer sogar noch „Mausdreck“.

Die Moral von der Geschichte? Kein „Merke“ gibt es am Ende oder „Das muss der Rheinländische Hausfreund loben“. Der „geneigte Leser“ bekommt ja in den ersten beiden Sätzen der Einleitung alles gesagt, und „wenn er will“, kann er ja über den „Unbestand aller irdischen Dinge“ Betrachtungen anstellen – wenn er will.
Der „gute Duttlinger“ stellt die Betrachtungen am Schluss an und kommt zur Erkenntnis der Wahrheit. Dazwischen entfaltet der Prälat Johann Peter Hebel sein „Predigtmärlein“. Am Beispiel des Handwerksburschen zeigt er, dass jeder („der Mensch“) zu jeder Zeit („täglich“) an jedem Ort („Emmendingen und Gundelfingen“) zur Erkenntnis fähig ist. Dies kann manchmal von Gerüchen begleitet sein, sowohl in Amsterdam als auch in Sachsen oder Levertsweiler.

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Bundestagswahl 2017 – Gedanken am Wahltag

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 20 Absatz 2).

Unstrukturierte Gedanken am Wahlsonntagnachmittag, nichts Tiefschürfendes, eine Art Brainstorming zum Zeitvertreib, bis die ersten Hochrechnungen heute Abend eintrudeln und der Souverän, das Volk, der Träger der Staatsgewalt, sieht, was er da allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim gewählt hat. Wahlen? Legitimierung des politischen Systems, Übertragung von Vertrauen an Personen und Parteien, Herbeiführung einer Entscheidung über Regierungsbildung, Einsetzung einer kontrollfähigen Opposition usw.; das alles und vieles mehr findet man unter dem Stichwort „Funktionen von Wahlen“ in jedem beliebigen Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik.
Der Souverän habe gesprochen. Diese gestanzte Formel wird man heute Abend oft hören von den gewählten Repräsentanten. Hat er, der Souverän?
„Die Souveränität kann nicht repräsentiert werden, und zwar aus demselben Grund, aus dem sie nicht veräußert werden kann… Das englische Volk glaubt frei zu sein; es täuscht sich sehr; frei ist es nur während der Wahl der Parlamentsmitglieder; sobald sie gewählt sind, ist es Sklave, es ist nichts.“
Nichts! Rousseau. 1762 im dritten Buch seines Contract Social.
Mit Demut werde er das Wahlergebnis zur Kenntnis nehmen. Diese Floskel wird man heute Abend auch öfter hören. Ja, ja. Wis getriuwe, wis staete, wis milte, wis diemüete, klingt es da im Ohr ganz mittelalterlich nach Hartmanns „Gregorius“. Aber der demütige Held der Geschichte wird am Ende Papst, etwas, was unseren demütigen Repräsentanten kaum widerfahren dürfte.

Von Rousseau war jedoch die Rede und von seinem harschen Wort über das Wahlvolk, das sich frei wähnt und doch nur Sklave sei. Und um diesem Volk, nicht dem englischen, sondern dem deutschen, mehr Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitwirkung im politischen Prozess einzuräumen, haben die wahrscheinlich im Bundestag vertretenen Parteien in ihren Wahlprogrammen die folgenden Forderungen und Versprechen aufgeschrieben. Die seien hier wiedergegeben, wobei die Seitenangabe auf das jeweilige Wahl- oder Regierungsprogramm der Partei verweist.

Grüne: Demokratie lebt auch vom Vertrauen in die Wähler*innen, deshalb wollen wir GRÜNE Elemente direkter Demokratie auch in der Bundespolitik stärken. Wir wollen Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheide in die Verfassung einführen (S. 148).

Die Linke: Wir wollen Volksinitiativen, Volksbegehren und Volksentscheide auf Bundesebene einführen. Die Ausweitung der Mitbestimmungsrechte schließt auch die Einführung von Referenden ein, d.h. die Bürgerinnen und Bürger können gegen parlamentarische Entscheidungen ein Veto einlegen (S. 111).

SPD: Zur Unterstützung der parlamentarischen Demokratie wollen wir direkte Demokratiebeteiligung auf Bundesebene stärken (S.79).

AfD: Das Volk soll auch die Möglichkeit erhalten, eigene Gesetzesinitiativen einzubringen und per Volksabstimmung zu beschließen. Die AfD fordert Volksentscheide nach Schweizer Vorbild auch für Deutschland. Ohne Zustimmung des Volkes darf das Grundgesetz nicht geändert und kein bedeutsamer völkerrechtlicher Vertrag geschlossen werden (S. 8).

FDP: Wir stärken die liberale Demokratie als Lebensform, indem wir ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement, den punktuellen Einsatz professionell moderierter Bürgerbeteiligung sowie den probeweisen Ausbau von Instrumenten der direkten Demokratie auf kommunaler Ebene und Landesebene unterstützen (S. 96).

CDU: Fehlanzeige

Da müsste sich der Schreiber dieser Seiten aber mächtig freuen, sind doch immerhin 5 Parteien seiner Meinung: Demokratie lebt nur durch Bürgerbeteiligung. Ganz so ist es aber nicht. Wer nur probeweise direkte Demokratie auf kommunaler Ebene und Landesebene unterstützen möchte, scheint wohl nicht von dieser Welt zu sein. Zumindest kennt er weder unsere Landesverfassung noch unsere Kommunalverfassung.
Zugegeben, jenseits der Wahlen sind Partizipationsformen aller Art mit deutlich höherem Zeitaufwand verbunden. Wer aber an 53 Sonntagen im Jahr 2017 ausgerechnet am Wahlsonntag keine Zeit hat, persönlich seine Wahl im Wahllokal vorzunehmen, der wird bei umfassenderen Formen der Mitwirkung schon gar keine Zeit haben. „Die Wahl ist das Hochamt der Demokratie, sie findet nicht ohne Grund in öffentlichen Räumen statt. Aber immer weniger Bürger sehen sich bemüßigt, am Sonntag ihr Wahllokal zu besuchen. Fehlt es also am Respekt vor der Demokratie?“, fragt die Süddeutsche Zeitung vom 22. August 2017 ihre Leser.
„Die Zahl der Briefwähler bei der Bundestagswahl steuert auf einen neuen Rekord zu. Nach Angaben der Stadt München hatten bis Montag bereits 34,5 Prozent der Wähler Briefwahlunterlagen beantragt“, so das Handelsblatt vom 19. 09. 2017.
Kein Wunder, wenn man den Wahlaufruf der Spitzenkandidaten der Grünen auf twitter liest: „Frei wählen zu können, ist ein Geschenk. Wer am 24. September ausschlafen, brunchen, Serien schauen will: Jetzt die Briefwahl beantragen“, so Frau Göring-Eckardt.
„Die Briefwahl soll kranken, behinderten oder anderweitig am Wahltag verhinderten Personen die Ausübung des Wahlrechts ermöglichen. In einigen Ländern steht es jedem frei, anstatt im Wahllokal per Brief zu wählen, wodurch die Wahlbeteiligung erhöht werden soll“ (Wikipedia). Richtig. Von Brunchen und Serien schauen ist hier aber nicht die Rede. Es scheint fast so, als ob wir das „Hochamt der Demokratie“ aus Bequemlichkeit abschaffen wollten. Das muss einmal gesagt sein.
Auch gesagt sein muss: Wer Volksentscheide nach Schweizer Vorbild will und gleichzeitig den Erwerb des Waffenscheins für gesetzestreue Bürger erleichtern will, wer den Euro-Raum verlassen will, wer aus der EU austreten will, wer die Strafmündigkeit auf 12 Jahre absenken will, wer der Meinung ist, dass durch staatlich geförderte Umerziehungsprogramme in Kindergärten und Schulen das bewährte, traditionelle Familienbild beseitigt werde, wer behauptet, es finde bei uns ein Kulturkampf zwischen Abendland und dem Islam als Heilslehre statt, wer wie Donald Trump das Pariser Klimaschutzabkommen kündigen will und wer Flüchtlinge nach dem australischen Vorbild ausnahmslos in außereuropäische Aufnahmezentren überführen will, wer das alles will, mit dem möchte ich nichts zu tun haben.

Und jetzt bin ich gespannt, wer mich die nächsten 4 Jahre repräsentieren wird, schließlich läuft meine Souveränität heute Abend noch aus.

 

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Jugendbeteiligung in Ostrach

„Jugendbeteiligung in der Warteschleife“ hieß es am 7. Dezember 2016 in der Schwäbischen Zeitung. Wie Kinder und Jugendliche in die Kommunalpolitik einbezogen werden können, dazu sei der Gemeinde bisher noch nichts eingefallen, so Bürgermeister Schulz vor 10 Monaten. Das Engagement der Jugendlichen im Rahmen des Strategieplans Ostrach 2030 im Juni 2015, moderiert vom Planungsbüro Reschl, wird ignoriert. „Tatsächlich wäre es an uns gewesen, den Ball zurückzuspielen“, sagte der Bürgermeister damals der „Schwäbischen“. Da war aber nichts mit dem Zuspiel, die Flanke ging ins Aus.
Jetzt hat die Gemeinde den Ball wieder aufgegriffen, nachdem zwei Jahre Sendepause bzw. „Spielpause“ war (Beschluss des Gemeinderates vom 04. 09. 2017; Bericht der Schwäbischen Zeitung vom 13. 09. 2017). Die Zauberformel heißt 14er – Rat und jeder darf mitmachen. Von wegen!

Aber der Reihe nach.
1. Die Gemeinde Ostrach hat Probleme mit der zügigen Umsetzung der Gemeindeordnung.
2. Die Gemeinde Ostrach hat Schwierigkeiten mit den Modalverben sollen und müssen.

Ad 1: „(1) Die Gemeinde soll Kinder und muss Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Weise beteiligen. Dafür sind von der Gemeinde geeignete Beteiligungsverfahren zu entwickeln.“ Soweit § 41a der Gemeindeordnung. Dieser Paragraf der Gemeindeordnung ist seit dem 28. Oktober 2015 in Kraft und nicht erst seit dem 4. September 2017.
Seit zwei Jahren hätte die Gemeinde „geeignete Beteiligungsverfahren“ entwickeln sollen oder müssen.
Ad 2: Im Deutschen gibt es Modalverben. Dazu gehören u. a. sollen und müssen. In seiner Hauptbedeutung drücke sollen ganz allgemein eine (Auf)forderung aus, erläutert der Duden. Die Zehn Gebote sind im Deutschen mit dem Modalverb sollen formuliert. (Du sollst nicht stehlen.) Wie jeder weiß, werden sie nicht immer befolgt.
„Als Hauptbedeutung von müssen tritt ‚Notwendigkeit‘ auf“, formuliert die Duden-Grammatik. Man könnte auch sagen, muss stellt einen Zwang fest, dem man sich nicht entziehen kann, bei muss gibt es keinen Ermessensspielraum.
In Ostrach schon. Der Ermessensspielraum erstreckt sich inzwischen über zwei Jahre. So lange schon lässt sich die Gemeinde mit der Umsetzung des Paragrafen 41a der Gemeindeordnung Zeit.

Jugendliche müssen bei Planung und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Weise beteiligt werden. Jugendliche? Jugendliche sind im Rechtssinne Personen, die das 14., aber noch nicht das 18. Lebensjahr vollendet haben (z. B. § 1,2 JGG). Also kann sich das Angebot nicht nur an 14-Jährige richten. Die allmähliche Vergrößerung des Kreises, dies ist zu befürchten, könnte bei dem spezifischen Ostracher Zeitbegriff mehrere Jahre dauern. Aber man muss ja froh sein, wenn sich überhaupt etwas bewegt.

Im Rahmen ihres Workshops haben die Ostracher Jugendlichen vor zwei Jahren Bewertungen gemacht. „Jugendarbeit und Jugendtreffs: negativ; Kommunikation Jugendliche und Rathaus: negativ.“ Ihr Engagement im Rahmen des Gemeindeentwicklungskonzepts wurde nie aufgegriffen. „Die Diskrepanz zwischen dem Partizipationsversprechen und der potenziellen Folgenlosigkeit realisierter Partizipation kann zu Enttäuschungen führen“ (Der Bürger im Staat. Heft 4-2016 Politische Partizipation junger Menschen. Lpb S. 326). Es hat schon einmal zu Enttäuschung geführt. Und wer enttäuscht wird, wendet sich ab.

Wie gekonnt es andere Gemeinden machen und machten, kann man am Beispiel der Gemeinde Gundelfingen sehen. Dort beschäftigten sich Jugendliche mit ihrem Kunstrasenplatz, informierten sich über Kosten, redeten mit dem Bürgermeister, suchten nach Argumenten. Und in Ostrach? Da entschied der Gemeinderat in einer nichtöffentlichen Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit über einen Kunstrasenplatz.

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Gemeinde Ostrach muss Informationspflicht „vollumfänglich anwenden und beachten“

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Gemeindeverwaltung Ostrach über die Anwendung des § 41 b GemO Informationspflicht habe ich vom Landratsamt Sigmaringen die folgende E-Mail mit Datum vom 30. August 2017 erhalten. Ich gebe die Ausführungen des Landratsamtes vollständig und meinerseits unkommentiert wieder. Für mich ist der Vorgang somit vorläufig abgeschlossen.

Sehr geehrter Herr Schreijäg,

nachdem wir nun auch die abschließende Rückantwort der Gemeinde Ostrach, auf Ihre u.g. Ausführungen erhalten haben, können wir Ihnen auf Ihre Nachricht vom 25.07.2017 Nachfolgendes mitteilen:

Gemäß Artikel 11 Absatz 2 des Gesetzes zur Änderung kommunalverfassungsrechtlicher Vorschriften (KomVerfÄndG BW 2015) tritt der Artikel 1 Nummer 17 KomVerfÄndG BW 2015 und der Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 ein Jahr nach der Verkündung des Gesetzes zur Änderung kommunalverfassungsrechtlicher Vorschriften in Kraft. Insofern sind sowohl § 41b GemO als auch Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 zum 30.10.2016 in Kraft getreten. Ein Außerkrafttreten des Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 kann den gesetzlichen Bestimmungen nicht entnommen werden, weshalb aus unserer Sicht § 41b GemO und Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 gleichermaßen nebeneinander gelten.

Nach dem Wortlaut des Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 ist für die Anwendung der Vorschriften des § 41b Absatz 1, 2 und 5 GemO die Existenz eines “elektronischen Systems zur Bereitstellung der Sitzungsunterlagen für die Gemeinderäte“ entscheidend. Bisher wurde uns gegenüber von der Gemeinde Ostrach der Sachstand vermittelt, dass die Gemeinde Ostrach über kein elektronisches System zur Bereitstellung der Sitzungsunterlagen für die Gemeinderäte verfügt. Auf diesen Aussagen basierte unsere vorangegangene Mitteilung.

Nachrichtlich dürfen wir an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch durch die Veröffentlichung der Tagesordnung auf der Homepage der Gemeinde oder durch die Versendung der Sitzungsunterlagen per E-Mail noch keine Aussage über die Existenz eines elektronischen Systems zur Bereitstellung der Sitzungsunterlagen für die Gemeinderäte gemacht werden kann.

Nunmehr hat sich allerdings ergeben, dass die Gemeinde Ostrach – entgegen bisheriger Mitteilungen der Gemeinde Ostrach – über ein elektronisches System zur Bereitstellung der Sitzungsunterlagen für die Gemeinderäte verfügt. Dies stellt für uns einen neuen und bisher unbekannten Sachverhalt dar, mit der Folge, dass Artikel 10 § 1 KomVerfÄndG BW 2015 vorliegend keine Anwendung findet. Die Gemeinde Ostrach hat die Bestimmungen des § 41b GemO insofern vollumfänglich anzuwenden und zu beachten.

Wir haben die Gemeinde Ostrach dazu aufgefordert, die Bestimmungen des § 41b GemO zukünftig vollumfänglich und konsequent zu beachten und umzusetzen. Die Gemeinde Ostrach hat uns gegenüber mitgeteilt, dass die Vorgaben des § 41b GemO zukünftig eingehalten werden. Anhand der uns gegebenen Möglichkeiten werden wir dies stichprobenartig überprüfen.

Für ein weiteres kommunalrechtliches Einschreiten sehen wir unter diesen Umständen derzeit keinen Anlass.

Mit freundlichen Grüßen

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen II

„Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit des Menschen zugrunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu gebrauchen …“, schreibt der Geheime Rat Johann Wolfgang von Goethe. Ob er bei dem willkürlichen Gebrauch an unsere Presse gedacht hat? Fast könnte man es meinen, wenn man die folgenden ausgewählten Beispiele aus unserer Regionalpresse näher betrachtet.

So meldet z. B. die „Schwäbische“ am 12. Januar, dass der Fuchs im Eis der zugefrorenen Donau nahe des Jägerhauses in Fridingen erstarrt sei. Auch weil gegenüber des Hotels Bäume stehen, sei der Transport eines Schwimmbeckens in Waldbeuren problematisch, zumal der Gartenzaun vom Nachbargrundstück im Wege stehe (Schwäbische Zeitung, 02. 02. 2017). Manchmal ist halt der Genitiv dem Dativ sein Feind. Dem Fuchs aber ist es egal, ob er nahe dem Jägerhaus gegenüber dem Hotel in der Donau ertrunken ist. Er ist im Jägerhaus in präpariertem Zustand zu bewundern, wenn man den Gartenzaun des Nachbargrundstücks überwunden hat.
Schlecht ist es auch um die Polizei in Ostrach bestellt. Wenn früher an einem „Tag in der Woche zwei Beamten in Ostrach“ waren, lief der Polizeiposten trotzdem auf absoluter Sparflamme („Schwäbische“, 27. 03. 2017). Nur zwei Beamte für Ostrach? Diese Meldung muss sich wie ein Lauffeuer verbreitet haben. Nur so ist es zu erklären, dass in Ostrach der Polizeiposten nicht mehr auf absoluter Sparflamme brennt, sondern die Flamme erloschen und der Posten aufgelöst ist.
Sportlich wird es im Frühjahr, wenn die „Schwäbische“ über die Abnahme des Sportabzeichens meldet: „Zu den Klassikern gehören neben der Leichtathletik und des Geräteturnens das Schwimmen“ (SZ 29. 03. 2017). Richtig. Zu den Klassikern gehören neben dem Dativ der Genitiv und der Nominativ, manchmal auch der Akkusativ. Man sollte diese Klassiker nicht willkürlich verwenden, sondern mit „ausgebildeter Vernunft“.
Geht es um den Transport auf der Schiene, tut sich in Ostrach einiges. „Den Transport organisiert die Firma Boxtango aus Ostrach, mit dessen Geschäftsführer Martin Burkhardt die Eigentümer der Bahnstrecke seit zwei Jahren im Gespräch stehen“ (SZ, 21. 04. 2017). Ob diese Gespräche erfolgreich sein werden, ist vollkommen unklar, ist doch Martin Burkhardt der Geschäftsführer des Transports. Wer der Geschäftsführer der Firma ist, dürfte hoffentlich den Eigentümern der Bahnstrecke bekannt sein, denn sonst würden sie nicht im Gespräch, sondern im Regen stehen.
Das Wort des Jahres 2017 ist noch nicht bekannt. In der „Schwäbischen“ und im „Südkurier“ dürfte sicher ein Begriff aus der Physik an erster Stelle stehen. Im Südkurier bringt die Bücherei in der Pfarrhofgasse in Pfullendorf Frequenz (Südkurier, 21. 08. 2017), in der „Schwäbischen“ verlässt „mit dem Nadelöhr ein Frequenzbringer die Gemeinde“(SZ 14. 06. 2017). Da bleibt dem Ostracher nichts anderes übrig, als auf seinem Rennrad mit hoher Pedalfrequenz nach Bad Saulgau zu fahren, denn dort bringt das Nadelöhr in der Bachstraße hoffentlich Frequenz. Sollte er auf dieser Fahrt feststellen, dass illegale Farbschmierereien das Gebäude der Fußballtribüne und die Bushaltestelle in Ostrach verunstaltet haben (Mitteilungsblatt, 03. 08. 2017), kann er sich ja darüber Gedanken machen, wo es in Ostrach legale Schmierereien gibt.
An Mariä Himmelfahrt feierte das Koster Habsthal 125 Jahre Benediktinerinnenpriorat. Anlass für die „Schwäbische“, auch über die Anfänge der Benediktinerinnen im Kloster zu berichten: „Nach und nach richteten sie das Kloster wieder her und die Zimmer ein“ (Schwäbische, 15. 08. 2017). Da fällt einem nur noch Heinz Erhardt ein: „Ich heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.“ Unfreiwillig komisch wird es allerdings dann, wenn ein unbenutzter Teebeutel im Pfullendorfer Café Moccafloor den Journalisten zu folgender Formulierung hinreißt: „Die hippieske Lady kriegt das natürlich mit und sich nicht mehr ein“ (Südkurier, 20. 08. 2017). Sie war leicht zu amüsieren, die Dame, die hippieske.
Aber nicht nur unsere regionalen Blätter kriegen sich manchmal nicht mehr ein, auch die großen überregionalen scheinen die Sprache von Fall zu Fall willkürlich zu gebrauchen. Hier ein Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom 19. April 2017: „Aber seit Martin Schulz die SPD belebt hat, stehen sie (die Grünen) vollends wie ein Schluck Wasser in der Kurve“. Auf die Grünen wirkten immer besondere Gravitationskräfte ein, die so ein physikalisches Wunder bewirken konnten.
Zum Schluss Erinnerung an einen richtigen Klassiker: Er wäre am 28. August 268 Jahre jung, literarisch ein absoluter Frequenzbringer, der Herr Goethe!

Dem Volk auf das Maul sehen I

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Wert berichtet zu werden

… was man in einem Immobilienportal alles über Ostrach erfahren kann. So kann man z. B. über Ostrach und das Gebiet um Ostrach Folgendes mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen:
„Ostrach hat eine gute Infrastruktur. Neben dem Kindergarten und der Gesamtschule im Ort sind außerdem Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf sowie sämtliche Discounter vorhanden.
Das Gebiet um Ostrach ist überwiegend naturgeschützt und bietet deshalb vielen seltenen Tierarten ein Zuhause. Für Natur- und Tierliebhaber ein wahres Paradies. Die rings um Ostrach vorhandenen Wander- und Radwege, sowie das Pfrunger-Burgweiler Ried laden zum Verweilen in der herrlichen Natur ein.“

Aldi, KiK, Lidl, Netto, NKD, Takko und natürlich Norma und Penny, sämtliche Discounter sind in Ostrach vorhanden. Diese umfassenden Einkaufsmöglichkeiten werden in Ostrach ergänzt durch ein hervorragendes Bildungsangebot. Gibt es doch in Ostrach neben Mannheim und Freiburg eine der wenigen Gesamtschulen in Baden-Württemberg, die den reibungslosen Zugang zur Universität ermöglichen. Die gut ausgebaute Infrastruktur Ostrachs kann man vor allem am Verkehrsnetz erkennen. Der regelmäßige Holztransport auf der Schiene und die ganzjährige Personenbeförderung verbinden Ostrach mit den Metropolen dieser Welt. Ergänzt durch E-Mobilität und ein dichtes Nahverkehrssystem (Bürgerbus) wird Ostrach einer globalisierten Welt in jeder Hinsicht gerecht.

Naturliebhaber, wie jeder Ostracher weiß, kommen in dem Gebiet um Ostrach auf ihre Kosten. Die naturgeschützte Landschaft bietet mehreren Tausend Kühen, Schweinen und Hühnern ein artgerechtes Zuhause. Beeindruckend ist die Pflanzenvielfalt in Ostrachs Landschaft. Mais und inzwischen auch die Donau-Silphie lassen das Herz jedes Pflanzenliebhabers höher schlagen. Unkraut in Form von Orchideen wird von Ostrachs Agrarexperten erfolgreich bekämpft. In dieser Idylle muss man sich einfach eine Immobilie kaufen, auch wenn sie 449000 € kostet. Sie ist es auf jeden Fall wert.

In Anlehnung an eine kleistsche Anekdote (Franzosen-Billigkeit, wert in Erz gegraben zu werden) wurde die Überschrift gewählt. Was hier recht und billig ist, mag der Kenner Ostrachs und seiner Umgebung unvoreingenommen entscheiden. Dass die Werbung in einem Immobilienportal nicht wert ist, in Erz gegraben zu werden, versteht sich.
Wie es um die tausend Kühe bestellt ist, kann man u. a. in dem Blog SatireSenf nachlesen. Satire? „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird …“ Soweit Tucholskys Definition. Die Autorin des Blogs braucht die Wahrheit nicht mehr aufzublasen. Sie ist überdeutlich.

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Au du dickes Ei!

Gelungen ist das große Werk! Man möchte bei dieser „Schöpfung“ fast in ein Halleluja einstimmen, wäre es nicht so peinlich.
Es ist der Verwaltung gelungen, fristgerecht nach § 41 b GemO die Beschlüsse der Gemeinderatssitzung vom 31. Juli 2017 der Öffentlichkeit mitzuteilen. Bravo! Weiter so! Um dies ins Werk zu setzen, hatte man 1 Jahr und 9 Monate Zeit.
Den zusammenfassenden Bericht kann man nun auf der Homepage der Gemeinde Ostrach nachlesen. Man klicke auf den rechten Frame – Informationen aus dem Gemeinderat- und dann, ja dann öffnet sich ein Fensterchen, das dem interessierten Bürger mitteilt, dass er jetzt die Website der Gemeinde Ostrach verlassen werde, sollte er sich  für den Gemeinderat interessieren. Somit wird eigentlich klar signalisiert, dass der Ostracher Gemeinderat mit Ostrach nichts zu tun hat.
Nichts Neues, wenn man bedenkt, dass weder Beratungsunterlagen noch Beschlüsse der Ausschüsse dieses Gremiums veröffentlicht werden. Nichts Neues, aber dennoch erstaunlich, wenn man sich klarmacht, dass dieses vom Bürger gewählte Gremium eigentlich dafür sorgen müsste, dass seine eigenen Beschlüsse veröffentlicht werden müssen, dass es dafür sorgen müsste, dass Missstände in der Gemeindeverwaltung beseitigt werden müssen (GemO §24,1). Veröffentlichung der eigenen Beschlüsse? – Kein Red‘ davon! Oder doch? Immerhin hat der Gemeinderat, wie es die neue Gemeindeordnung vorschreibt, das Redaktionsstatut für das Mitteilungsblatt festgelegt. Jetzt können die Fraktionen mit bis zu 1000 Zeichen im Amtsblatt die Ostracher über ihre Positionen zur Gemeindepolitik informieren, z. B über ihre Haltung zur Errichtung einer Biohybridanlage in Hahnennest. Da dürfen wir ja gespannt sein, ob die 1000 Zeichen dafür überhaupt ausreichen.
Wer übrigens mehr als nur die Ergebnisse bzw. Beschlüsse einer Gemeinderatssitzung wissen möchte, hat als Einwohner das Recht (GemO § 38), das Verlaufsprotokoll bzw. die Niederschrift einer Gemeinderatssitzung nach einem Monat auf der Gemeinde einzusehen.
Dann kann er auch Gründe und Argumente der Gemeinderäte nachlesen, die z.B. der Meinung waren, dass in Ostrach unbedingt eine Eiersortieranlage (Neubau einer Halle für eine Eiersortieranlage mit Nebenräumen, Maria-Perschl-Straße, Gem. Ostrach. Gemeinderatsbeschluss vom 31. Juli 2017) gebaut werden soll.

Eiersortieranlage? Das Video zeigt, wie raffiniert diese Einrichtung funktioniert.
Und wenn demnächst Tausende von Eiern täglich in der Maria-Perschl- Straße in allen Größen sortiert werden, wäre es doch angebracht, diese Halle mit Nebenräumen zu einem Eiersortier – Outlet – Center zu erweitern, damit alle Ostracher, Riedhauser und Königsegger Bürger Eier zum Vorzugspreis kaufen können. Schließlich handelt es sich um eine interkommunale Eiersortieranlage.
Die aussortierten Eier möge die Eiersortierfirma bitte zu Eierlikör verarbeiten. Prosit!

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