Bürgermeister Schulz vom Saulus zum Paulus

Jetzt ist es fast amtlich, also fast – im Staatsanzeiger steht es noch nicht. Aber auf Ostrachs Facebookseite und im Mitteilungsblatt vom 19. Januar:
„Ostrach – Vielfalt. Leben. Sein.
Die Stelle des/der hauptamtlichen Bürgermeisters / Bürgermeisterin (m/w/d) der Gemeinde Ostrach ist infolge Ablaufs der Amtszeit des bisherigen Amtsinhabers und dessen Wechsel in eine andere Tätigkeit neu zu besetzen. Der derzeitige Stelleninhaber bewirbt sich nicht wieder…“
Aber man konnte es ja schon vorher erfahren :
„Bekanntgabe der Beschlüsse aus öffentlicher Sitzung vom 19. 12. 2022
Der Termin für die Bürgermeisterwahl wird vom Gemeinderat auf Sonntag, den 25. Juni 2023 und der Tag einer evtl. Neuwahl auf Sonntag, den 09. Juli 2023 festgelegt.“
Und natürlich aus der Presse:  „Zum Ende der aktuellen Wahlperiode werde er ab dem 1. September kommenden Jahres als hauptberuflicher Geschäftsführer bei der Stiftung Pfrunger-Burgweiler Ried eine neue Herausforderung beginnen, so Schulz. ‚Ich freue mich auf meine neue Tätigkeit, nämlich Verantwortung für unser großes Naturschutzgebiet zu übernehmen‘ “, schreibt die Schwäbische Zeitung vom 23. 11. 2022
Also der derzeitige Stelleninhaber bewirbt sich nicht wieder. Er wird hauptberuflicher Geschäftsführer der Stiftung Pfrunger- Burgweiler Ried. Man musss das zwei Mal schreiben. Man glaubt es sonst kaum. Pfrunger-Burgweiler Ried, also Naturschutz par excellence. „Stiftungszweck ist laut Satzung die Förderung und Unterstützung des Naturschutzes und der Landschaftspflege im Pfrunger-Burgweiler Ried. Darin eingeschlossen ist die Übernahme einer Trägerschaft für ein Naturschutz-Großprojekt im Pfrunger-Burgweiler Ried.“
Zu dieser neuen Tätigkeit, bei der Ostrachs noch amtierender Bürgermeister demnächst „Verantwortung für unser großes Naturschutzgebiet“ übernehmen will, fallen einem nur noch zwei sprichwörtliche Redensarten ein. Wird hier der Bock zum Gärtner gemacht oder wird hier ein Saulus zum Paulus?
Wenn dann Ostrachs ehemaliger hauptamtlicher Bürgermeister hauptberuflicher Geschäftsführer einer Naturschutzstiftung ist, eines Naturschutz-Großprojekts, kann er auf eine Tätigkeit zurückblicken, in der er allein im Zeitraum von 2017 bis 2019 Flächenversiegelungen im Umfang von 27 Hektar vorwiegend für Einfamilienhäuser im Schnellverfahren nach §13b BauGB bewerkstelligt hat. Er kann auf eine Tätigkeit zurückblicken, in der er dafür sorgte, dass 21 Hektar „kostbaren Ackerlands“ zu Gewerbegebieten umgewandelt wurden. Er kann also auf eine Tätigkeit zurückblicken, in der er als Bürgermeister dafür verantwortlich ist, dass eine Fläche im Umfang von annähernd 70 Fußballfeldern in seiner Gemeinde versiegelt wurde. Als Mitglied im Regionalverband hatte er auch keine Einwände gegen die 196 Hektar Kiesabbau in der Gemeinde Ostrach.
Macht man hier also den Bock zum Gärtner? Das würde bedeuten, dass man einen völlig Ungeeigneten mit einer Aufgabe betraut. Zertrampelt doch der Ziegenbock alle Beete im Garten, hier das Naturschutzzentrum. Das dürfte wohl kaum der Fall sein.
Aber der Gesinnungswandel ist mehr als auffällig. Also doch Saulus zu Paulus? Der Flächenversiegler wird zum eifrigen Befürworter des Natur- und Landschaftsschutzes? Gilt hier im übertragenen Sinne die Ermahnung Paulus‘ im Kolosserbrief: „Ihr habt doch den alten Menschen samt seinem ganzen Tun ausgezogen und habt den neuen Menschen angezogen, der erneuert ist zur vollen Erkenntnis…“ Volle Erkenntnis?
Aber wie endet doch gleich Brechts Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan?
„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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Bruddler uf em Bänkle – Wilde Jagd und Raunächte

Man kann jetzt wieder bruddeln, denn die Raunächte sind (fast) vorbei. Dass die früher mit H geschrieben wurden, also Rauhnächte, so wie Rauhreif und rauhbauzig, das ist lange her, fast so lange wie die Geschichte mit der Wilden Jagd oder dem Wütenden Heer oder Wuotanes her, also Wotans Heer, das seit dem 12.Jh. zwischen Weihnachten und Dreikönig durch die Lüfte zieht mit Lärm und Getöse. Heißt übrigens bei uns Muetisheer oder wenn’s ganz schlimm kommt Wuätis Heer, aber Wotan ist immer damit gemeint, und zwar in Begleitung von Geistern, die eine Schuld abtragen müssen, manchmal auch in Begleitung ungetaufter verstorbener Kinder.
Erklärungsversuch für diese seltsame Erscheinung?
Das Lexikon der germanischen Mythologie macht einen Versuch: „Sie (die Wilde Jagd) gilt als Erklärung für natürliche Phänomene, insbesondere der stürmischen und eisigen Nächte der Mittwinterzeit; traditionellerweise galten jene Nächte als Zeit der unheimlichen Toten und Gespenster, was in der Wilden Jagd ihren prägnanten Ausdruck gefunden hätte.“ Und da heuer die stürmischen und eisigen Nächte nicht stattgefunden haben, gab es auch keine Wilde Jagd mit Toten und Gespenstern und ungetauften Kindern. Übrigens – sollte Ihnen wider Erwarten dennoch das Muetisheer begegnen: auf den Boden werfen, das Gesicht mit den Händen bedecken. Denn wer das Heer ansieht, muss zur Strafe im Zug mitgehen. Und woher weiß man das als Bruddler uf em Bänkle? Ganz einfach, weil man zum Kinderfest im Jahre 1958 von der Stadtverwaltung Tuttlingen Das Sagenbuch aus dem Donau-Bergland um Tuttlingen geschenkt bekommen hat; und natürlich von Jakob Grimms Deutscher Mythologie, von Leander Petzoldts Deutschen Volkssagen  und dem schon zitierten Lexikon der germanischen Mythologie und Heldensage. Und wem das alles zu umständlich ist, der kann ja im Internet recherchieren. Wer liest denn heute noch Bücher.

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(K)Ein gutes neues Jahr 2023

Fiel es mir heuer nicht leicht, Freunden und Bekannten frohe Weihnachten zu wünschen, habe ich mit den Neujahrswünschen aus dem gleichen Grund ebenfalls meine Probleme. Zwar kann ich allen ein gutes neues Jahr wünschen, aber es fällt mir schwer, daran zu glauben, dass es ein gutes neues Jahr wird. Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine klänge der übliche Neujahrswunsch fast zynisch.

In regelmäßigen Abständen konnte ich die Kolumne der Germanistin Oxana Matiychuks aus Czernowitz in der Süddeutschen Zeitung lesen. Sie kann uns inzwischen keine Berichte mehr aus der Ukraine schicken, weil Putin die Infrastruktur systematisch zerstört und somit in Czernowitz kein Strom mehr fließt. München – Czernowitz, das sind gerade mal 1400 km, soviel wie nach Brest in der Bretagne. Wenn ich im Fernsehen sehen muss, wie Putin vor einigen Tagen, am 21. Dezember, in einer erweiterten Sitzung des russischen Verteidigungsministeriums eine Verschärfung des Krieges ankündigt, und mitten unter diesen Leuten sitzt der christliche Patriarch Kyrill, Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, fällt es mir schwer, an ein gutes neues Jahr zu glauben.
Wenn ich seit dem 24. Februar zerbombte ukrainische Städte sehe, Menschen in Häuserruinen, wenn ich von Folter und Gräueltaten lese, wenn ich lese, dass Russland auch während der Feiertage den Beschuss ukrainischer Städte fortsetzt, dann kann ich mir ein gutes Jahr 2023 nur schwer vorstellen.

Trotzdem: Als Michael Mathias Prechtl Voltaires Candide oder der Optimismus illustrierte, hatte er beim Malen der Bilder folgenden Gedanken: Der Optimismus verführt zum Glauben an das Unwahrscheinliche.
In diesem Sinne wünsche ich meinen Lesern ein gutes neues Jahr.

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(Weihnachtliche) Nachbetrachtungen über das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2022

Zunächst eine kleine Auswahl der Pressestimmen zum Endspiel
Argentinien – Frankreich am 18. 12. 2022

Argentinien:
La Nación: Weltmeister! Messis Argentinien berührt den Himmel in Katar.
Olé: Ewige Herrlichkeit, Messi. Argentinien ist Weltmeister mit Messi als prägender Figur. Ehre sei Gott, Ehre sei Messi.

Frankreich:
RMC Sport: Messi und die Albiceleste auf dem Dach der Welt.
L’Equipe: Messi–Mbappe: Das legendäre Duell fand statt.

Großbritannien:
Daily Mail: Argentinien im Traumland! Lionel Messi versetzt das Lusail-Stadion in Verzückung.
Guardian: Lionel Messi hat seine Siegermedaille

Italien:
Gazzetta dello Sport: Argentinien ist Weltmeister, Messi wie Maradona.
Corriere della Sera: Es ist Leos Weltmeisterschaft, aber die Ehre gebührt Mbappe“

Spanien:
Marca: Messi, jetzt hast du deinen Pokal.
El Mundo Deportivo: Das Lächeln von Messi ist das Lächeln des Fußballs.
AS: Die Welt gehört Messi.

Brasilien:
Folha de Sao Paulo: Messi gewinnt die WM, die WM gewinnt Messi.

Schweiz:
Blick: Ein Endspiel für die Ewigkeit. Argentinien gewinnt einen Final für die Geschichtsbücher.

Lexikoneintrag Fußballspiel

1.) Definition Fußballspiel (alte Fassung)

Fußball ist eine Ballsportart, bei der zwei Mannschaften mit dem Ziel gegeneinander antreten, mehr Tore als der Gegner zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen. Die Spielzeit ist üblicherweise zweimal 45 Minuten, zuzüglich Nachspielzeit sowie gegebenenfalls Verlängerung und/oder Elfmeterschießen. Eine Mannschaft besteht in der Regel aus elf Spielern, von denen einer der Torwart ist. (Wikipedia)

2.) Aktualisierte Definition Fußballspiel (Neue Fassung)

Fußball ist eine Ballsportart bei der Loinel Messi und Kylian Mbappé mit dem Ziel gegeneinander antreten, mehr Tore als der andere zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen. Die Spielzeit ist üblicherweise zweimal 45 Minuten, zuzüglich Nachspielzeit sowie gegebenenfalls Verlängerung und/oder Elfmeterschießen.
Eine Mannschaft besteht in der Regel aus Loinel Messi oder Kylian Mbappé. Es gibt auch noch Statisten, von denen einer auch der Torwart ist.

3.) Überarbeitete Fassung der neuen Fassung – aktualisierte Definition für die Ewigkeit (gültig seit Dezember 2022)

Fußball ist eine Ballsportart bei der Loinel Messi mit dem Ziel antritt, mehr Tore als alle anderen zu erzielen und so das Spiel zu gewinnen. Die Spielzeit ist üblicherweise zweimal 45 Minuten, zuzüglich Nachspielzeit sowie gegebenenfalls Verlängerung und/oder Elfmeterschießen. Eine Mannschaft besteht aus Loinel Messi.

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XXV

Also lautet ein Beschluss,
Dass der Mensch was lernen muss.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh‘;
Nicht allein in Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen,
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muss man mit Vergnügen hören.
Dass dies mit Verstand geschah,
War Herr Lehrer Lämpel da
.

Streiche hin, Streiche her. Wenn sie ihm auch übel mitspielen -Pulver in den Pfeifenkopf-,immerhin hatten sie einen Lehrer, und zwar vor Ort. In einem Klassenzimmer. Das funktioniert heute leider nicht mehr. Denn „bis die Studierenden im Klassenzimmer ankommen, dauert es“, schreibt die Schwäbische Zeitung vom 06.10.2022, und deshalb seien die „Schulen im Notbetrieb“. Kein Wunder, dass die nicht ankommen, wenn Bund und Länder mit ihrem 49- Euro-Ticket nicht zu Potte kommen. Und dann noch Lehrermangel. Kernproblem der aktuellen Schulmisere sei der Lehrermangel, analysiert die Schwäbische Zeitung treffend. Wichtig sei aber auch „der Umfang und die Qualität dessen, was in den Klassensälen gelehrt wird“ (Schwäbische Zeitung, 08. 10. 2022). Hier stimmen endlich einmal Qualität und Quantität. Raus aus den Klassenzimmern, rein in die Klassensäle! Im Gegensatz zum Zimmer ist der Saal eben jener große Raum, in dem Feiern und große Veranstaltungen stattfinden, eben Schulunterricht. Und dessen Qualität wird durch das neue Programm der Landesregierung gestärkt: „Mit dem neuen Programm Wir. Lernen – Grundschulen in Baden-Württemberg sichern Basiskompetenzen will das Land die Basis stärken und die Qualität des Unterrichts steigern“ (Die Woche in Baden-Württemberg. Newsletter vom 09. 12. 2022). Wir. Lernen – Rechtschreibung und Zeichensetzung in THE LÄND sind einfach unübertroffen. Da brauchen Wir. Uns. Keine. Sorgen. Mehr. Zu. Machen, die Basiskompetenzen sind gesichert.
Die bayrische Landesregierung hat übrigens das Problem mit dem Lehrermangel genial gelöst: „München – Von 4. Oktober an können schwangere Lehrerinnen in Bayern wieder in den Schulen unterrichten“ (Süddeutsche Zeitung, 16.09.2022). Tja, vor dem 4. Oktober durften in Bayern Schwangere nicht unterrichten. Jetzt wieder.

Wie es allerdings um die Basiskompetenzen der Bundesregierung bestellt ist, darüber kann sich nun jeder sein eigenes Bild machen. Die „Verordnungen zur Sicherung der Energieversorgung über kurzfristig wirksame Maßnahmen“ klingen sehr überzeugend und verständlich:

Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung /EnSikuMaV ,
Mittelfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung/ EnSimiMaV.
Der berühmte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän ist vergleichsweise ein kurzes und verständliches Wort.

Dass es in den Schulen kriselt, ist nichts Neues; aber die Lehrer, die Eltern und die Kultusminister bemühen sich, die Krisen zu bewältigen. Schwieriger ist das in der katholischen Kirche. Aber da gibt es einen Dekan in Davos, Kurt Susak, der löst die Krise auf seine Art, wie wir aus der Schwäbischen Zeitung vom 26. 08. 2022 erfahren: „Nein, Susak ist niemand, der das Christentum leise vor sich hin knabbert, er beißt es vielmehr herzhaft in großen Stücken“. Guten Appetit!
Christentum gab es auch bei den Europameisterschaften der Zehnkämpfer, ja eine Reinkarnation konnte dort bestaunt werden: „Kaul wusste es sofort, natürlich. Erst jubelte er als fleischgewordene Christusstatue, dann … gab er den Flitzer vor der Kurve“ (Süddeutsche Zeitung, 17. 08. 2022). 76,05 Meter im Speerwurf, da wird Christus zum Flitzer.

Im August gab die Orchesterakademie Bregenz ein Konzert – und wie! So wirkte „Haydns Es-Dur-Konzert fast zu leicht für die zierliche Künstlerin im Paillettenkleid. Doch sie musiziert es mit klarer Artikulation, souverän in den Farben und Registern … Die jungen Menschen und ihr beflügelnder Dirigent werfen sich hinein, als spielten sie um ihr Leben…“ (Schwäbische Zeitung, 19. 08. 2022). So ist Musik: Souverän in den Farben. Und während die einen um ihr Leben spielen, spielen die anderen im Paillettenkleid.

In eigener Sache, sagt man doch so schön, wenn man ganz persönlich wird. Im Leitartikel der Schwäbischen Zeitung vom 30. 11. 2022 werden Unwahrheiten über diesen Blog verbreitet. „Das Ende des Sofa-Moralismus“ heißt die Überschrift. Auch wird behauptet, dass die Republik in ihrem rigiden Sofa-Moralismus ertrinke. Es gibt keinen Sofa-Moralismus. Demokratie lebt nur durch Bürgerbeteiligung ist der Leitgedanke dieses Blogs. Dafür steht SOFA – und nicht für rigiden Moralismus.

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Hans Magnus Enzensberger – Eine kleine Erinnerung

Zu seinem Neunzigsten, am 11. 11. 2019, hat er noch einmal für Verwirrung gesorgt. WIRRWARR heißt der Gedichtband. „Ob das Gedichte sind?“, fragt er schelmisch. Kostprobe gefällig?

Gute Vorsätze
Lieber huschst du, als zu schreiten.
Beharren willst du, statt zu streiten.
Du bist reichlich ungesellig
und am liebsten unauffällig.
Alles tust du nebenbei
ohne Eifer und Geschrei.

Ein kleiner Gnom in deinem Ohr
flüstert dir das alles vor.
Weil du dir damit gefällst …

Ob du dich auch daran hältst?

Er hat mich begleitet von der Schulzeit bis heute. „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: sie sind genauer“, heißt es am Anfang im „Lesebuch für die Oberstufe“ (Verteidigung der Wölfe 1957). Später, in „Blindenschrift“, wenn er schrieb: „manche wörter/leicht/wie pappelsamen“, haben wir uns im Hauptseminar (WS 73/74) gefragt, diskutiert, was dieser „windgriff“ eigentlich bedeuten soll. Aber im gleichen Gedichtband schrieb er ein Gedicht über Theodor W. Adorno mit dem Titel „schwierige Arbeit“. „ungeduldig geduldig/im namen der unbelehrbaren /lehren.“ Als ob dies auch sein Motto gewesen wäre. Und wäre da nicht „Der kurze Sommer der Anarchie“ und „Das Verhör von Habana“ gewesen, fast hätte man aber den Eindruck haben können, der Lyriker habe sich zurückgezogen, das Gesellschaftskritische würde in seiner Lyrik keine Rolle mehr spielen. „Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, durchaus Individuelles“, fragt Adorno provozierend in seiner „Rede über Lyrik und Gesellschaft“. Diese Forderung an die Lyrik sei jedoch in sich selbst gesellschaftlich. „Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, bedrückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwerer er lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heteronomen sich beugt“. Enzensbergers Lyrik in den 60iger und 70iger Jahren, „Blindenschrift“, „Landessprache“, sind durch diese Beschreibung Adornos wohl zutreffend charakterisiert. Aber der Dichter Enzensberger räumt auch seine Fehler ein. „Zwei Fehler“ heißt sehr treffend das Gedicht:

Ich gebe zu, seinerzeit
habe ich mit Spatzen auf Kanonen geschossen.

Daß das kein Volltreffer gab,
sehe ich ein.

Dagegen habe ich nie behauptet,
nun gelte es ganz zu schwiegen.

Schlafen, Luftholen, Dichten:
das ist fast kein Verbrechen.

Ganz zu schweigen
von dem berühmten Gespräch über Bäume.

Kanonen auf Spatzen, das hieße doch
in den umgekehrten Fehler verfallen.

Geschwiegen hat er nie. Zu politischen Problemen, auch tagesaktuellen, hat er nicht nur in seinen Essays von Palaver. Politische Überlegungen über Aussichten auf den Bürgerkrieg bis zu Zickzack immer Stellung bezogen. Über „Mausoleum“, „Zukunftsmusik“, „Geschichte der Wolken“, um nur einige seiner Lyrikbände zu nennen, bis eben zu seinem letzten Band „Wirrwarr“ hat er mich begleitet.
Nicht nur amüsant, durchaus zum Nachdenken, sein autobiographischer Band „Eine Handvoll Anekdoten“ aus dem Jahr 2018. „Anekdote: Kurze Erzählung zur Charakterisierung einer Person“, schreibt Hans Magnus Enzensberger zur Einleitung. Besser kann man sich nicht selbst charakterisieren wie der Erzähler M. in dieser Autobiographie der frühen Jahre. Und wenn Herr Z in seinen Betrachtungen, erschienen 2013, Brosamen fallen lässt, die man auflesen kann, hat Enzensberger Aphorismen geschrieben, die man nicht nur als Blogger durchaus beherzigen kann: „Zorn, Wut und Empörung seien kostbare Ressourcen, die es zu schonen gelte. Die Wut zwar gehe rasch vorbei, verbrauche jedoch viel Energie. Auch der Zorn sei nicht unbegrenzt haltbar. Die Empörung hingegen wirke langfristig. Sie dürfe nicht auf unbedeutende Anlässe verschwendet werden“.
Am 24. November ist Hans Magnus Enzensberger gestorben.

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Nitratwerte, Nitratwerte und eine überaus schlampige Verwaltung

Die alte Leier, das alte Lied möchte man sagen. Dass die Veröffentlichung von Nitratwerten für Ostrachs Gemeindeverwaltung eine ungeheuer schwierige Aufgabe (sic) ist, ist allgemein bekannt. Diesmal ist aber allerdings der Bogen überspannt, der Geduldsfaden ist gerissen, die Langmut ist zu Ende. Was sich Ostrachs Verwaltung, zumindest der Teil, der für die Veröffentlichung der Nitratwerte verantwortlich ist, leistet, ist schlicht dreist.
Als noch letzte Woche auf der Homepage der Gemeinde die Nitratwerte (Rohwasser) mit Datum vom 30. 06. 2022 hochgeladen waren, habe ich mir erlaubt, den Bürgermeister der Gemeinde Ostrach darauf hinzuweisen, dass inzwischen fast 5 Monate verstrichen seien. Am Wochenende habe ich mir dann erlaubt, ihm den folgenden launischen Brief zu schreiben, wissend, dass Ostrachs „Kapitän“ nicht ganz humorlos ist:

Sehr geehrter Herr Schulz,
im Deutschen Bundestag gibt es ein Ritual, und zwar endet die Haushaltswoche im Bundestag so: Vor der Schlusssitzung wird ein Begriff, ein Codewort, verabredet, den / das jeder Redner unterbringen muss. In diesem Jahr war es die Kapitänsbinde. Es gab auch schon das „Reeperbahn-Festival“, die „Glatze“ oder den „Herdenschutzesel“. Aber heuer war es die Kapitänsbinde.
Würde ich in „Ostrachs Bundestag“ eine Rede halten müssen, würde ich die „Kapitänsbinde“ noch um den Begriff „Nitratwerte“ ergänzen:
Sie, lieber Herr Schulz, geben im Herbst des nächsten Jahres ihre Kapitänsbinde ab. Das ist bedauerlich. Die Kapitänsbinde wird dann ein anderer tragen. Die Personen wechseln, die Kapitänsbinde bleibt. Was aber hat das mit Nitratwerten zu tun? So wie die Kapitänsbinde in Ostrach bleibt, bleiben auch die Nitratwerte in Ostrach. Sie verschwinden nicht. Wer die Kapitänsbinde aber trägt, hat dafür zu sorgen, dass die Nitratwerte in Ostrach regelmäßig veröffentlicht werden. Als Kapitän und damit Träger der Kapitänsbinde hat er seine Mannschaft so zu führen, dass die verantwortlichen Spieler unmittelbar nach Untersuchung des Rohwassers auf Nitrat die Bevölkerung Ostrachs auf der Homepage und im Amtsblatt darüber informieren. Wenn fünf (5) Monate verstrichen sind, ist es dazu höchste Zeit, wenn dies auch einige Spieler offensichtlich nicht nachvollziehen können. Ich wünsche Ihnen für die Zeit, in der Sie in Ostrach die Kapitänsbinde noch tragen, alles Gute. Sie wissen, dass ich Handeln und Wirken des Kapitäns und seiner Mannschaft kritisch begleite und auf Fair Play und das Einhalten von Regeln Wert lege.
Mit freundlichem Gruß
Franz Schreijäg

Am heutigen Montag, dem 28. 11. 2022 wurden die Nitratwerte auf die Homepage der Gemeinde hochgeladen. Das Entnahmedatum war der 28. 09. 2022! Und das haut dem Fass den Boden aus! Seit annähernd zwei (2) Monaten liegen die Untersuchungsergebnisse irgendwo in der Schublade eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin und „gammeln“ vor sich hin, werden nicht veröffentlicht, als ob das niemanden interessieren würde oder zu interessieren habe. Eine Schlamperei sondergleichen!
Die Werte würden in regelmäßigen Abständen veröffentlicht, teilte der dafür verantwortliche Bauhofleiter noch vor geraumer Zeit mit. Eine glatte Lüge, damals wie heute. Nitrat im Ostracher Trinkwasser oder über die Leichtigkeit Halbwahrheiten zu verbreiten, das konnte man am 21. Mai 2021 in diesem Blog lesen. Halbwahrheiten, Lügen und Schlampereien! Der Mann mit der Kapitänsbinde sollte den Teil seiner Mannschaft, der dafür verantwortlich ist, zur Rechenschaft ziehen.

 

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Bruddler uf em Bänkle – WM und One Love-Armbinde

Nein, es hat mir die Sprache noch nicht verschlagen, zum vor sich Nabruddla reicht‘s allemal noch. Obwohl? Ich bin kein Fußballexperte, das gebe ich zu. Aber im Moment muss man ja über Fußball reden. Nein, nicht über die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar, über den FC Ostrach, der die Tabelle der Landesliga Württemberg IV als Schlusslicht ziert. 7 Punkte in 17 Spielen, 51 Tore kassiert und am Samstag 0:6 verloren. Mein Gott! möchte man da ausrufen. Aber Gott und Fußball das passt eigentlich nicht zusammen. Halt! Stimmt nicht ganz. Es gibt eine Ausnahme. Und das ereignete sich am 4. Juli 1954. „Turek, du bist ein Fußballgott!“, brüllte damals Herbert Zimmermann, Onkel von Hans -Christian Ströbele, ins Mikrophon – und dann waren wir Weltmeister. 1954, 1974, 1990, 2014. Und 2022? Würde der Weltmeister werden, der über Zivilcourage verfügt, wäre die Fußballmannschaft des Irans mindestens schon im Halbfinale, denn die haben aus Protest ihre Nationalhymne nicht mitgesungen, während Englands Kapitän Kane die „One Love Binde“ gegen Diskriminierung jeder Art nicht am Arm trug. No discrimination statt One Love. One Love hat die FIFA verboten. Und alle gehorchen sie: Deutschland, England, Wales, die Niederlande, die Schweiz, Belgien und Dänemark. Frankreich hat sich schon vorher verabschiedet. Man wolle die kulturellen Besonderheiten Katars berücksichtigen. Bravo! Wie hieß das doch gleich noch 1789? Liberté, Égalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. I have a dream, möchte man da ebenfalls ausrufen, dass nämlich Deutschland, England, Wales, die Niederlande, die Schweiz, Belgien und Dänemark trotz FIFA diese Binde tragen und der eine oder andere Fußballverband während dieser WM sich dieser Protestaktion anschließt. Dann kann die FIFA ja Gelbe und Rote Karten verteilen. Das Endspiel bestreiten dann Katar und Saudi-Arabien. Aber die „One Love“-Kapitänsbinde wird von den europäischen Mannschaften nicht getragen werden. Es wird wohl ein Traum bleiben – I had a dream.

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Haushaltsreden 2022

„Spät kommt Ihr – Doch Ihr kommt! Der weite Weg entschuldigt Euer Säumen“, heißt es in Schillers Piccolomini.
Nichts zu entschuldigen gibt es, wenn es um die Erstellung von Ostrachs Haushalt 2022 geht. Darauf weist in einer bemerkenswert kritischen Haushaltsrede der Fraktionssprecher der SPD & Freie Bürger Jörg Schmitt hin. Die Tatsache, dass Ostrachs Gemeinderat einen passablen Haushalt verabschieden konnte, habe nicht etwa an der akribischen Arbeit von Ostrachs Kämmerei gelegen, sondern an der „hervorragenden Arbeit des Büros Rewecon“. Die Erstellung des Haushalts der Gemeinde Ostrach liegt also nicht in Händen des Kämmerers, die Erstellung wird von einer privaten Firma erledigt, neudeutsch nennt sich das „Outsourcing“, weil Ostrachs Kämmerei dazu offensichtlich nicht in der Lage ist. Selten wurde in einer Haushaltsrede die Verwaltung so „abgewatscht“. „Die Spitze der Kämmerei stand in den letzten Jahren dem neuen Haushaltsrecht, der Doppik, ablehnend gegenüber. Dieser innere, aber auch immer wieder gegenüber dem Gemeinderat geäußerte Widerstand hat das Engagement für die Sache nicht befördert. Es hat in letzter Konsequenz zu großen Verzögerungen bei der Erstellung des Haushaltes 2022 geführt.“
Wir kümmern uns um Ihre Steuerangelegenheiten, damit Sie die Zeit für die schönen Dinge finden, wirbt die Steuerberatungsfirma Rewecon auf ihrer Homepage. Zeit für die schönen Dinge? Der Haushalt jeder Stadt und jeder Gemeinde wird ja wohl von einer Kämmerei und dem dafür verantwortlichen Kämmerer, dem „kommunalen Finanzminister“, erstellt. Die Zeit für die schönen Dinge kommt nach getaner Arbeit. Dass es Ostrachs Kämmerei an Sorgfalt mangelt, wurde in diesem Blog mehr als einmal thematisiert: „Dass eine Kämmerei im Wiederholungsfall 400 000 € für einen Kunstrasenplatz, für den der Gemeinderat lediglich 250 000 € bewilligte, im Jahresabschluss und im Haushaltsentwurf ausweist, ist schon nicht mehr der Rede wert“, hieß es in diesem Blog u. a. am 16. Oktober 2021.
„Wir müssen uns über die Wertekriterien unseres kommunalpolitischen Handelns klar werden: Welche Werte sollen dieses Handeln bestimmen?“, fragt der Fraktionssprecher der SPD & Freie Bürger in seiner Haushaltsrede. Eine Antwort darauf gibt er nicht. Oder doch? „Wir sind Teil eines Ganzen und sind zur aktiven Unterstützung der globalen ökologischen Bemühungen, unsere Welt zu schützen und zu erhalten, aufgefordert.“ Wenn das mal keine hohlen Phrasen vor dem Hintergrund der Flächenversieglungen in Ostrach (Gewerbegebiete, Bebauungspläne nach 13b BauGB, Tierklinik, zusätzlicher vom Gemeinderat geforderter Kiesabbau im Umfang von 75 ha im Wagenhart) sind. Aber angeblich wird ja im Gemeinderat immer kontrovers diskutiert und „die GR-Arbeit mit der notwendigen Demut, Empathie und Verantwortungsbewusstsein“ erledigt. Honi soit qui mal y pense. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Und dann war da noch eine Haushaltsrede des Fraktionssprechers der CDU und keine Haushaltsrede des Fraktionssprechers der Freien Wähler.

Die Haushaltsreden 2022 auf der Homepage der Gemeinde

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Vom Lehrschwimmbecken und Energieeinsparungen

„Drei Worte nenn ich euch, inhaltsschwer, / Sie gehen von Munde zu Munde“, heißt es bei Friedrich Schiller. „Die Worte des Glaubens“ heißt das Gedicht. Wenn man die Diskussion um die Energiesparmaßnahmen in Ostrach verfolgt, gibt es wenigstens „drei Worte“, die man eher ungläubig zur Kenntnis nimmt.

Worte zum Lehrschwimmbecken Nr. 1.
Die Verwaltung stellt die Wichtigkeit nicht in Frage, aber wir haben auch eine Vorbildfunktion den Bürgern gegenüber“, sagt Schulz (Schwäbischer Zeitung vom 06. 09. 2022).
Wir müssen schauen, dass es die Kinder im Winter in der Schule warm haben, sodass das normale Leben erhalten bleibt“, sagt Arnold. Und ein Schwimmkurs und das Beheizen eines Schwimmbeckens gehöre nicht dazu (Schwäbischer Zeitung vom 06. 09. 2022).
„Wir von der Verwaltung werden vorschlagen, dass das Lehrschwimmbecken vorerst weiterhin leer bleibt, weil wir dadurch schon viel Energie einsparen würden“, sagte Schulz (Schwäbischer Zeitung vom 10. 10. 2022).
„Der Betrieb des Hallenbades an der Grundschule am Härle ist sehr kosten- und vor allem energieintensiv. Nach Einschätzung von Experten bringt die Schließung des Hallenbades die größte Energieeinsparung“ (Stadt Pfullendorf beschließt Maßnahmen zur Einsparung von Energie).

Worte zum Lehrschwimmbecken Nr. 2.
Leeres Schwimmbad: Schüler fordern Antwort vom Bürgermeister
„Die Grundschüler haben sich Aktionen überlegt, wie sie die Verwaltung auf die Bedeutung des Lehrschwimmbeckens aufmerksam machen können. Klasse 1/2 hat etwa Bilder gemalt und einen Schwimmring mit Unterschriften überreicht. Mit ihrer Klasse 3/4a war auch sie (die Klassen- und Schwimmlehrerin) im Rathaus.“
„Wenn ihr weniger bekommen würdet, müsstet ihr auch überlegen, worauf ihr verzichtet“, sagte Schulz (alles Schwäbische Zeitung, 10. 10. 2022)

Worte zum Lehrschwimmbecken Nr. 3 (Schwäbische Zeitung, 19. 10. 2022)
„Ursprünglich wollte die Verwaltung vorschlagen, das Lehrschwimmbecken nicht sofort wieder zu befüllen. ‚Es verbraucht mit Abstand die meiste Energie‘, lautete die Begründung von Bürgermeister Christoph Schulz. Im Rahmen des Gesamtpakets zum Energiesparen halte er es nun aber für vertretbar, es wieder zu befüllen.“
Also frei nach Konrad Adenauer: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ oder „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.“
Gemeinderat Jörg Schmitt (SPD/FB) befürwortete den Vorschlag und fand lobende Worte für die Aktion der Schüler :„Es hat mir sehr gefallen, wie die Schule mit der Sache umgegangen ist und ein abstraktes politisches Problem mit den Schülern in einem demokratischen Verständnis angegangen ist.“ So wird also ein abstraktes politisches Problem(?) mit siebenjährigen und achtjährigen Kindern in einem demokratischen Verständnis (?) angegangen.
Im Übrigen ist das Problem nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Das dürfte auch einem Kind einleuchten, dass ein sehr warmes Schwimmbecken die Wärme braucht, die daheim im Kinderzimmer fehlt.
Was das demokratische Verständnis betrifft, sei hier lediglich der erste Punkt des sog. Beutelsbacher Konsenses zitiert: „Überwältigungsverbot. Es ist nicht erlaubt, den Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der ‚Gewinnung eines selbständigen Urteils‘ zu hindern. Hier genau verläuft nämlich die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination. Indoktrination aber ist unvereinbar mit der Rolle des Lehrers in einer demokratischen Gesellschaft und der – rundum akzeptierten – Zielvorstellung von der Mündigkeit des Schülers“ (Beutelsbacher Konsens).

Nachwort Nr. 1
„Joachim Fürst (FW) schlug vor, dass die Gemeinde zusätzliche Bautrockner anschafft. ‚Ich glaube nicht, dass wir nur durch intensives Lüften Feuchtigkeitsprobleme verhindern können‘, argumentierte er. Bürgermeister Schulz griff die Anregung gerne auf.“
Bautrockner?
„Der Verbrauch kann je nach Modell des Bautrockners zwischen 300 und 1500 Watt Leistung liegen. Im Neubau laufen die Geräte meistens rund um die Uhr. Bei einer Laufzeit von 24 Stunden sollten Sie daher mit einem Stromverbrauch von ca. 7,2 bis 36 kWh rechnen.“ Aber redet Gemeinderat Fürst nicht von zusätzlichen Bautrocknern? Plural!

Nachwort Nr. 2
Ostrachs Verwaltung hat entlang der Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung – EnSikuMaV (man muss dieses Wortungetüm vollständig ausschreiben) ein Energiesparpaket geschnürt, das (mit wenigen Einschränkungen) überzeugt und hoffentlich ausreichend Energie einsparen hilft.

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O wie Ostrach – Die neue Buchstabiertafel

Offenbach, Salzwedel, Tübingen, Rostock, Aachen, Chemnitz, Hamburg – das ist keine Reise durch Deutschland, das ist Ostrach. Wie bitte? So buchstabiert man jetzt halt Ostrach. Klar?

„Um schwierige Wörter zu buchstabieren, bedienen wir uns der Deutlichkeit halber oft markanter Kennwörter, die wir uns auch schon einmal ganz spontan selbst ausdenken. Aber es gibt auch eine Buchstabiertafel; bisher waren die dort enthaltenen Ansagewörter bis auf einige Ausnahmen Personennamen.
Die aktuelle DIN 5009 ist im Mai 2022 mit neuer Buchstabiertafel veröffentlicht worden. Dabei entschied sich der DIN-Arbeitsausschuss für eine Städtenamentafel:
A wie Aachen, Ä wie Umlaut Aachen, B wie Berlin, C wie Chemnitz, D wie Düsseldorf, E wie Essen, F wie Frankfurt, G wie Goslar, H wie Hamburg, I wie Ingelheim, J wie Jena, K wie Köln, L wie Leipzig, M wie München, N wie Nürnberg, O wie Offenbach, Ö wie Umlaut Offenbach, P wie Potsdam, Q wie Quickborn, R wie Rostock, S wie Salzwedel, ẞ wie Eszett, T wie Tübingen, U wie Unna, Ü wie Umlaut Unna, V wie Völklingen, W wie Wuppertal, X wie Xanten, Y wie Ypsilon, Z wie Zwickau.
Grundsätzlich hat diese Norm Empfehlungscharakter. Die Anwendenden können also frei entscheiden, ob sie die neue »Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung« (so die offizielle Bezeichnung) verwenden oder vielleicht eher das ergänzte internationale Buchstabieralphabet der International Civil Aviation Organization (ICAO) – oder aber auch ihr eigenes, vielleicht spontan geschöpftes.“

Die Duden-Sprachberatung hat mir neulich im Duden Newsletter (das heißt tatsächlich so) diese neue Buchstabiertafel geschickt. Wenn ich also Offenbach, Salzwedel, Tübingen, Rostock, Aachen, Chemnitz und Hamburg sage, handelt es sich nicht um eine Reise kreuz und quer durch Deutschland, sondern ganz einfach um Ostrach. Früher hat man so ein schwieriges Wort wie Ostrach etwas anders buchstabiert, nämlich so: Otto, Samuel, Theodor, Richard, Anton, Cäsar, Heinrich. Und wer Cäsar und Heinrich nicht ausstehen konnte, der griff auf Charlotte zurück. Als Österreicher wäre auch Christine möglich gewesen. Ach ja, anstelle von Samuel wäre auch Sophie möglich gewesen, aber nur in der Schweiz. In Österreich hieß Samuel übrigens Siegfried. Alles klar?

Dass in der neuen Buchstabiertafel Offenbach für das O steht, geht natürlich nicht. Erstens liegt es in Hessen, zweitens spielen die Kickers Offenbach gerade mal in der Regionalliga und drittens hat der Deutsche Wetterdienst seine Zentrale in Offenbach.
In der neuen Buchstabiertafel kann für das O nur Ostrach stehen. Denn erstens liegt es in Baden-Württemberg, also in The Länd, zweitens spielt der FC Ostrach – oje. Und Roland Roth von der Wetterwarte Süd reißt das jetzt auch nicht mehr raus, zumal die in Bad Schussenried ihren Sitz hat.
Man könnte natürlich einen Kompromiss finden, dann stünde weder Offenbach noch Ostrach für O, sondern zum Beispiel das unverfängliche Wort Ostrakismos, also O wie Ostrakismos.
-Wo wohnen Sie bitte?
-In Ostrach.
-Können Sie das bitte buchstabieren?
-Ostrach? O wie Ostrakismos …
Ich glaube, wir bleiben besser bei O wie Offenbach.

Ostrakismos
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Bruddler uf em Bänkle – Bodenrichtwerte und Grundsteuer

Bei Boris denkt man ja zunächst einmal an Boris Becker. Der sitzt aber momentan in Seiner Majestät Gefängnis Wandsworth in London und verbüßt dort eine Strafe wegen Steuerhinterziehung. Darüber kann man ja halblaut vor sich hin schimpfen, also nabruddla. BORIS heißt aber auch das zentrale Bodenrichtwertinformationssystem der Gutachterausschüsse in Baden-Württemberg, und da hört die halblaute Schimpferei inzwischen auf, da kann man nur noch laut schimpfen oder sich kaputtlachen uf em Bänkle.
Wurde man nicht vom Finanzamt mit Schreiben vom 13. 06. 2022 zu einer Feststellungserklärung zu seinem Grundstück aufgefordert, damit die Grundsteuer neu bemessen werden kann? Die Erklärung dazu soll man bitte elektronisch beim zuständigen Finanzamt einreichen, und zwar über eine Plattform namens ELSTER. Nun fällt so einem Bruddler zur Elster zunächst deren Gekrächze ein, auch dass sie diebisch sein soll, schließlich hat Rossini darüber eine ganze Oper geschrieben. MEIN ELSTER ist aber eine ganz besondere Elster und es braucht schon Geduld, um den Vogel zu aktivieren. Und wenn man nach dem Prozess der Aktivierung jetzt glaubt, loslegen zu können, irrt man sich. Denn zur Feststellungserklärung braucht man einen Bodenrichtwert und den rückt Boris einfach nicht raus. Denn bis zum Schreiben dieser Zeilen erhält man die folgende Meldung von BORIS: „Das Verschnittergebnis aus Bodenrichtwert- und Liegenschaftsdaten für dieses Flurstück für die Grundsteuer B liegt aktuell – auch dem zuständigen Finanzamt – noch nicht vor. Die Daten werden fortlaufend geliefert bzw. aktualisiert. Bitte versuchen Sie die Daten zu einem späteren Zeitpunkt nochmals abzurufen.“ Und diese Meldung teilt Boris im Juni, im Juli, im August, im September und im Oktober unverdrossen mit und am 31. Oktober ist halt „Matthäi am Letzten“, obwohl aktuell beim Finanzamt erst für etwa 25 Prozent der Grundstücke im Kreis die Erklärungen eingegangen sei, teilt die Schwäbische Zeitung mit. Und aus Ostrach, Scheer, Meßkirch und Pfullendorf kann gar keine Erklärung eingehen, weil Boris einfach den Bodenrichtwert nicht mitteilt. Aber es muss sich ja niemand Sorgen machen, denn die Mahnschreiben würden die Finanzämter an die säumigen Immobilienbesitzer erst im ersten Quartal des nächsten Jahres versenden. Jetzt fragt man sich aber schon, wer hier eigentlich säumig ist: die Immobilienbesitzer oder die Finanzämter? „Die Einstellung der Bodenrichtwerte für die Grundsteuerreform verzögert sich weiterhin“, teilt die Gemeinde Ostrach lapidar auf ihrer Homepage mit. Was soll sie auch sonst mitteilen, wenn ein Gemeinsamer Gutachterausschuss bei der Stadt Sigmaringen nicht in die Gänge kommt. Das ist so lächerlich, da haut es dich einfach vom Bänkle.

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Gewerbe(show)schau in Ostrach

Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XXIV

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“, meint Johann Wolfgang Goethe, und dabei hat er sicher nicht an die Gewerbeschau in Ostrach gedacht, denn da liegt das Gute ziemlich verstreut, weshalb laut Schwäbischer Zeitung vom 21. 09. „Insel-Hopping auf der Gewerbeschau in Ostrach“ erforderlich sei. Insel-Hopping? Dudens umfassendes Bedeutungswörterbuch hilft hier weiter: „Inselhopping, das; -s [nach engl. island-hopping. eigtl. = Inselhüpfen, aus: island = Insel u. to hop = springen, hüpfen]: Reise, bei der mehrere Inseln einer Inselgruppe nacheinander besucht werden“, also z. B. die Ostfriesischen von Wangerooge nach Borkum. So hüpft man also bei Ostrachs Gewerbeschau hin und her, mal von Deutsch auf Englisch, mal von Englisch auf Deutsch, und es wundert sich natürlich niemand, dass Ostrachs HGV der Meinung ist: „It’s Gewerbe Schautime!“, (Schwäbische Zeitung Sonderveröffentlichung, 21.09. 2022). Ja, in The Länd ist man polyglott, cool und stylish, und wenn der HGV, Pardon! der Commerce and Trade Club in Ostrach somit sowohl die deutsche als auch die englische Sprache verballhornt, darf man sich nicht mehr wundern, dass vor lauter sprachlichem „hurlyburly“ und Tohuwabohu die Ostracher nicht von Insel zu Insel „hoppen“, sind sie doch bei solchen Ankündigungen schlicht desorientiert. Wird dann noch „rund um den Betrieb Rieg nahe dem Bahnhofs“ (Schwäbische Zeitung, 21.09.2022) Ponyreiten angeboten, gehen dem Leser bei diesem Genativ die Pferde auch nicht mehr durch. Bei so viel sprachlicher Innovation und Kompetenz verschlägt es dem Schreiber für heute die Sprache, aber nur für heute.

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Über die Vorbildfunktion des Ostracher Gemeinderates

Fünf dafür, fünf dagegen, eine Enthaltung = 19 Stimmen. Alles klar? 18 Gemeinderäte und ein stimmberechtigter Bürgermeister bilden die Verwaltungsorgane der Gemeinde Ostrach. Nicht immer trifft das aber in Ostrach zu. Da können es auch nur 11 sein, wie man dem folgenden Artikel der Schwäbischen Zeitung entnehmen kann.

„Ostracher Lehrschwimmbecken bleibt geschlossen
Die Entscheidung war knapp: Fünf Stimmen dafür, fünf dagegen sowie eine Enthaltung – laut kommunalrechtlicher Gesetzgebung ist ein Antrag bei Stimmengleichheit abgelehnt. Die Befüllung des Lehrschwimmbeckens solle erneut diskutiert werden, wenn bei der Ratssitzung im Oktober das gesamte Maßnahmenpaket abgestimmt werden soll. Bis dahin würden auch einige Zahlen vorliegen, da die Hausmeister jeden Tag den Stand der einzelnen Zähler ablesen und notieren würden, so Ralf Scholter, der sich bei der Gemeinde zusammen mit Siegfried Gindele um die Finanzverwaltung kümmert“ (Schwäbische Zeitung, 07. 09. 2022).

Laut kommunalrechtlicher Gesetzgebung gilt für die Gemeinderäte eine Teilnahmepflicht: „Die Gemeinderäte sind verpflichtet, an den Sitzungen teilzunehmen“ (GemO §34 ,3). „Wir haben eine Vorbildfunktion den Bürgern gegenüber“, wird Bürgermeister Schulz in dem Bericht der Schwäbischen Zeitung über die Gemeinderatssitzung vom 5. September zitiert. Wenn von 18 Gemeinderäten offensichtlich 8 Gemeinderäte – 44% – an einer seit langem einberufenen Gemeinderatssitzung, in der zudem der Haushaltsentwurf 2022 „eingebracht“ wurde, durch Abwesenheit glänzen, kann es mit der „Vorbildfunktion“ nicht weit her sein. Sollten die Angaben in dem Bericht der Schwäbischen Zeitung stimmen – und weshalb sollten sie das nicht-, scheinen einige Gemeinderäte sich über ihre Verpflichtungen nicht im Klaren zu sein. Ihnen sei zur Erinnerung hier die Gemeindeordnung zitiert: „Die Gemeinderäte sind ehrenamtlich tätig. Der Bürgermeister verpflichtet die Gemeinderäte in der ersten Sitzung öffentlich auf die gewissenhafte Erfüllung ihrer Amtspflichten“ (GemO §32,1).

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Haushaltsentwurf 2022 – Ein Versteckspiel

Auf die Frage, wo kann man Verstecken spielen, wäre die folgende Antwort fast zufriedenstellend:  Egal ob im Freien oder in Innenräumen, zum Versteckspielen eignet sich jedes Gelände und jeder Raum. Fast. Es fehlt : und die Tagesordnung der Gemeinderatssitzung der Gemeinde Ostrach. Denn für die Tagesordnung gilt der Kindervers „Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein.“
Und so versteckt sich hinter dem Tagesordnungspunkt 4. Verschiedenes seit Freitag, dem 2. September der gesamte Haushaltsentwurf 2022 der Gemeinde Ostrach. Seit Freitag wohlgemerkt, unter Verschiedenes. Jetzt ist der Haushalt einer Gemeinde kein Kinderspiel und schon gar kein Versteckspiel, und deshalb kommt einem das ganze Verfahren doch seltsam vor. Und einmal mehr wurde Ostrachs Bürgermeister um Auskunft über dieses Versteckspiel gebeten. Ob uns dabei die Augen geöffnet wurden? „Freigeschlagen“ dürfte Ostrachs Kämmerei wohl kaum sein. Oder doch? Schließlich wurde der Entwurf doch auf dem letzten Drücker hochgeladen.

Sehr geehrter Herr Schulz,
es ist mehr als verwunderlich, wenn man am Freitag, dem 02. 09. 2022 die Dokumente zur Tagesordnung der Gemeinderatssitzung einsieht und feststellt, dass unter TOP 4 Verschiedenes der Haushaltsentwurf 2022 der Gemeinde Ostrach sich versteckt – unter Verschiedenes wohlgemerkt, und zwar am Freitag, drei Tage vor der Gemeinderatssitzung. Da ich inzwischen einiges gewöhnt bin, so z. B. im Zusammenhang der Haushaltsentwürfe und der verabschiedeten Haushalte, wo im Wiederholungsfall Beträge über vierhunderttausend Euro für einen Kunstrasenplatz aufgelistet werden, wundert es mich doch, dass der Haushaltsentwurf unter Verschiedenes sich versteckt. Ich gehe natürlich davon aus, dass Ostrachs Gemeinderäte, die sich ja akribisch auf jede Gemeinderatssitzung vorbereiten, das Zahlenwerk im Umfang von 111 Seiten gründlich studiert haben. Sollte es sich bei dem Ergebnishaushalt 2022 und dem Investitionshaushalt 2022 lediglich um einen unverbindlichen Entwurf handeln, quasi um eine Fingerübung der Ostracher Kämmerei, befremdet mich das Verfahren doch auf das Entschiedenste. Ich darf wohl davon ausgehen, dass ich als interessierter Bürger dieser Gemeinde, der auch nicht davor zurückschreckt, einen Blick in Ostrachs Haushalt zu werfen, eine Auskunft von Ihnen über dieses etwas merkwürdige Verfahren erhalte.
Mit freundlichem Gruß
(Samstag, 3. September 2022 14:02 Uhr)

Sehr geehrter Herr Schreijäg,
heute Abend wird der Entwurf „eingebracht“, d.h. verteilt. Erst danach werden sich die Gemeinderäte damit beschäftigen. Eine Diskussion des Haushaltes findet heute nicht statt.
Mit freundlichen Grüßen
(Montag, 5. September 2022 08:13 Uhr)

Es ist mehr als verwunderlich, sollte im Jahre 2022 ein Haushaltsentwurf noch an Gemeinderäte verteilt werden. Oder haben die Dame und die Herren keinen PC oder Laptop, auf dem sie den Haushalt in digitalisierter Form studieren können, z. B. im sog. Homeoffice?

Sehr geehrter Herr Schulz,
vielen Dank für die zügige Antwort.
Ich erlaube mir aber die Bemerkung, dass die „Einbringung“ eines Haushaltsentwurfes, in dem es immerhin um Millionenbeträge geht, wohl nicht unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ zu subsumieren ist. Dürfte hier nicht ein Tagesordnungspunkt „Einbringung Haushaltsentwurf“ angemessen sein? Schließlich ist doch seit längerer Zeit bekannt, dass am 5. September Gemeinderatssitzung ist.
Mit freundlichem morgendlichem Gruß
Schreijäg
(Montag, 5. September 2022 8:33 Uhr)

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Goethe zum Geburtstag – 273

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen“,schreibt der Herr in Dichtung und Wahrheit. Die Konstellation, die der Geheime Rat hier angibt, soll astrologisch richtig sein. Auch hat er es  mit Müh und Not überlebt, wie er zu berichte weiß: „…denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte“.
68 Jahre später hört sich das dann so an:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Auch ich in Arkadien – aber mit Maske

Mit  Masken kannte sich der Herr ganz gut aus, und das schon 1788:

„Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen; schöne Haare werden vorzüglich erfordert, dann eine ganz weiße Gesichtsmaske … Zierlicher sind die Masken der Landmädchen, Fraskatanerinnen, Fischer, Neapolitaner Schiffer, neapolitanischer Sbirren und Griechen … Witzige und satirische Masken sind sehr selten, weil diese schon Endzweck haben und bemerkt sein wollen.“

Also  wenn Goethe schon 1786 in der Campagna Gesichtsmaske trug, wird uns das doch wohl 236 Jahre später auch gelingen.

Glückwunsch zum Geburtstag!


Ach so, da fehlt ja tatsächlich noch eine genauere Quellenangebe:
Der erste Textauszug steht am Anfang von Dichtung und Wahrheit.
Das Gedicht ist die erste Strophe von Urworte.Orphisch.
Der zweite Textauszug ist aus Das Römische Karneval.
Das Bild Goethe mit  Maske ist ein kostenloses Foto auf Pixabay, eigentlich ist es ja von Tischbein, aber der hat die Gesichtsmaske vergessen.

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Maßnahmen zur Einsparung von Energie in der Gemeinde Ostrach

Die Arbeitsgruppe der Gemeinde Ostrach hat sich zuletzt mit der Umsetzung und Realisierung von konkreten Maßnahmen vor Ort beschäftigt. Folgendes Maßnahmenpaket wurde nun beschlossen und soll in einem ersten Schritt umgehend umgesetzt werden:
1) Beleuchtung öffentlicher Gebäude
Die nächtliche Beleuchtung öffentlicher Gebäude wird umgehend eingestellt.
2) Straßenbeleuchtung
Die Schaltzeiten der Straßenbeleuchtung wird sofort angepasst.
3) Durchlauferhitzer in öffentlichen Gebäuden
Die im Rathaus und weiteren öffentlichen Gebäuden eingebauten Durchlauferhitzer zur Warmwassergewinnung werden abgeschaltet.
4) Heizanlagen in öffentlichen Gebäuden
Die Einstellungen aller Heizanlagen in den öffentlichen Gebäuden wie z.B. Rathaus, Sport- und Festhallen, Schulen, Kindergärten und Dorfgemeinschaftshäuser werden überprüft und ggfs. optimiert. Darüber hinaus werden die Heiztemperaturen bzw. Vorlauftemperaturen an den jeweiligen Heizanlagen gesenkt.
5) Lehrschwimmbecken
Der Betrieb des Lehrschwimmbeckens ist sehr kosten- und vor allem energieintensiv. Nach Einschätzung von Experten bringt die Schließung des Lehrschwimmbeckens die größte Energieeinsparung. Aus diesem Grund hat sich die Arbeitsgruppe dazu entschlossen, das Lehrschwimmbecken nach den Sommerferien bzw. im Herbst geschlossen zu halten.
6) Sensibilisierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
Eine wirkungsvolle und effektive Energieeinsparung funktioniert nur, wenn viele Menschen mitarbeiten. Daher wird die Gemeinde auch nochmals explizit alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung, den Kindergärten, den Schulen und sonstigen Bereichen sensibilisieren und Hinweise geben, wie am Arbeitsplatz und im Arbeitsumfeld ganz einfach Energie eingespart werden kann. Beispiele hierfür können sein: Das Licht öfters mal auszuschalten, unter anderem wenn der Arbeitsplatz oder das Büro verlassen wird. Oder aber gerade in der kälteren Jahreszeit eher mal wieder einen Pullover am Arbeitsplatz tragen und dafür den Heizkörperthermostat ein Stück schließen. Viele kleine Beiträge tragen auch zum Großprojekt Energieeinsparung bei.
7) Bevölkerung und Unternehmen sollen ebenfalls Energie einsparen
Wir sitzen alle im gleichen Boot und müssen daher alle beim Projekt Energieeinsparung mitarbeiten. Dieser Appell geht an alle Bürgerinnen und Bürger, aber auch an die Unternehmen und Gewerbetreibenden in Ostrach und den Ortsteilen, dort Energie einzusparen, wo es möglich ist.
Jede Bürgerin und jeder Bürger kann zu Hause und im privaten Umfeld tagtäglich sehr viel Energie einsparen.
Auch sollten Gewerbetreibende und Unternehmen ihre Betriebe auf mögliche Energieeinsparpotenziale überprüfen. „Auch kleine Maßnahmen wie etwa das Abschalten der Beleuchtung der Firmenreklame und Firmenlogos sowie das Abschalten der großflächigen Außenbeleuchtungen an Firmengebäuden bei Nacht spart sehr viel Energie ein. Bitte überprüfen Sie in Ihren Unternehmen die Einsparpotenziale, denn jedes gesparte Kilowatt trägt dazu bei, dass wir auch im Winter für Strom und Gas Versorgungssicherheit haben“, so der eindringliche Appell von –  Bürgermeister Kugler.

Bürgermeister Kugler, nicht Bürgermeister Schulz. Die aufgeführten und etwas gekürzten Maßnahmen stammen nicht aus Ostrach, sie stammen aus Pfullendorf. Auf der Homepage der Stadt Pfullendorf kann man sie vollständig nachlesen, quasi eine Umsetzung von Habecks Energiesparplan. Den kann man hier nachlesen.
Am 5. September tagt Ostrachs Gemeinderat. Einen Tagesordnungspunkt Maßnahmen zur Einsparung von Energie in der Gemeinde Ostrach gibt es dort nicht. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, tagt doch der Gemeinderat am 19. und am 26. September noch einmal. Und da es sich bei der Einsparung von Energie in der Gemeinde kaum um eine nichtöffentliche Sitzung handeln dürfte, geht es uns doch alle an, dürfen wir alle gespannt sein, wann Ostrachs Gemeinderat aus aktuellem Anlass Vorschläge zur Energieeinsparung in der Gemeinde Ostrach macht. Es dürfte ja hoffentlich mehr dabei herauskommen als in der Gemeinderatssitzung vom 2. November 2020: „Abschaffung der Weihnachtsbeleuchtung im Kernort, nur noch Schmücken eines Baumes.“

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XXIII

Der Bauzustand entspräche fast unverändert dem Zustand von 1554, erfahren wir über die Burg Wildenstein, Jugendherberge seit 100 Jahren, eine der ältesten Jugendherbergen des DJH. Daran erinnert auch die Schwäbische Zeitung vom 12. August, die uns mit ihrem Bericht durch die Burg und dort in ein winziges Gotteshaus führt, das von Gottfried Werner Graf von Zimmern stamme. „Die Kapelle hat exakt zwei Sitzplätze für den Graf und seine Frau, ihre Kinder mussten stehen.“ Die armen Kinder! Aber natürlich mussten sie dem falsch gebeugten Grafen Platz machen, ist doch der Graf ein schwaches Maskulinum. Diese Schwäche teilt er übrigens mit dem Bären und dem Riesen.
Verglichen mit den Welfen waren die Grafen von Zimmern kein so bedeutendes Adelsgeschlecht. Neun Welfen, die zwischen 990 und 1126 gestorben seien, lägen in der Gruft der Basilika in Weingarten begraben, erfahren wir durch die Schwäbische Zeitung vom 10. August. „Darunter auch Heinrich der Schwarze, Großvater des bekannten Heinrich der Löwe.“ Schlecht gebrüllt, Löwe, kann man da nur sagen. Die Rückkehr Heinrichs des Löwen ins Reich im Frühjahr 1185 ist uns zwar nicht mehr so vertraut. An den Kampf Barbarossas gegen Heinrich den Löwen erinnern wir uns vielleicht eher. Aber wer kennt schon den Großvater Heinrichs des Löwen? Erinnern sollte man sich aber daran, dass bei Herrschernamen und Adelsnamen sowohl der Name als auch der Zusatz gebeugt werden.
Tja der Konflikt der Staufer mit den Welfen ist fast so spannende wie ein Krimi. Apropos Krimi. Simone Buchholz ist eine bekannte Krimiautorin. In der Süddeutsche Zeitung vom 11. 08. 2022 berichtet sie von einer ihrer Lesungen: „Als ich der Stadtbibliothek, in der ich später am Abend lesen sollte, einen nachmittäglichen Besuch abstattete – sie lag gleich gegenüber des Bahnhofs, und ich dachte, wie ich so aus dem Zug stieg, ich sag mal Hallo und melde mich zum Dienst.“ Ja Hallo, möchte man da der Schriftstellerin zurufen. Die Bibliothek befindet sich gegenüber des Bahnhofs? Auch für Krimiautorinnen sollte sich eine Bibliothek immer gegenüber dem Bahnhof befinden. Gegenüber des Bahnhofs, das ist fast ein Verbrechen!
Kein Verbrechen, aber ein ordentliches Missgeschick widerfuhr den Premierenbesuchern der Bregenzer Festspiele. Bevor sich Butterfly auf der Seebühne erdolchen kann, musste die Premiere unterbrochen werden. „Denn dann wanzt sich eine Regenfront heran, die Aufführung wird abgebrochen, nur 1700 der 7000 Zuschauer ziehen ins Innere des Festspielhauses, um die Fortsetzung eine Stunde lang als konzertante Oper zu erleben“ (Süddeutsche Zeitung, 22. 07. 2022). Da hat sich also tatsächlich eine Regenfront herangewanzt. Das sollte man unbedingt der Dudenredaktion mitteilen, damit zwischen „heranwagen“ und „heranwinken“ heranwanzen sich dazwischenwanzen kann.
An Bayerns Ministerpräsiden hat sich niemand herangewanzt. Deshalb verzichtet er auf eine Kanzlerkandidatur. „Andererseits stellt sich hier die philosophisch angehauchte Grundsatzfrage“, philosophiert die Süddeutsche Zeitung vom 12.07.2022, „ob man überhaupt auf etwas verzichten kann, das einem keiner angetragen hat.“
Keine philosophisch angehauchte Grundsatzfrage, wohl aber eine Frage des guten Geschmacks und des guten Stils stellt sich einem, wenn man die folgende Formulierung in der Schwäbischen Zeitung vom 07. 07.2022 liest: „Die Vorbereitungen für eine Missbrauchskommission der evangelischen Landeskirchen in Baden, Württemberg, der Pfalz und Bayern sind auf der Zielgeraden.“ Bei der Einrichtung einer Missbrauchskommission dürfte es sich ja wohl kaum um eine sportliches Ereignis handeln.
Bei der Tour de France dagegen handelt es sich auf jeden Fall um ein sportliches Ereignis. Oder? „Pogacar kann nicht mehr folgen, er geht auf wie trockener Mais, wenn er bei hoher Temperatur zu Popcorn wird, und verliert im Ziel fast drei Minuten. So sollte Radsport aussehen!“(Süddeutsche Zeitung, 16.07.2022). Jetzt wissen wir, wie Radsport aussehen sollte: Wie trockener Mais und Popcorn!
Einen unruhigen Schlaf, nicht wegen der Tour de France, sondern wegen der Talkshow von Anne Will hatte der Rezensent der Süddeutschen Zeitung: „In dem Ton ging das noch eine ganze Weile weiter. Gasspeicherfüllstandsgesetz, Ersatzkraftwerkbereithaltungsgesetz, Atomkraftwerkstreckbetrieb. Solche Ungetüme nahm man mit in einen unruhigen Schlaf“ (Süddeutsche Zeitung, 25.07.2022).

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Bruddlers bescheidene Überlegungen zur Bürgermeisterwahl in Hoßkirch

Ich weiß auch nicht, weshalb mir Matthias Ferner, der Kreuzweghofbauer aus Anzengrubers Volksstück „Der Meineidbauer“ immer einfällt, wenn ich an die Bürgermeisterwahlen in Hoßkirch denke. Dort wurde ja am Wochenende der alte ehrenamtliche Bürgermeister im ersten Wahlgang gewählt. Und ich kann mir auch nicht erklären, weshalb mir die Bürgermeisterwahl ihn Hoßkirch einfällt, wenn ich in Peter Sloterdijks neuem Buch „Wer noch kein Grau gedacht hat“ den Satz lese, dass der Ausdruck Grauzone die Zunahme von Intransparenz bis hin zur Undurchdringlichkeit bedeute, ja dass das Grauzonenhafte eine moralgeographische Dimension bilde, das sich Messungen viel mehr entziehe als Schwarzarbeit und Steuerbetrug. Aber: Honi soit qui mal y pense. Es waren die Hoßkircher, die demokratisch abgestimmt haben, und das bei einer Wahlbeteiligung von 65 Prozent. Da gibt es nichts zu bruddeln. Vox populi vox Dei. Von der Sentenz gibt es allerdings eine satirische Abwandlung, die ich nicht einmal vor mich „nabruddelnd“ äußere, sondern still für mich behalte. Kann ja sein, dass ich in den anstehenden Hundstagen doch noch unbeschadet zum Hoßkircher Weiher gehen möchte, und sei’s auch nur, um mich dort auf ein Bänkle zu setzen.

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Bruddler uf em Bänkle – Sofa zum Wegwerfen

Bei der Hitze hilft auch Bruddeln nichts mehr. Obwohl? Irgendwie muss man sich ja Luft verschaffen. Zum Beispiel bei so einer Überschrift in der Süddeutschen Zeitung vom 19. Juli: Sofa zum Wegwerfen. Da bleibt dir glatt die Spucke weg, da verschlägt es dir fast die Sprache. Fast. SOFA kann man nicht wegwerfen; SOFA kann man nicht mundtot machen, SOFA bruddelt halblaut vor sich hin, so dass es alle hören. Zumal in diesen Zeiten, in denen man nicht weiß, wen z. B. die Tories in England als Parteichef und Prime Minister küren. Favorit sei angeblich Ex-Finanzminister Rishi Sunak. Leider sind Herr Tugendhat und Frau Badenoch nicht mehr im Rennen. Wie man die Namen wohl auf Englisch ausspricht? Badenoch und Tugendhat hört sich so deutsch an. Wahrscheinlich hatten sie deshalb keine Chance.
Während die Tories einen Nachfolger für Boris Johnson suchen, suchen bei uns alle die Turbine von Siemens Energy, damit Gas durch Nord Stream 1 fließt und wir im Winter unsere Wohnungen und Gebäude beheizen können. Apropos Gebäude. Es ist schon interessant, welcher Bohei um die Raumtemperatur in öffentlichen Gebäuden gemacht wird. Der Schreiber dieser Zeilen, also dieser Bruddler uf em Bänkle, kann sich noch genau an den Winter 1972/1973 erinnern, als es autofreie Sonntage gab und auf Deutschlands Straßen ein Tempolimit. In der Uni waren die Raumtemperaturen auf 18 Grad reduziert und der junge Student beschäftigte sich mit der „Öffentlichkeit als einer historischen Kategorie“, er las also Habermas‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit in der Bibliothek. Gefroren hat er dabei überhaupt nicht, eher das Gegenteil war der Fall, und das lag nicht nur am Inhalt des Buches.

„Russland will offenbar wieder Gas nach Europa schicken. Laut einer Ankündigung vom Mittwoch soll die Pipeline Nord Stream 1 am Donnerstag wieder in Betrieb gehen, meldet gerade dpa. Ob man der Meldung glauben soll?
Übrigens, was Sofa zum Wegwerfen betrifft, es handelt sich wirklich um Möbelstücke. „Heute gebe es viele minderwertige Produkte, die schnell abgenutzt sind und dann im Müll landen“, steht in dem Artikel. SOFA ist also nicht gemeint, ist SOFA doch ein hochwertiges Produkt. Einige Ostracher hätten aber nichts dagegen, wenn SOFA auf dem Müll landen würde. Den Gefallen erweise ich ihnen aber nicht!

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Ostrach? Kein Ort. Nirgends

Wo sind wir? Kein Ort. Nirgends

Wo sind wir? Die Frage ist berechtigt, zumindest dann, wenn man von Hoßkirch kommend auf der Altshauser Straße nach Ostrach fährt. Ostrach? 50 steht am Ortseingang anstelle der Ortstafel seit geraumer Zeit. Der Ort muss wohl 50 heißen. Fünfzig? „Kein Ort. Nirgends“. Christa Wolfs Roman endet mit dem Satz: „Wir wissen, was kommt“. Eben nicht. Der Unbedarfte, der Ortsfremde weiß eben nicht, was kommt. Wie auch. Er erwartet „ein auffälliges, gelbes Schild mit schwarzer Umrandung. Innen befindet sich die Aufschrift von der Ortschaft, welche hier beginnt“ (StVO Zeichen 310). „Werch ein illtum“, möchte man da mit Ernst Jandl sagen. Rote Schilder mit Zahlen geben in der Regel die zulässige Höchstgeschwindigkeit vor (StVO Zeichen 274). Nicht so in der Gemeinde Ostrach-Kein Ort. Hier geben rote Schilder mit der Ziffer 50 inzwischen den Ortsnamen an. Herzlich willkommen in der Gemeinde Fünfzig!
Aber wer wollte denn so zynisch sein? Die christliche Gemeinde Ostrach hat sich natürlich etwas dabei gedacht. Fünfzig ist etwas überaus Positives, fünfzig ist die Zahl der Freude: „Der fünfzigste Tag nach Ostern (ursprünglich nach Erntebeginn) als fröhliches Erntefest bestimmte die zeitliche Festlegung des Pfingstfestes (pentekoste) nach Ostern und auch dessen Freudencharakter. Jedes fünfzigste Jahr (siebenmal sieben Sabbatjahre + eins) war ein Jubeljahr (Halljahr), in dem die Sklaven wieder freigestellt, die Schulden erlassen, die Felder nicht beackert und die verpfändeten Äcker und Häuser zurückgegeben wurden“ (Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Eugen Diedrichs Verlag. München 1988. S. 313). Na also! Wenn in diesen schwierigen Zeiten auch in Ostrach Schulden erlassen und Häuser zurückgegeben werden! Hoffentlich ist das mal kein „illtum“.

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XXII

Weil heute der 4. Juli ist, also der Tag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, die nach wie vor eine Weltmacht sind, die ihre Ordnungsfunktion wahrnimmt – ihre Ordnungsfunktion? Das sieht die Süddeutsche Zeitung vom 28.03.2022 etwas anders: „Global gelinge es der einstigen Supermacht schon lange nicht mehr, seine Weltordnungsfunktion wahrzunehmen…“ Ihre Ordnungsfunktion, seine Ordnungsfunktion? Glückwunsch zum Nationalfeiertag! Die Weltmacht und seine Bürger werden ihn hoffentlich gebührend feiern.
Auch in Großbritannien wurde vor kurzem kräftig gefeiert, nämlich das Platinjubiläum der Queen, das die Schwäbische Zeitung am 02.06.2022 folgendermaßen kommentiert: „Die royale Sause wird ein verunsichertes, von seiner Elite enttäuschtes, in vielerlei Hinsicht gespaltenes Land von seiner Misere kurz ablenken.“
Die royale Sause braucht natürlich eine kosmopolitische Stadt, eine Stadt, die so beschrieben werden kann: „Hier die kulturell quirlige, kreative, weltoffene und kosmopolitische Stadt, die nach vorne in die Zukunft strebt (versus: ein verdammter Moloch, der krank und einsam macht). Dort das dumme Land der Einfältigen und eben Abgehängten als Ewiggestrige (versus: nur hier kann man noch Mensch sein). Solche Klischees sind unkaputtbar, obwohl sie kaum mehr zu erklären sind“ (Süddeutsche Zeitung, 08. 04. 2022).
So eine Beschreibung ist doch einfach unkaputtbar. Sie wird nur noch übertroffen durch „Ideenfetzten“, die ein Gedankensausen im Kopf produzieren – aber lesen Sie selbst: „Auf der anderen Seite aber belastet das permanente Wandern des Geistes. Ein Drang schubst den nächsten Ideenfetzen durch den Kopf, die Gedanken verheddern sich, verschwinden plötzlich, tauchen wieder auf, immer wieder der gleiche Krempel. Ein ums andere Mal reißen Querschläger Löcher in den Fokus. Unter diesen Umständen produziert das Gedankensausen im Kopf Stress statt kreativer Blitze“ (Süddeutsche Zeitung, 19.02.2022).
Ideenfetzen und kreative Blitze – oder waren es doch Querschläger?  – lieferte die Schwäbische Zeitung an einem Tag: „Er kann erst wieder ruhig schlafen, wenn er den allerletzten Virus-Krümel aus Deutschland vertrieben hat. Nebenbei hat er aber noch andere Gesundheitsprobleme auf dem Schirm … Boris Johnson überlebt schwer angeschlagen … Dass mit 85 der Tod um die Ecke lauert, schreckt den Optimisten nicht“ (alles Schwäbische Zeitung, 07. 06. 2022). Da lauert also bei Roberto Blancos 85. Geburtstag der Tod um die Ecke, Boris Johnson hat überlebt und Karl Lauterbach hat Gesundheitsprobleme auf dem Schirm.
Und die Grünen? Ihre politischen Positionen in dieser Koalitionsregierung werden immer fragwürdiger. „Was von den Grünen als moderner, breiterer Sicherheitsbegriff verkauft wurde, schrumpelte in den Verhandlungen zusammen wie eine Zitrone“ (Süddeutsche Zeitung, 31. 05. 2022). Aber das Schrumpeln wäre ja das geringste Problem, nimmt doch bereits jetzt im Rahmen der Gaskrise die Temperatur stetig ab, vor allem im Finanz- und Sozialministerium: „Ein erstes Rumpeln zwischen Lindner und SPD-Sozialminister Hubertus Heil diese Woche zeigt, dass die Kerntemperatur im Innern der Ampel schon bald unter die Wohlfühlschwelle sinken könnte“ (Süddeutsche Zeitung, 04. 06. 2022).
Bei so viel Schrumpeln und Rumpeln muss man sich nicht wundern, dass in dieser Regierung kräftig gestritten wird: „Ampel streitet über Rückkehr der Masken“ (Schwäbische Zeitung, 28. 05. 2022). Narri! Narro! möchte man da der Ampel zurufen.
Nicht zum Narren macht sich dagegen Berlins Regierende Bürgermeisterin, wie man der Süddeutschen Zeitung vom 01. 07. 2022 entnehmen kann: „Direkt nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine bewies Giffey, dass sie auch Krise kann …“  Frau Giffey kann eben Krise, der SZ – Journalist kann sicher kein Deutsch, dafür kann er aber Zeitung.

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Umfrage von RIVAHOME in Ostrach zum leistbaren, smarten und stylischen Wohnen

Leistbares Wohnen! Und zwar nicht einfach nur so – sondern smart und stylisch! Dafür wirbt RIVAHOME auf der Homepage. Und leistbar muss es natürlich sein. Und wer smartes, stylishes und leistbares Wohnen anbietet, maßgeschneidert sogar, der muss vorher eine Umfrage starten zum Wohnquartier in Ostrach: „Wir laden Sie ein, nehmen Sie teil und gestalten Sie das Projekt in Ihrer Region mit.“ „Du suchst ein neues Zuhause. Hier bist DU genau richtig“, so hieß das noch früher. Jetzt wird es aber ernst und aus dem trauten DU wird ein förmliches SIE. Und Riva Home, zuständig für Junge, und Riva Dahoam, zuständig für Alte, will in der Umfrage aber zunächst gar nicht wissen, wie alt man ist, RivaHomeDahoam will zuerst wissen, welchem Geschlecht man sich denn zugehörig fühle: weiblich, männlich oder divers. Also bitte genauer: LBGTQ. Die Frage sei aber schon erlaubt, was um alles in der Welt die Geschlechtszugehörigkeit mit dem Kauf einer Eigentumswohnung zu tun hat. Zahlen Männer etwa weniger als Frauen?
Frage 2 dreht sich dann aber tatsächlich um das Alter: Wie alt sind Sie wird gefragt. Und bei Riva Home gibt es tatsächlich die Möglichkeit, im zarten Alter zwischen 0 und 18 Jahren eine Wohnung zu kaufen. Wie man mit null Jahren eine Wohnung kaufen kann, bleibt allerdings das Geheimnis des Investors.
Ist Geschlecht und Alter geklärt, können die künftigen Bewohner, Pardon! die künftigen Bewohner:innen ihre Präferenzen für die Ausrichtung des Wohnquartiers ankreuzen: mäßige Bebauung, sanfte Verdichtung, städtisches Quartier. Städtisches Quartier trifft für Ostrach natürlich besonders zu, vor allem an der Altshauser Straße.
Als potentieller Interessent bzw. potentielle:r Interessent:in kann man eine Wohnungsgröße zwischen 45 und 115 qm ankreuzen. Auch kann ich meinem Haushalt 1-3+ Autos zuordnen. Dass potentielle Interessenten kein Auto haben, sondern mit dem Fahrrad fahren, ist in der Umfrage nicht vorgesehen.
Geht es um die Gemeinschaftsflächen, wird die Umfrage von Riva Home mehr als seltsam. „Würden Sie die Flächen gerne mitbenutzen, auch wenn Sie NICHT Bewohner:in der Wohnanlage sind?“, werden in Frage Nr. 11 die interessierten Bürger:innen, die eine Wohnanlage kaufen sollen / wollen, gefragt. Ja an wen richtet sich denn nun die Umfrage? Doch an die Käufer, die  smart, stylisch & leistbar wohnen wollen. Und nicht an die Nicht-Bewohner. Oder?
„Wie würden Sie zu einer Mitbenutzung des Außenraumangebots durch die Öffentlichkeit stehen?“, will der Investor in Frage 12 wissen und bietet drei mögliche Antworten zur Auswahl an: Ist mir egal, finde ich nicht gut oder finde ich gut. Oje! Leicht bei einander wohnen die Gedanken / doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. Mitbenutzung durch Fremde im eigenen Wohnquartier? „Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, / wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“, dichtete doch einst der eben schon Zitierte.
Vier Fassaden stehen zu Auswahl und der potentielle Interessent kann eine auswählen. Gefällt ihm keine, ist die Umfrage beendet. Es geht nicht weiter. Er muss eine ankreuzen, auch wenn er all vier scheußlich findet: „Dies ist eine Pflichtfrage!“

Und am Schluss folgt noch eine Einladung zu einem Workshop. „Können Sie sich vorstellen an diesem Workshop teilzunehmen?“ Na dann viel Spaß! Wenn Sie es sich vorstellen können.

Bruddlers Überlegungen zu 140 Wohnungen – Bruddler uf em Bänkle.

140 Wohnungen zum Spottpreis in Ostrach

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Bruddlers Überlegungen zu Königlichen Hoheiten und zur Republik

Eberhard, der mit dem Barte,
Württembergs geliebter Herr,
Sprach: „Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;

Doch ein Kleinod hält’s verborgen:
Dass in Wäldern, noch so groß,
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoß.“

Justinus Kerner hat es 1818 geschrieben, dieses Preislied auf Eberhard im Bart, dem ersten Herzog von Württemberg (1445–1496). „Preisend mit viel schönen Reden“, so fängt es an. Und Hans Bayer alias Thaddäus Troll hat als Junge immer Preußen mit viel schönen Reden verstanden, weil er sich als Schwabe gar nicht anderes vorstellen konnte: Nur Preußen reden viel und schön. Schwaben bruddeln uf em Bänkle, schimpfen halblaut vor sich hin, wenn sie z. B. in der Schwäbischen Zeitung vom 8. Juni in einem Nachruf auf Carl Herzog von Württemberg lesen: „Formal korrekt wäre die Anrede ‚Königliche Hoheit‘. Doch Herzog Carl selbst sagte einmal im Interview mit der Schwäbischen Zeitung: ‚Das ist etwas steif. Es ist mir am liebsten, wenn man mich einfach Herzog Carl nennt‘ “.
Formal korrekt wäre die Anrede Königliche Hoheit? Ja ist die Bundesrepublik Deutschland eine Monarchie mit einem König? Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. So steht das in Art. 20 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland, und alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt. Von einem König ist da nicht die Rede. Manche verstehen das nicht und meinen, dass königliche Hoheiten, z. B. so wie in England Her Majesty The Queen auch für unsere Republik etwas Tolles wären. Nur wären wir dann halt keine Republik mehr und das Grundgesetz müsste abgeschafft werden. Dem schiebt aber unser Grundgesetz in Artikel 20 Absatz 4 einen Riegel vor: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“
Manche verstehen das einfach nicht. Wenn man z. B. auf die Homepage des Hohenzollernschlosses Sigmaringen geht, grüßt dort freundlich Seine Hoheit Karl Friedrich Fürst von Hohenzollern und Ihre Hoheit Katharina Fürstin von Hohenzollern. Nun heißt der Herr eigentlich korrekt Karl Friedrich Emich Meinrad Benedikt Fidelis Maria Michael Gerold Prinz von Hohenzollern. Von Fürst und Hoheit ist da nicht die Rede. Aber er hat Humor, der Jazzer. Er betrachte den Titel als Berufsbezeichnung, hat er die Schwäbische Zeitung am 25.02.2011 wissen lassen.
Dass das in Sigmaringen nicht immer so humorvoll zuging, kann man an dem Konflikt zwischen dem fürstlichen Haus Hohenzollern und der preußischen Regierung Sigmaringen v.a. wegen Titelführung des fürstlichen Familienoberhaupts, 9. Juli 1928 erkennen. Der Regierungspräsident in Sigmaringen war einfach der Meinung, „Friedrich (Friedrich von Hohenzollern) habe als Namensbestandteil allein ein Anrecht auf den Titel Prinz von Hohenzollern und argumentierte verfassungskonform, die Bezeichnung ‚Fürst‘ könne mit dem Dahinscheiden Wilhelms nicht weiter als Adelsprädikat an Dritte übergehen. Dies gelte auch für das Adelsprädikat Hoheit.“

[Eine Frage der „Etikette“ oder der „Staatsautorität“? Die Rolle der Beamten im „Sigmaringer Titelstreit“.  Umfassende Darstellung. Fazit der Autorin: „Es wird deutlich, dass den Beamten eine gute Beziehung zum Fürstenhaus der Hohenzollern und damit ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Vorteil wichtiger war, als die Verteidigung und Durchsetzung von demokratischen Prinzipien in der preußischen Provinz Hohenzollern.“]

„Mit dem Übergang in die Weimarer Republik und dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung (WRV) von 1919 (Verfassung des Deutschen Reichs) wurden mit Art. 109 WRV alle Bürger vor dem Gesetz gleichgestellt und Vorrechte der Geburt, des Geschlechts, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses ausgeschlossen. Die Adelsbezeichnungen (die Adelstitel und die Prädikate wie von und zu) wurden zu Bestandteilen des Namens und dürfen seither nicht mehr verliehen werden“, lesen wir in oder auf Wikipedia unter dem Stichwort Adelstitel. Und so wurde halt seit 1919 bis jetzt der Adelstitel Teil des Namens. Und der Münchner Merkur meint dazu, die Protokollabteilung des Bundesinnenministeriums zitierend: „Anredeformen wie Königliche Hoheit, Hoheit, Durchlaucht und dergleichen haben keine rechtliche Grundlage.“ Und der Merkur fährt auf Bayern bezogen fort: „Juristisch unstrittig ist aber der Name, der im Pass steht, nämlich: Franz Herzog von Bayern. Daraus ergibt sich die bürgerliche Anrede Herr Herzog von Bayern oder – in Kurzform – Herr von Bayern.“
Um in Bayern – Pardon! in der Oberpfalz – zu bleiben, heißt die bedeutendste Regensburgerin nicht Fürstin, sondern Mariae Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis.

Und wer meint, die Monarchie sei die beste Staatsform und Monarchen weniger abhängig als ein gewählter Politiker, der kann ja nach England emigrieren oder sich den Reichsbürgern anschließen. So! Mit Justinus Kerner habe ich angefangen (zu bruddeln) und mit Jacob Grimm höre ich auf. Ja, Jakob Grimm, der ältere Bruder von Wilhelm, die Märchensammler. Jacob hält im Revolutionsjahr 1848 in der Paulskirche eine Rede über den Adel. Da haut es dich vom Bänkle! Hier ein Auszug:

„Da ich doch einmal auf dieses Wörtchen von zu sprechen gekommen bin, das in den letzten Jahrhunderten manchem den Kopf verrückt hat, so sei es mir vergönnt, einen Augenblick dabei zu verweilen. Es ist nichts als eine Präposition, d. h. in der Grammatik ein Wort, das einen Kasus regiert. (Beifall.) Es muß also von diesem Wort ein Kasus abgehangen haben, sonst würde es sinnlos sein. Immer ist es mir erschienen, daß, was in der Sprache albern und sinnlos scheint, es auch im Leben ist. Es fordert also immer einen Besitzer oder Herrn des Guts, worauf es sich bezieht … Meine Herren, nach allem, was ich bisher gesagt habe, kann es mir nur scheinen, daß der Adel aussterben müsse, aber ich glaube nicht, daß er mit seinen Titeln und seinen Erinnerungen getilgt werden darf; diese mögen ihm bleiben, so gut wie uns Bürgerlichen, die wir ebenso lebhaft an unseren Voreltern hängen …. Solche Erinnerungen sollen überall heilig bleiben, und niemand wird sie dem Adel wegnehmen oder verkümmern; aber etwas ganz anderes ist, daß er künftig aus Vorrechten heraustreten und in allen Standesbeziehungen jedem andern gleich sein wird. Daß aber jene Vorrechte bestanden, haben wir bis auf die letzte Zeit oft mit Schmerzen erlebt. Es war nicht nur das Recht, goldene Sporen zu tragen oder die Nägel an den Fingern länger wachsen zu lassen, was auch die Mandarine dürfen, von denen man vorher sprach; es waren Vorrechte, die in unsere Sitten und Lebensart aufs empfindlichste eingriffen.“

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XXI

„Vom jungen, stylishen Charkiw ist gerade nicht viel zu sehen, das soll sich jetzt ändern“ (Süddeutsche Zeitung, 23. 05. 2022). Ja, Sie haben richtig gelesen: stylish. „Es soll mondän und modern klingen, von Stil und Eleganz berichten, kommt aber dahergetrampelt als Anglizismus der primitivsten Sorte, mit Gewalt aus einer Sprache gerupft und in die andere gestopft. Wer stylish sagt, der hat Stil nicht verstanden“ (Andreas Neuenkirchen, Kann man sagen, muss man aber nicht. Dudenverlag Berlin 2021 S.114). Womit eigentlich alles gesagt wäre, was stylish betrifft.
Ob es sich bei dem jungen, stylishen, kulturaffinen Charkiw um ein Klischee handelt, wissen wir nicht. Was wir aber laut Süddeutscher Zeitung vom 08. 04. 2022 wissen: „Solche Klischees sind unkaputtbar, obwohl sie kaum mehr zu erklären sind.“ Wäre jetzt aber interessant zu wissen, welche Klischees kaputtbar sind. Vielleicht die Klischees über Lawrow und Gerhard Schröder? Immerhin bedankt sich ein Moderator bei Lawrow, der aus Moskau zugeschaltet war. Er bedankt sich nicht nur – „Der Moderator bedankt sich länglich beim ministro, dass er gerade seine Einladung angenommen habe“ (Süddeutsche Zeitung, 03. 05, 2022) – ,er bedankt sich länglich. Bei Schröder bedankt sich niemand, weder länglich noch kürzlich, im Gegenteil: „Der Bundestag will dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder sein Büro streichen. Dieser Schritt ist überfällig…“ (Süddeutsche Zeitung, 19. 05. 2022). Tja, wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen und dazu dem Schröder sein Büro. Dass Gerhard Schröder als Bundeskanzler ein Macho war, ist bekannt, misogyn ist er aber mit Sicherheit nicht. Da muss man schon zurück bis zur “Generation Wehner ff“, da wurde im Bundestag noch gestritten, allerdings „unter großzügiger Missachtung von Misogynie und sonstiger riesenhafter Machismen, also auch der allgemeinen Sauerbratenhaftigkeit“ (Süddeutsche Zeitung, 26. 03. 2022). Frauenfeindlichkeit und Sauerbratenhaftigkeit findet man bei der heutigen Politikergeneration nicht mehr; trifft sich doch Cem Özdemir ganz zwanglos mit Julia Klöckner. „Es ist ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches Get-Together: Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) unterhält sich am Kaffee- und Würstchenstand mit seiner Vorgängerin Julia Klöckner (CDU)“ (Süddeutsche Zeitung, 14.02.2022). Ein Get-Together trotz Corona! Das Corona-Management war schon bedenklich, trotz Karl Lauterbach. „Nach allem, was sich die Regierung in Sachen Corona-Management in den vergangenen Wochen geleistet hat, erscheint der neueste Move nur konsequent … Was die Regierung da betreibt, ist somit keine Grippalisierung von Corona, es ist die Bagatellisierung von Corona“ (Süddeutsche Zeitung, 06.04.2022). Yes, let’s make a move, the opera house is closing! Und dann würden wir Wagners „Walküre“ verpassen. Aber wir haben ja die Süddeutsche Zeitung vom 12. 04. 2022, die berichtet: „Wotan spielt mit seinen Kindern Siegmund und Sieglinde, Brünnhilde tritt auf als liebe Tochter, das erste ‚Hojotoho‘ ist verspielte Ironie, dann wird der Gott von seiner Gattin Fricka, der furchtlosen Annika Schlicht, hemmungslos zusammengeschissen und auch noch mit Erotik umgarnt, bis er als machtloser Ehemann zusammensinkt“ (Süddeutsche Zeitung, 12. 04. 2022). Und bevor wir jetzt alle zusammengeschissen zusammensinken, hoffen wir auf eine tragfähige Lösung. Die gibt es nämlich durch kompetente Männer:
„Alle vier Verantwortungsträger würden sich in die Pflicht nehmen, nach Instrumenten zu suchen, um die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger zu verringern“ (Schwäbische online,03.03.2022).
„Aber die Vorsichtigen und die Bedenkenträger in der EU haben sich durchgesetzt“ (DW, 11. 03 2022). „Doch der Hoffnungsträger schwächelt ganz akut“ (Süddeutsche Zeitung, 12.03.2022).
Verantwortungsträger, Entscheidungsträger, Bedenkenträger, Hoffnungsträger, Hosenträger – mehr fällt mir dazu nicht ein.

Wer zwischen den Zeilen lesen kann, konnte unschwer feststellen, dass es die Süddeutsche Zeitung war, die ihr Fett abgekriegt hat. Was nicht heißt, dass die Schwäbische nie ins Fettnäpfchen tritt; nur diesmal kam sie ungeschoren davon.

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