Radwege – Irrwege – Holzwege

Achtung! 

      Der folgende Text ist nicht nur für Radsportfans. Er richtet sich an alle Radfahrer.

Das Regierungspräsidium lässt derzeit die Fahrbahndecke der L 286 zwischen Ostrach und Altshausen erneuern. Seit Montag, 14. September begannen nun die Sanierungsarbeiten für den zweiten und letzten Abschnitt zwischen Ostrach und Hoßkirch, die voraussichtlich bis Mitte Oktober 2020 andauern. Im Zuge der Straßenbauarbeiten wird zudem der Belag des Rad- und Gehweges zwischen Ostrach und Hoßkirch saniert.

Hoppla! Da sind offensichtlich zwei Meldungen durcheinandergeraten, haben sich vermischt. Da war der Wunsch der Vater des Gedankens. Wäre es doch zu schön. Aber leider, liebe Radfahrer, es ist ein Holzweg, auf dem wir uns hier befinden oder ganz einfach formuliert: Diese Meldung ist falsch!
Richtig ist: Im Zuge der Erneuerung des Straßenbelags auf der Kreisstraße K 7957 zwischen Blönried und Altshausen auf rund 1,5 Kilometern Länge wird zudem der Belag des Rad- und Gehweges zwischen Blönried und Altshausen saniert. Im Zuge der Fahrbahndeckenerneuerung auf der L 286 zwischen Ostrach und Hoßkirch wird der parallel verlaufende Radweg in der Länge von 1,3 Kilometern nicht saniert. Und so bleibt eigentlich die Straßensanierung auf halbem Wege stecken. Und es sind die Radfahrer, die wieder einmal auf der Strecke bleiben.

Es könnte natürlich auch sein, dass das Regierungspräsidium, das hier die Fahrbahndecke zwischen Ostrach und Hoßkirch erneuert, all den E-Bikern, Pedelecern, Mountainbikern, Rennradfahrern und sonstigen Radfahrern ein Erlebnis, ein „Feeling“, nicht vorenthalten will, nämlich das Gefühl, sich so zu fühlen, als befänden sie sich bei einem der berühmtesten Eintagesrennen des Straßenradsports: bei Paris-Roubaix mit seinen Pavés. Berühmt sind die Kopfsteinpflaster dieses Radklassikers, die seit 1977 liebevoll gepflegt werden und das Herz jedes Radsportbegeisterten höherschlagen lassen. So viel Fürsorge und Empathie für all die Radfahrer, die zwischen Ostrach und Hoßkirch und Hoßkirch und Ostrach hin- und herfahren, hätte man vom Regierungspräsidium doch kaum erwartet. Es muss aber nicht unbedingt sein, dass die nächsten 43 Jahre der Radweg nicht saniert wird. Ostrach – Hoßkirch ist nicht Paris-Roubaix.

Die Meldung über den Radweg zwischen Blönried und Altshausen konnte man der Schwäbischen Zeitung vom 23. 09. 2020 entnehmen. Die Meldung über die Fahrbahndeckenerneuerung zwischen Ostrach und Altshausen stand u. a. in den Amtliche Bekanntmachungen der Gemeindeverwaltung Ostrach vom 17. 09. 2020.

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Tour de France ohne Nationalismus

Achtung! Der folgende Text ist nur für Radsportfans! Achtung!

„So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, heißt es bei Matthäus 20, 16 in der deutschen Übersetzung von Martin Luther. Nun war Luther Augustinermönch und nicht begeisterter Radrennfahrer; immerhin hat er aber als Martin Luder vom November 1510 bis März 1511 den Weg von Erfurt nach Rom und zurück bewältigt – zu Fuß. Der genaue Streckenverlauf? Unklar. Natürlich über die Alpen. In der Winterzeit. „Luder muss zu diesem Zeitpunkt eine robuste Konstitution besessen haben“, schreibt Heinz Schilling in seiner phantastischen Lutherbiographie (Heinz Schilling, Martin Luther. C.H. Beck, München 2016). Würde der Bettelmönch heute leben und hätte er das Bergzeitfahren der vorletzten Etappe der Tour de France von Lure nach La Planche des Belles Filles gesehen oder gar miterlebt, würde er das mit den Letzten und den Ersten in einer Randbemerkung dahingehend ergänzen, dass das auf die Tour de France nicht zutrifft. So werden manchmal die Zweiten die Ersten und die Ersten die Zweiten sein, müsste es da heißen.

Und so hat also Tadej Pogačar Primož Roglič fast eine Minute abgenommen und fährt in Gelb auf den Champs-Élysées. Das Leben kann so gemein sein! Da fährt Primož Roglič seit der 9. Etappe im Gelben Trikot und verliert dann in der vorletzten Etappe noch die ganze Tour. Aber immerhin zwei slowenische Radrennfahrer auf den ersten beiden Plätzen. Und die deutschen Radrennfahrer? Abgeschlagen. Unser Ravensburger Emanuel Buchmann, verletzt seit der Dauphiné-Rundfahrt, chancenlos. Überhaupt hat das deutschen Team Bora-hansgrohe bis auf den Bremer Lennard Kämna nicht überzeugen können. Da war der Brite Adam Yates vom australischen Team Mitchelton-Scott einiges besser. Auch der Franzose Julian Alaphilippe vom belgischen Team Deceuninck-Qiuck-Step fuhr dreimal in Gelb. Nicht so erfolgreich der Niederländer Tom Dumoulin vom niederländischen Team Jumbo-Visma.


Das deutsche Team, das australische Team, das belgische Team, das niederländische Team – als ob es bei der Tour de France um eine Nationenwertung ginge! Der Slowene, der Deutsche, der Brite, der Franzose – ist das wichtig bei der Tour de France? Zugegeben, manchmal ist es hilfreich, hilfreich deshalb, weil sich in den Teams Rennfahrer aller Nationalitäten befinden, und das ist das Schöne an der Tour de France. In dem tollen Team von Tadej Pogačar und Tom Dumolin, dem Team Jumbo-Visma, fahren acht Fahrer mit sieben unterschiedlichen Nationalitäten. Im Team Deceuninck-Qiuck-Step sind es fünf unterschiedliche Nationalitäten. Und selbst im sog. deutschen Team Bora-hansgrohe ist mit dem Straßenweltmeister Peter Sagen ein slowakischer Rennfahrer im Team, Daniel Oss ist Italiener, drei Deutsche und drei Österreicher komplettieren das Ganze.

Die Reporterfrage während einer Tourübertragung nach der Platzierung der deutschen Fahrer quer zu allen Teams, schön auf einer eingeblendeten Karte eingekreist, damit man auch sieht, wo sich die Deutschen befinden, wird dem Radsport doch nicht gerecht. Der ist international, wie man sehen konnte.
Es kann einem auf die Nerven gehen, nicht nur das ununterbrochene Gequatsche der TV-Moderatoren während einer Etappe, sondern auch dieses „Wo sind unsere deutschen Fahrer“. Im Peloton, meistens.

Emanuel Buchmann ist sehr sympathisch. Ich hätte ihm einen Platz auf dem Podest gegönnt. Dem Franzosen Guillaume Martin hätte ich z. B. ebenfalls einen vorderen Platz gegönnt, auf dem Podest in Paris, schon allein deshalb, weil der junge Philosoph und Rennradfahrer ein Buch geschrieben hat, in dem Philosophen bei der Tour de France in Nationalteams gegeneinander antreten. Nietzsche charakterisiert er darin als einen rebellischen Fahrer, einer, der von der Norm abweicht. „Und in meinem Buch weigert sich Nietzsche, für die deutsche Nationalmannschaft zu fahren. Er wäre sicherlich als Persönlichkeit herausgestochen. Nietzsche beschrieb im Gegensatz von Apollon und Dionysos das Spannungsverhältnis zwischen der Ordnung, für die Apollon steht, und der Verrücktheit des Dionysos“, so der Franzose Guillaume Martin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 11. 09. 2020. Schon allein für diese für einen Rennradfahrer nicht gerade typischen Reflexionen hätte ich Guillaume Martin einen Erfolg gewünscht. Aber nächstes Jahr gibt es ja wieder eine Tour de France. Ohne Nietzsche-  aber mit Guillaume Martin.

 

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Und die NINA schweigt dazu…

Nationaler Warntag in Deutschland, groß angekündigt, Punkt 11:00 Uhr heulen die Sirenen, soweit überhaupt noch vorhanden, wenn nicht, dann warnt NINA!
11:00 Uhr – kein Ton, neudeutsch auch keine Push-Benachrichtigung, keine NINA-Sirene tönt, Schweigen im Smartphone. Das kann doch nicht sein, habe ich etwa etwas falsch eingestellt. Sonst meldet mir doch NINA jeden Regenschauer, fürsorglich wie NINA eben ist. Klick auf die App. „Landesregierung ändert die Corona-Verordnung“, Meldung vom 06. 08. 2020. Sonst nichts. Ich schalte das Fernsehgerät ein, ARD Das Erste. Doch, wirklich, da steht auf dem Bildschirm unten, dass heute Warntag in ganz Deutschland sei. NINA schweigt immer noch. Jetzt reichts! Anruf beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BBK. Natürlich geht da niemand ans Telefon. NINA schweigt hartnäckig. Also öffne ich die App erneut. NINA öffne dich! Entwarnung! Die Schweigsame teilt mir um 11:40 Uhr mit: „Entwarnung: Bundesweiter Warntag 2020-Probewarnung“.
Aber vielleicht bin ich ja überhaupt der Einzige, den NINA mit Schweigen bestraft. Ich gebe in die Suchmaschine ein „NINA-App funktioniert nicht“. Und bin erleichtert. Eine ganze Twitter-Gemeinde zwitschert erbost, dass weder NINA noch Katwarn funktionierten. Unisono melden unsere Zeitungen und Rundfunkanstalten, dass die Warn-App Nina bei vielen nicht funktionierte. Ich gehöre offensichtlich zu den „vielen“. Pech gehabt. Im Ernstfall wäre diese Katastrophenhilfe eine Katastrophe. Und da ich in Ostrach ja auf einem Pulverfass sitze, nämlich in unmittelbarer Nähe eines Chemiewerks, in dem es in regelmäßigen Abständen brennt und Giftgase entweichen, kann ich das alles doch nicht so entspannt sehen, zumal beim letzten Bilgram-Katastrophen-Einsatz keine Warnung erfolgte, weil – ja weil NINA sich nicht meldete. Halt! Da trifft aber NINA keine Schuld. Die Leitstellen kommunizierten nämlich damals, am 28. Januar 2020, per FAX. Die Postkutsche hatte einen Defekt.

10. 09. 2020 Nationaler Warntag in ganz Deutschland
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Protest vor Ostrachs Gewerbegebiet – Und immer noch keine Wende

„Wir wollen die Wende.
Gehweg bis ans Ortsende.
Endlich die Wende.
Tempo 50 bis Ortsende.“

„Die Wut gehe zwar rasch vorbei, verbrauche jedoch viel Energie. Auch der Zorn sei nicht unbegrenzt haltbar. Die Empörung hingegen wirke langfristig. Sie dürfe nicht auf unbedeutende Anlässe verschwendet werden“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in Herrn Zetts Betrachtungen.
Ganz unbedeutend ist der Anlass nicht. Es ist schon außergewöhnlich, dass ein Gewerbegebiet, vom Ortsrand abgenabelt, zu Fuß nicht zu erreichen ist. Es ist schon außergewöhnlich, dass ein aufgeschütteter Erdwall zwischen Wohngebiet und Gewerbegebiet an der Altshauser Straße vor sich hingammelt, weil keine angemessene Bepflanzung erfolgt. Es ist schon außergewöhnlich, dass eine Tempobegrenzung nur in Ostrach nicht möglich ist; in vergleichbaren anderen Fällen aber in anderen Gemeinden erfolgen kann. Tja, in Ostrach ist eben alles außergewöhnlich.
Auch ist Empörung angebracht, wenn eine Gemeinde erwartet, dass Fußgänger auf einer durchaus befahrenen Straße ihren Weg in das Gewerbegebiet Königsegg einschlagen sollen, auf der Straße, weil es keinen Gehweg gibt. Empörung ist auch angebracht, wenn eine Gemeinde nicht in der Lage ist, auf der durchaus breiten Altshauser Straße Fahrradschutzstreifen in der bescheidenen Breite von 125 cm anzulegen. Und so können also in Ostrach Fußgänger und Radfahrer auf dem Weg in das Gewerbegebiet Königsegg seit ungefähr zwei Jahren auf der Altshauser Straße testen, wie angenehm es ist, mit Tempo 100 überholt zu werden.

Womit der Anlass für diese Protestplakate alles andere als unbedeutend wäre. Geht es doch um nichts Geringeres als die Sicherheit von Menschen. Die Empörung der Initiatoren dieser Protestplakate wirkt hoffentlich langfristig und nachhaltig. In diesem Sinne:

Wir wollen die Wende,
Gehweg bis ans Ortsende.
Wenn an des Ortes Ende
man auch das Ortsschild fände,
das wär ‘ne Wende!

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Die Narrenweisheiten des Präsidenten der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte

„Der nordrhein-westfälische FDP-Chef und stellvertretende Ministerpräsident Joachim Stamp hat sich dafür ausgesprochen, alle Karnevalsumzüge in der kommenden Session abzusagen. Ausgelassenes Feiern sei angesichts der derzeitigen Corona-Lage nicht möglich, sagte Stamp am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf“ (Süddeutsche Zeitung, 21. 08. 2020). Dies sieht Landrat Stephan Pusch aus Heinsberg ebenso: „Ich glaube nicht, dass es nächstes Jahr Karneval geben wird. Unsere Aufgabe ist jetzt, Dinge aufrechtzuerhalten, die essenziell sind“ (dpa, 21. 08. 2020). Auch Manne Lucha sieht das so: „Die Fasnet, die wir alle kennen, mit rumjucken, anbusserln, Glühwein trinken – die seh‘ ich aktuell nicht. Das funktioniert während einer globalen Pandemie und in Zeiten steigender Infektionszahlen leider nicht“ (Schwäbische Zeitung, 20. 08. 2020).

Der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), Roland Wehrle, sieht das nicht so. Am 22. 06. 2020 gab er der Schwäbischen Zeitung die folgende Narrenweisheit zum Besten: „Natürlich haben wir ein Recht auf unsere Fastnacht, gerade als Kulturerbe. Aber genauso hoch wiegt die Verantwortung für die Allgemeinheit.“ Diese Äußerung wurde in diesem Blog schon als „dümmster Spruch des Monats Juni“ prämiert, verbunden mit dem Hinweis, dass es kein Recht auf Fastnacht gebe, wohl aber ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Artikel 2 unseres Grundgesetzes garantiert dieses Recht.
Aber mit einer Hartnäckigkeit, die wohl einer bestimmten Sorte Narren eigen, beharrt der VSAN-Präsident auf seiner Meinung und spricht dem Staat das Recht ab, in die närrische Hoheit regulierend einzugreifen. Ihr, der Politik, stehe es in dieser Form ohnehin nicht zu, die Fastnacht abzusagen, wird er in der Schwäbischen Zeitung zitiert. „Ich möchte Herrn Spahn ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe ins Gedächtnis rufen: Der Karneval – und damit auch die Fastnacht – ist ein Fest, das dem Volke nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt“ (Schwäbische Zeitung, 20. 08. 2020).

„Das Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt“, schreibt Goethe in seiner Beschreibung des Römischen Karnevals anno 1789. 1789 nicht 2020! Von Corona war in Rom nicht die Rede. Wohl aber von Menschenmassen: „Straßen, in welcher sich unzählige Menschen hin und wider wälzen. […] Der Platz ist ganz mit Menschen ausgefüllt, welche nicht hin und wider gehen, sondern sich hin und wider schieben. […] Das entsetzliche Gedränge zwingt eine Menge hinaus in die benachbarten Straßen. […] Niemand vermag sich mehr von dem Platz, wo er steht oder sitzt, zu rühren; die Wärme so vieler Menschen, das Geschrei so vieler Menschen, die nur um desto heftiger brüllen, je weniger sie ein Glied rühren können, machen zuletzt selbst den gesundesten Sinn schwinden; es scheint nicht unmöglich, daß nicht manches Unglück geschehen“ (Goethe, Das Römische Karneval. Hamburger Ausgabe Bd. 11 S. 484 ff). Die Menschenmassen möchte der Narrenpräsident Herrn Spahn natürlich nicht ins Gedächtnis rufen, das entsetzliche Gedränge passt nicht in sein Narrenbild.

Die Verantwortung für die Allgemeinheit wiegt aber nun einmal unendlich höher als der fastnächtliche Mummenschanz. Die Verantwortung liegt aber bei der „Politik“ und nicht beim Präsidenten der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte. „… hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, daß jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle, und daß außer Schlägen und Messerstiche fast alles erlaubt sei“, schreibt Goethe (Goethe, ebenda). Auf diese Torheiten und Tollheiten können wir gerne verzichten. Kann ja sein, dass der Herr Präsident glaubt, er habe das Recht auf Torheit und Tollheit. Aber noch befinden wir uns in keinem Tollhaus, nicht jetzt und nicht im Februar 2021.

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XII

Heuer habe sich der Sommer „zu einem echten Schaukelsommer gemausert“, schreibt wetter.net, wobei unklar ist, ob es sich um eine Voll- oder Teilmauser handelt. Sicher ist nur, dass es sich um keine Schockmauser handeln dürfte, da die Schwäbische Zeitung ja schon am 22. 06. 2020 eindeutig feststellt: „Das Wetter geht in den Sommermodus.“ Nun ist das mit den Modi so eine Sache. Philosophisch wäre es eine Seinsweise, in die das Wetter ginge, grammatisch müsste sich das Wetter z.B. zwischen Indikativ und Konjunktiv entscheiden, musikalisch böte sich die Alternative zwischen einem lydischen und dorischen Modus an.
Apropos musikalisch: Dass die Ausdrucksvarianten in Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ im ersten Satz zwischen schroff und zart-geschmeidig wechseln, mag ja sein, dass es aber Quartettformationen gibt, „die neuerdings im Forte gerne brutalistisch übertreiben“, wissen wir jetzt erst durch die Süddeutsche Zeitung vom 28. 05. 2020. Hier spielt ein Streichquartett „schroff, hart, stählern unbarmherzig“, eben brutalistisch.

Es ist halt ein Kreuz mit den Adjektiven in den Rezensionen, nicht nur, wenn es um Musik geht, auch die Literatur bleibt nicht verschont. Der Schriftsteller Carlos Ruiz Zafón wurde in Barcelona geboren, ging aber früh nach Los Angeles, erfahren wir in dem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung vom 20. 06. 2020. Seine Literatur eine Mischung aus Werbung, Dreh- und Jugendbücher. „Vielleicht war es dieser hollywoodianische Blick zurück auf seine winterneblige, melancholische Heimatstadt, der die richtige Mischung erzeugte“, meint der Rezensent. Ist der Blick jetzt hollywoodianisch oder hollywooderisch? Sollten in Hollywood Hollywooder leben, wäre der Blick hollywooderisch, sollten aber dort Hollywoodianer leben, wäre er hollywoodianisch. Oder vielleicht doch hollywoodisch?  Ja, es –isch ein Kreuz mit dem Suffix.
Bleiben wir in den USA und schlucken die bittere Pille: „So bitter es klingen mag: Die USA sind ein in weiten Teilen misogynistisches Land“, schreibt der in den USA weilende Berichterstatter der Süddeutschen Zeitung am 13. 08. 2020. Yes, the US is a misogynistic country. Deutschland dagegen ist kein misogynes Land, wir sind nicht frauenfeindlich, wir haben sogar eine Bundeskanzlerin.
Auch kann man bei uns in Corona-Zeiten friedlich demonstrieren, ohne dass Sicherheitskräfte eingreifen müssen. Anders in den USA. „Für Kritik sorgte ein Einsatz von Sicherheitskräften gegen friedliche Demonstranten nahe des Weißen Hauses“ (Schwäbische Zeitung, 03. 06. 2020). Der Schwabe und somit auch die Schwäbische Zeitung lieben den Genitiv so sehr, dass sie ihn überall dort verwenden, wo er nicht hingehört, z. B. auch nahe dem Weißen Haus. Auch in Bad Waldsee verwendet die Schwäbische Zeitung gnadenlos den Genitiv, wenn es um Bauplätze geht: „Gemäß des Ratsinformationssystems finden von August bis Mitte September keine Sitzungen statt. Demnach werden die Entscheidungen in diesem Zeitraum vorbereitet“ (Schwäbische Zeitung, 14. 07. 2020.). Hoffentlich finden aber wieder im Oktober gemäß dem Ratsinformationssystem Sitzungen statt. Tagesordnungspunkt? Anschaffung einer Duden-Grammatik. Aber auch in Altshausen braucht man dringend eine Grammatik, vor allem dann, wenn bedeutende Persönlichkeiten heiraten. „Im Anschluss an das vom emeritierten Weihbischof Johannes Kreidler in der Schlosskirche zelebrierte Pontifikalamt, zog sich das Paar im familiären Rahmen auf ihren Wohnsitz Schloss Altshausen zurück“, berichtet die Schwäbische Zeitung am 21. 07. 2020. Unklar bleibt allerdings, auf wessen Wohnsitz sich das Paar da zurückzieht. Wahrscheinlich auf den der Schwiegermutter, schließlich zieht sich das Paar ja auf ihren Wohnsitz zurück und nicht auf seinen.

Bleiben wir in der Region und gehen von Altshausen nach Hoßkirch. Dort geht es um Windkrafträder und um einen Bürgermeister. Die Windkrafträder zuerst: „Wenn es nach dem Willen der Windparkfirma Uhl aus Ellwangen geht, werden sich ab 2023 im Waldgebiet des nördlichen Wagenhart Windkrafträder analog des Windparks auf dem Schellenberg bei Steinbronnen drehen“, so die Schwäbische Zeitung vom 27. 06. 2020. So drehen sich die Windkrafträder nie! Entweder drehen sie sich analog dem Windpark auf dem Schellenberg oder sie drehen sich analog zu dem Windpark auf dem Schellenberg. Manche meinen allerdings, es wäre das Beste, sie drehten sich überhaupt nicht im Waldgebiet des nördlichen Wagenharts.
Einiges drehte sich allerdings um Hoßkirchs Bürgermeister und dessen Falschaussage vor Gericht im Hoßkircher Mordprozess. „Mit der Ablehnung der Revision des Oberlandesgerichtes Stuttgart ist es nun rechtskräftig: Bürgermeister Roland Haug hat im Februar 2018 im Hoßkircher Mordprozess eine uneidliche Falschaussage gemacht. Somit ist auch die in zweiter Instanz vom Landgericht Ravensburg verhängte Geldstrafe von 45 000 Euro zu zahlen“ (Schwäbische Zeitung, 06. 06. 2020). Womit in dem Prozess Rechtsgeschichte geschrieben wurde. Handelt es sich doch laut Schwäbischer Zeitung um eine Revision des Oberlandesgerichtes Stuttgart, die hier abgelehnt wurde. Da muss wohl das Oberlandesgericht erstinstanzlich entschieden haben und der Bundesgerichtshof die Revision abgelehnt haben.

Verdrehte Welt. Nicht nur in Hoßkirch, auch in Bad Saulgau, vor allem bei der Wohnungssuche. „Die 34-Jährige plagen aber noch weitere Sorgen. Corona erschwert ihr die Suche nach einem Job und nach einer neuen Wohnung, in der sie seit acht Jahren wohnt“ (Schwäbische Zeitung, 03. 06. 2020). Da sucht also die gute Frau die Wohnung, in der sie schon acht Jahre wohnt. Also die müsste sie schon noch finden, wenn sie die Augen aufmacht.

Zum Schluss Kulinarisches aus dem Restaurant Karpfen in Illmensee: „Der Kalbsrahmbraten hat da zum Glück deutlich mehr zu bieten. Zum Beispiel eine Soße von tiefgründiger Schwere, die im Wesentlichen vom Fleisch und nicht von Pulvern herrührt…“ (Schwäbische Zeitung, 13. 06. 2020). Guten Appetit bei so viel tiefgründiger Schwere!

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Kritische Stellungnahme zur Haushaltsrede 2020 des Fraktionssprechers der SPD & Freie Bürger

Um es vorweg zu sagen: Es ehrt den Fraktionssprecher der SPD & Freie Bürger in Ostrachs Gemeinderat, dass er, so wie es sich eigentlich gehört, eine Haushaltsrede hält. Dieser Pflicht ist er am 20. Juli nachgekommen. Dies ist in Ostrach nicht bei allen Fraktionen selbstverständlich.

Leider ist die Rede des Fraktionssprechers aber eine Ansammlung von Floskeln, Plattitüden, Gemeinplätzen. Sie kumuliert am Schluss in einer Forderung, die für einen Demokraten in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich sein müsste: die Forderung nach Öffentlichkeit und Transparenz.

Die Wahrheit liegt im Haushalt und im investiven Bereich ist die Flasche leer. Soweit die inhaltliche Binsenwahrheit der Haushaltsrede. Garniert wird diese Binse mit folgenden Floskeln, Plattitüden und inhaltsleeren Begriffen:
Von Schockstarre, Umklammerung und Befreiungsschlag ist die Rede, vom Stürmer beim Fußball, der in die Zange genommen werde, von einem Haushalt, der einem Verschiebebahnhof oder dem Kap der Guten Hoffnung gleiche; bei den Ausführungen über die Firma BoxTango wird der Verschiebebahnhof gar zum Sackbahnhof, und überhaupt könne einem nur das Kap der Guten Hoffnung helfen, so lange müsse man auf bessere Zeiten warten und auf dem Bahnhof rangieren. Und da Ostrachs Haushalt einem finanzpolitischen Geisterspiel gleiche, könne man keinen finanzpolitischen Turnaround aufzeigen, denn dazu gebe es keinen Königsweg.
Und dann muss auch noch Winston Churchill herhalten: „Bei unserer Haushaltsklausurtagung am 6. Mai sind wir tief in den Zitatenschatz Winston Churchills eingetaucht: Blut – Schweiß – und Tränen würden wohl bei der Sanierung des Haushaltes fließen…“. Ja, eingetaucht – und abgesoffen, möchte man ergänzen. „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat“, hat er am 13. Mai 1940 in seiner kurzen Rede vor dem Unterhaus gesagt. Weshalb? „Es ist Krieg zu führen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, mit all unserer Macht und mit all der Kraft, die Gott uns geben kann, und Krieg zu führen gegen eine ungeheuerliche Gewaltherrschaft, die nie übertroffen worden ist in der dunklen, beklagenswerten Liste menschlichen Verbrechens“, soweit Churchill. „…to wage war against a monstrous tyranny…“ Man sollte mit historischen Vergleichen behutsam umgehen. Ostrachs Gemeinderäte diskutieren einen Haushaltsplan, sie führen nicht Krieg gegen Nazi-Deutschland.

Mit zwei Gedanken wollte der Fraktionssprecher seine Rede beenden. Der zweite und letzte Gedanke sei hier vollständig zitiert:
„Natürlich werden Beschlüsse und Ergebnisse der Gemeinderatsitzungen veröffentlicht. Der Bürger hat aber das Anrecht, kommunalpolitische Entscheidungen in ihrem Entstehungsprozess zu verfolgen. Wir müssen dringend darauf achten, dass das Prinzip der Öffentlichkeit und Transparenz bei uns wieder höchste Beachtung erfährt. Der Bürger muss unsere Entscheidungen begreifen und nachvollziehen können!“

Jeder Satz dieses letzten Gedankens ist eine demokratische Selbstverständlichkeit. Jeder Satz dieses Gedankens vor dem Hintergrund Ostracher Kommunalpolitik ist eine Lüge:

Natürlich werden Beschlüsse und Ergebnisse der Gemeinderatsitzungen veröffentlicht.
Dies ist vor allem eines nicht: natürlich. Es war die Rechtsaufsicht, die die Gemeinde Ostrach am 30. August 2017 aufforderte „die Bestimmungen des § 41b GemO zukünftig vollumfänglich und konsequent zu beachten und umzusetzen.“ Vor dieser Anordnung wurden Beschlüsse und Ergebnisse von Gemeinderatssitzungen gar nicht oder nur von Fall zu Fall im Amtsblatt veröffentlicht. Ostrachs Gemeinderäten war die Veröffentlichungspflicht gemäß der Gemeindeordnung schlicht egal. Dafür musste Ostrachs einziger Blogger mit Schützenhilfe zweier Landtagsabgeordneten sorgen.

Der Bürger hat aber das Anrecht, kommunalpolitische Entscheidungen in ihrem Entstehungsprozess zu verfolgen.
Wenn der Bürger das Anrecht hat, ist es mehr als erstaunlich, in dieser Rede zu erfahren, dass am 6. Mai eine Haushaltsklausurtagung stattgefunden hat, deren Ergebnisse unbekannt sind. Es ist mehr als erstaunlich, dass sowohl die Ergebnisse eines Verwaltungsausschusses und eines Technischen Ausschusses trotz GemO §42 b nie bekannt gemacht werden. Um kommunalpolitische Entscheidungen in ihrem Entstehungsprozess zu verfolgen, ist eine Veröffentlichung der Niederschrift der Gemeinderatssitzungen auf der Internetseite der Gemeinde notwendig. Die Beschlussfassung allein ist unzureichend. Dieses simple Verfahren gelingt im digitalen Zeitalter auch kleineren Gemeinden.

Wir müssen dringend darauf achten, dass das Prinzip der Öffentlichkeit und Transparenz bei uns wieder höchste Beachtung erfährt.
Diese Forderung, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wird vom Fraktionssprecher einer Partei gestellt, die nicht einmal in der Lage ist, auf einer eigenen Internetseite Öffentlichkeit und Transparenz herzustellen. SPD & Freie Bürger befinden sich aber in guter Gesellschaft, in Gesellschaft der CDU, die dazu auch nicht fähig ist, und in Gesellschaft der FW, die lediglich auf Facebook die Tagesordnung der Gemeinderatssitzungen veröffentlichen.
„Gemäß § 20 Abs. 3 Gemeindeordnung wird den im Gemeinderat vertretenen Fraktionen das Recht eingeräumt, ihre Auffassungen zu Angelegenheiten der Gemeinde darzulegen. Für diese Veröffentlichungen steht die Rubrik ‚Aus den Gemeinderatsfraktionen‘ zur Verfügung.“ Und zwar im Amtsblatt der Gemeinde. Dieses Veröffentlichungsrecht hat sich der Gemeinderat am 19. 06. 2017 ausbedungen. Noch nie hat eine Fraktion davon Gebrauch gemacht, um Öffentlichkeit und Transparenz herzustellen, um ihre kommunalpolitischen Entscheidungen zu begründen.

Der Bürger muss unsere Entscheidungen begreifen und nachvollziehen können!
Der Bürger muss Steuern zahlen! Er kann Entscheidungen begreifen, in ihren Zusammenhängen erkennen. Er kann zu dem Ergebnis kommen, dass die Entscheidungen richtig oder falsch sind. Er muss sie nicht nachvollziehen, sich nicht zu eigen machen, als hätte er selbst so gehandelt.
Der Bürger muss vor allem eines, nämlich Entscheidungen kritisch überprüfen. Wenn z. B. ein Gemeinderat am 07. Juni 2016 dem Hahnennester 1000-Kühe-Stall mit der Begründung seine Zustimmung erteilt, er stimme hier lediglich über Baurecht und nicht über politische oder ethische Fragen ab, so kann der Bürger das weder begreifen noch nachvollziehen, weil auch kommunalpolitische Entscheidungen politische Entscheidungen sind und ethisch begründbar sein müssen.

Sollte das Prinzip der Öffentlichkeit und Transparenz in Ostrachs Kommunalpolitik tatsächlich höchste Beachtung erfahren, liegt es an Ostrachs Gemeinderäten, dafür zu sorgen, dass diese Prinzipien umgesetzt werden. Sonst bleibt das nur hohles Gerede!

Die Haushaltsreden der Fraktionssprecher sind im Mitteilungsblatt der Gemeinde Ostrach vom 30. 07. 2020 veröffentlicht.

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Ä r g e r l i c h

Nein, es ist nicht ärgerlich, dass man dann und wann keinen Zugriff auf die Informationen aus dem Gemeinderat auf der Homepage der Gemeinde Ostrach hat und deshalb der Entwurf des Ergebnishaushaltes 2020 für den Bürger nicht zu lesen ist. Das lässt sich beheben.
Es ist auch nicht ärgerlich, dass zur Gemeinderatssitzung am 20. 07. 2020 lediglich das Investitionsprogramm 2020 und Wirtschaftspläne über Abwasser und Wasserversorgung zur Einsicht zur Verfügung stehen.
Ärgerlich wird es dann, wenn der Haushaltsentwurf 2020 nicht fristgerecht als Tagesordnungsdokument auf die Homepage der Gemeinde hochgeladen wird. Das verstößt gegen die Gemeindeordnung. Das sollte man inzwischen wissen.

Die Wahrheit liege im Haushalt und diese Wahrheit ließe sich mit Zahlen ausdrücken, meinte ein Gemeinderat der SPD in seiner Haushaltsrede. Dann sollten die Zahlen aber auch stimmen, sollten überprüft werden, und zwar vom Gemeinderat vor einer Sitzung. Dann würden für einen Kunstrasenplatz bei der Feststellung der Jahresrechnungen und Jahresabschlüsse 2017 und 2018 nicht 400 000 € in den Jahresabschlüssen auftauchen. Das ist ärgerlich! Es ist deshalb ärgerlich, weil der einfache Ostrach Bürger davon ausgehen muss, dass das nicht die einzigen Fehler sind, die in Ostrachs Haushalt sich klammheimlich einschleichen.

Und deshalb hat Ostrachs Gemeinderat eine Haushaltskommission gegründet. Die hat die Aufgabe, Ausgaben und Einnahmen genau unter die Lupe zu nehmen. Angebrachter wäre aber für Ostrach zunächst eine Überprüfung des Haushalts durch die Gemeindeprüfanstalt, denn wenn in einer Gemeindeverwaltung im Wiederholungsfall sechsstellige Summen übersehen werden, scheint eine Überprüfung der Jahresabschlüsse und eine Überprüfung der Rechtmäßigkeit des Verwaltungshandelns in den finanzwirksamen Verwaltungsbereichen durch die GPA angebracht.

Es ist ärgerlich, wenn ein Feuerwehrhaus, das allen Bürgern nützen würde, nicht gebaut werden kann, gleichzeitig aber über 2 Millionen für die Erschließung eines Gewerbegebietes für die Jahre 2021 und 2022 im Investitionshaushalt vorsorglich eingeplant sind.

Ist es überhaupt noch ärgerlich, wenn man der Presse die folgende Mitteilung entnehmen kann: „Die Freien Wähler äußerten sich nicht zum Haushalt“ (Schwäbische Zeitung, 22. 07. 2020). Es ist nicht ärgerlich, es ist peinlich. Wenn eine Fraktion sich nie zum Haushalt äußert, sind deren Mitglieder entweder faul oder inkompetent. Tertium non datur.

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Ostrach – ein wahres Paradies auf Erden

Landesschau Mobil in Ostrach. Sendung vom 11. 07. 2020

Ein wahres Paradies, das gelobte Land, Störche, Schwäne, Libellen und ein Autor der Sendung, der auf der Suche nach dem glücklichen Menschen ist. Um es vorweg zu sagen, in Ostrach hat er nur glückliche Menschen gefunden. In der Idylle leben nur glückliche Menschen. Die Darstellung unschuldiger und glücklicher Menschen sei der allgemeine Begriff der Idylle, so Friedrich Schiller. Und überhaupt sei der einzige Zweck der Idylle, „den Menschen im Stand der Unschuld, d.h. in einem Zustand der Harmonie und des Friedens mit sich selbst und von außen darzustellen“, heraus aus dem Gedränge und dem Stress des Alltags, zurück in den einfachen Hirtenstand. Und hätte Schiller das nicht schon 1795 geschrieben, so wüssten wir es spätestens jetzt, wenn der SWR in seiner Sendung Landesschau Mobil über Ostrach berichtet.

War die Sendung Expedition in die Heimat – Sagenhaftes Oberschwaben (hier besprochen) einfach nur oberflächlich und peinlich, so ist die Sendung der Landesschau über Ostrach über weite Strecken ärgerlich und peinlich. Ärgerlich, weil hier ein Potemkinsches Dorf aufgebaut wird, eine heile Welt, in der alles ausgeblendet wird, was ein Hauch von Kritik sein könnte. Mit wohl instruierten Gesprächspartnern – Achtung! Das Fernsehen kommt! -wird über Unverfängliches geplaudert, alles Problematische verschwiegen. Es ist aber nicht China Central Television, das über ein Dorf in einer chinesischen Provinz berichtet, es ist ein öffentlich – rechtlicher Sender in Deutschland, der einer objektiven und kritischen Berichterstattung verpflichtet ist.

Peinlich wird es, wenn das Hohelied auf das Dorfleben gesungen wird. „Es ist wunderbar in Ostrach. Ich fühl mich sauwohl hier“ oder „Das Leben ist einfach Dorf, die Leute sind einfach freundlicher, zuvorkommender wie in der Stadt“. Peinlich, wenn eine Jugendliche, die wahrscheinlich die Angebote einer größeren Stadt, vom Einkaufsbummel bis zum Kulturangebot, gar nicht kennt, Folgendes von sich gibt: „ Hier ist so Land halt, das macht mehr Spaß, da kann man mehr machen, das ist nicht so wie in einer großen Stadt, da hat man nicht so viel Platz, etwas zu unternehmen.“
Peinlich und ärgerlich eine gestellte Szene, in der ein Landmann mit Rechen im Ried bei der Arbeit „überrascht“ wird, so, als ob im Ried die Landwirte nicht mit schweren Maschinen arbeiteten. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er treffsicher analysiert, dass sich das Leben in den großen Zentren unserer Republik abspielt und nicht in Ostrach.

Und dann und wann ein weißer Storch.

„Berlin ist wunderbar“, meint der Künstler Peter Weydemann in seinem Atelier in Laubbach, aber sie seien gezielt geflüchtet, weil sie das „Mauersyndrom“ hatten. Wenn weg, dann richtig aufs Land, war die Devise. Und dass Kunst und Philosophie eng verflochten sind, und zwar auf engem Raum, dem kann man in „Laubach“(!) nachspüren. Ein Traum, was sonst, ist Ritas Nudeltraum und ihre Philosophie ist tiefschürfend: „Eine Nudel ist eine Nudel …“

„Auf der Hauptstraße von Ostrach, Kieslaster von morgens bis abends“, meint Michael Kost. Das stört aber seine Gesprächspartner nicht, die sind das halt gewöhnt, wenn auch der Schwerverkehr in Ostrach überproportional groß zu anderen Kommunen ist, wie eine im Auftrag des Gemeinderates Ostrach gegebene Untersuchung nachweist. Auch in Jettkofen gibt es mit dem Kiesabbau keine Schwierigkeiten, das gehöre einfach zu dem Ort dazu. Und jetzt wird es nicht nur ärgerlich, sondern auch noch verlogen. Es war Jettkofens Ortsvorsteher und Gemeinderat, der über den Kiesabbau in seiner Gemeinde im Rahmen der Fortschreibung des Regionalplanes im Gemeinderat heftig protestierte. Aber da hat sich ja der SWR-Reporter kompetentere Gesprächspartner ausgesucht. Z. B. den Geschäftsführer des Kieswerks Müller, der uns mitteilt, dass eigentlich alles vor zehn- bis fünfzehntausend Jahren begonnen habe. „Da war die Wurm-Eiszeit und die hat den wunderbaren Rohstoff nach Ostrach gelegt.“ Wurm-Eiszeit! Ja, in der Sendung ist der Wurm drin. Michael Kost schaut sich die Auswirkungen des Kiesabbaus in der Region an, heißt es in den Informationen zu der Sendung. Erweiterungspotentiale habe man, sagt der Vertreter des Kieswerks. Die hätte der SWR näher betrachten sollen. Runde 200 Hektar, davon allein 150 Hektar im Wagenhart, wo ein ganzer Wald niedergemacht wird, demnächst garniert mit sechs Windrädern, jedes mit einer Höhe von 245 Metern. Umweltbelastung keine. Aber dafür gibt es Seen mit einer Farbe wie in der Karibik.

Und jetzt wird die Naturidylle abgespult: Bannwaldturm und Ried. Natur pur in und um Ostrach. Kein Nitratproblem in Ostrachs Rohwasser, keine Auseinandersetzung um einen 1000-Kühe-Stall, keine Landwirtschaft, die außer Mais und Silphie demnächst keinen weiteren Anbau mehr kennt, keine Versiegelung der Landschaft allein durch 20 Hektar Gewerbefläche in den letzten Jahren und weiteren 22 Hektar vorgesehen im Regionalplan, keine 27 Hektar Baufläche in den letzten beiden Jahren zur Versiegelung freigegeben, kein dramatischer Rückgang des Einzelhandels – davon ist nicht die Rede, das alles gibt es in Ostrach nicht. Das wäre Kritik an einer Entwicklung, die in dieser Sendung nichts zu suchen hat. Dann lieber „Eintauchen in eine fremde Welt“, nämlich in das Kloster Habsthal, das ist unverfänglicher. Dort findet man Ruhe. In Ostrach findet man in dieser Sendung auch Ruhe, Friedhofsruhe. Und der alteingesessene ehemalige Gemeinderat Charly Schmid findet alles auch traumhaft, eben ein wahres Paradies.
Und der Reporter? Hat Ostrach als liebens- und lebenswerten Ort kennengelernt, natürlich mit ausschließlich glücklichen Menschen.
Und die Ostracher in dieser Sendung? Möge ihnen in ihrem Paradiesgärtlein die Frucht vom Baum der Erkenntnis erspart bleiben. Oder etwa nicht?

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Bundestagswahl 2021 – Anzahl der MdBs nach oben grenzenlos

Eigentlich besteht er aus 598 Sitzen. Im Moment aber aus 709. Demnächst vielleicht aus 750. Oder vielleicht doch aus 800 oder gar 900? Wer weiß das schon.
„Kleinerer Bundestag lässt auf sich warten“, schreibt die Schwäbische Zeitung am 02. 07. 2020 und die Süddeutsche Zeitung meint, es handle sich hier um eine „Langwierige Schrumpfkur“. Wenn es denn eine Schrumpfkur wäre! Blähkur beschriebe den Sachverhalt genauer.
Seit 2002 müsste er aus 598 Abgeordneten bestehen; 299 Abgeordnete in Einerwahlkreisen nach relativer Mehrheitswahl gewählt und die restlichen 299 Mandate über die Landeslisten der Parteien. Personalisierte Verhältniswahl nennt sich das. 2002 hat das auch fast geklappt. Bei fünf Überhangmandaten (4 für die SPD, 1 für die CDU) bestand der Bundestag aus gerade mal 603 Abgeordneten. 2005 waren es mit Überhangmandaten schon 614 Abgeordnete. Und von da an gings bergauf mit der Blähkur: 2009 waren es 622 MdBs, 2013 waren es 631 und 2017 hat er sich auf 709 MdBs aufgebläht, der Bundestag.

Und wer ist schuld an dem Schlamassel? Das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil vom 25. Juli 2012. Und wem das jetzt zu umständlich ist, das ganz Urteil nachzulesen, hier die Kurzfassung: Die Richter entschieden, dass künftig nur noch maximal 15 Überhangmandate ohne einen Ausgleich zugunsten der anderen Fraktionen zulässig sind.
Wie das funktionieren soll, geht das Verfassungsgericht nichts an. Das ist Aufgabe des berühmten Gesetzgebers, also des Deutschen Bundestages, der muss das Bundestagswahlrecht reformieren und das Bundeswahlgesetz ändern. Dazu hatte er acht Jahre Zeit! Und da er nichts reformiert hat, gabs 2013 vier (4) Überhangmandate und neunundzwanzig (29) Ausgleichsmandate und 2017 waren es gar 46 Überhangmandate und 65 Ausgleichmandate. Und 2021?
„Zwischen den Parteien herrscht zwar Einigkeit, dass ein weiteres Anschwellen des mit derzeit 709 Abgeordneten weit über der Regelgröße von 598 Abgeordneten liegenden Bundestags verhindert werden soll“, weiß die Schwäbische Zeitung vom 29. 06. 2020 zu berichten. Aber rühre meine Pfründe nicht an, scheint die Devise der Parteien zu sein. Wir sind für Kürzungen, aber nicht auf unsere Kosten.

Nun ist ein Blick über den Tellerrand manchmal ganz aufschlussreich. Wie sieht denn das mit der Anzahl der Volksvertreter in den Parlamenten anderer Länder aus? Den USA zum Beispiel. Die Fläche der USA hat die bescheidene Größe von 9.834.000 km². Die USA sind also 27 Mal größer als die Bundesrepublik Deutschland mit ihren 357.386 km². Runde 80 Millionen Einwohner hat Deutschland, die USA haben runde 328 Millionen. Der Deutsche Bundestag hat aktuell 709 Abgeordnete (Tendenz steigend), der amerikanische Kongress hat 535 Abgeordnete (100 Senatoren und 435 Abgeordnete im Repräsentantenhaus). Die USA haben im Kongress 174 Abgeordnete weniger als die Bundesrepublik Deutschland im Bundestag.

Unser Nachbar Frankreich hat eine Fläche von 549.087 km², ist also auch größer als Deutschland. In der Assemblée nationale haben 577 Abgeordnete einen Sitz; 132 Abgeordnete weniger als im Deutschen Bundestag.
Auch unsere britischen Freunde im UK kommen im Unterhaus mit 650 Abgeordneten aus, 59 MPs weniger als bei uns.

Es sieht fast so aus, als ob wir eindeutig an der Spitze liegen. Aber es ist noch Luft nach oben. Chinas Nationaler Volkskongress besteht immerhin aus 2.980 Abgeordneten. Das kriegen wir die nächsten Jahre auch noch hin.

Wer die Mandatsverteilung überprüfen will, kann hier nachsehen: Überhangmandate und Ausgleichsmandate.
Wer unser Wahlsystem genauer unter die Lupe nehmen will, kann hier nachsehen: Wahlsystem der Bundestagswahl.
Die Berechnung des Wahlergebnisses 2013 findet man auch hier: Sitzzuteilungsverfahren nach der Wahl zum Deutschen Bundestag.

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Zwei euphorische Meldungen und der dümmste Spruch im Monat Juni

Die euphorischen Meldungen zuerst:
„87 Prozent für Andrea Bogner-Unden“, meldet die Schwäbische Zeitung am 22. 06. 2020. Mit siebenundachtzig Prozent haben die Grünen im Kreis Sigmaringen ihre Landtagskandidatin für die Landtagswahl im März 2021 nominiert. Respekt! 138 Mitglieder haben die Grünen im Kreis Sigmaringen. 39 Mitglieder waren anwesend. „Für Bogner-Unden stimmten 34 Mitglieder, vier stimmten mit Nein, ein Mitglied enthielt sich“, meldet die Schwäbische Zeitung. 99 Mitglieder waren also nicht anwesend, haben also nicht für die Kandidatin gestimmt. Bei zusätzlichen vier Neinstimmen und einer Enthaltung haben somit 104 Mitglieder der Kandidatin nicht ihre Stimme gegeben. 75 (fünfundsiebzig) Prozent der Grünen im Kreis Sigmaringen haben also eigentlich Frau Bogner-Unden nicht gewählt oder wollten sie vielleicht gar nicht als Kandidatin. Einen Gegenkandidaten gab es nicht. Soviel zur politischen Willensbildung bei den Grünen und der partizipativen Bereitschaft der Mitglieder. Auch die Grünen im Kreis Sigmaringen unterstreichen die Regierungsfähigkeit ihrer Partei: drei Viertel sind sogenannte Karteileichen!

„Gute Resonanz für Bürgerbeteiligung zum Thema Bioabfallsammlung“, meldet das Landratsamt am 18. 06. 2020 auf seiner Homepage. Euphorisch dazu Landrätin Bürkle: „Großartig ist, dass unsere Bürger ihre Chance zur Beteiligung so zahlreich wahrgenommen haben.“ Großartig? Zahlreich? Von den 60.894 bei der Kreisabfallwirtschaft gemeldeten Haushalten und Gewerbebetrieben haben 11.561 den Umfragebogen abgegeben. 19 (neunzehn) Prozent! 81 Prozent interessiert das nicht. Es ist ihnen egal. Das findet Landrätin Stefanie Bürkle großartig!

Der dümmste Spruch im Monat Juni stammt von Roland Wehrle, dem Präsidenten der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN). Unter der Überschrift „Narren geben Fastnacht 2021 noch nicht verloren“ gibt der Narrenpräsident laut Schwäbischer Zeitung vom 22. 06. 2020 die folgende Narrenweisheit zum Besten: „Natürlich haben wir ein Recht auf unsere Fastnacht, gerade als Kulturerbe. Aber genauso hoch wiegt die Verantwortung für die Allgemeinheit.“ Selten hat man so etwas Dummes und Verantwortungsloses gehört. Ja gibt es ein Recht auf das Wunsiedler Brunnenfest und das Forster Hansel-Fingerhut-Spiel? Beide Veranstaltungen sind wie die Schwäbisch-Alemannische Fastnacht immaterielles Kulturerbe. Es gibt kein Recht auf Fastnacht! Sehr wohl aber ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Das sollte ein Narrenpräsident in Corona-Zeiten wissen! Auch gibt es keinen Artikel 147 des Grundgesetzes, in dem steht: Alle Deutschen haben das Recht auf Fastnacht. Die Verantwortung für die Allgemeinheit wiegt nicht genauso hoch wie Fastnacht. Sie wiegt unendlich viel höher!

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Jahresrechnung 2018 – FC Ostrach schwimmt im Geld

Es erben sich Gesetz‘ und Rechte
wie eine ew‘ge Krankheit fort,
sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte
und rücken sacht von Ort zu Ort.

Wenn auf der Tagesordnung einer Gemeinderatssitzung in Ostrach Feststellung der Jahresrechnung und Jahresabschlüsse steht, ist Vorsicht geboten. So auch dieses Mal bei der Jahresrechnung 2018. Steckt doch der Teufel im Detail. Obwohl, es war eigentlich nicht zu übersehen: Kunstrasenplatz 400.000 € und Kunstrasenplatz 270.000 € aufgelistet auf Seite 016. So haben also Ostrachs Kicker laut Jahresrechnung 670.00 € bekommen, und da in der Jahresrechnung 2017 schon 400.000 € für den Kunstrasenplatz ausgewiesen wurden, kann sich der FCO über die 1.070.000 € wirklich nicht beklagen.

Jahresrechnung 2018_1

Jahresrechnung und Jahresabschlüsse 2018 Auszug PDF erstellt am 17. 06. 2020

Da war eine E-Mail an den Leiter der Verwaltung zur Aufklärung überfällig, war doch die Gemeinderatssitzung auf 22. Juni festgesetzt. Und diese Mail endete so:

„Meine skeptische Haltung gegenüber den von der Verwaltung erstellten und veröffentlichen Jahresabschlüssen ist, wie Sie sich vielleicht erinnern, nicht unbegründet. So wurde beim Jahresabschluss 2017 im Vermögenshaushalt (S. 016) ein Zuschuss für den Kunstrasenplatz in Höhe von 400.000 € ausgewiesen; 150.000 € mehr, als vom Gemeinderat beschlossen. Dieser Fehler wurde öffentlich nie korrigiert, eine berichtigte Fassung nie ins Netz gestellt. Dass Ostrachs Gemeinderäte den Jahresabschluss 2017 ohne Nachfragen einstimmig verabschiedeten, brauche ich hier nicht besonders zu erwähnen.“

Die Antwort des Bürgermeisters auf diese skeptische Haltung erfolgte noch am Montagmorgen:
„Die 400.000 € Kunstrasenplatz halten sich leider hartnäckig, Kämmerer Gindele hat bestätigt, dass diese nun auch im Abschluss 2018 fälschlicherweise noch auftauchen. Tatsächlich ausgegeben wurden 250 t € Kunstrasen und 20 t € Kassenhäuschen Stadion aus einem früheren Gemeinderatsbeschluss.“
(Jetzt muss man Ostrach Bürgermeister zugutehalten, dass er seine Mails noch am Sonntagabend checkt, ein vorbildliches Verhalten, von dem sich mancher Wassermeister und Homepagemeister eine Scheibe abschneiden könnte. Müsste man als geplagter Bürger doch dann nicht ständig die Nitratwerte nachfragen; man hätte auf der Homepage der Gemeinde die aktuellen Trinkwasseranalysedaten und nicht die vom 07. 03. 2019 und auch die Öffnungszeiten des Recyclinghofes wären auf dem aktuellen Stand.)

Hartnäckig hält sich natürlich auch meine skeptische Haltung. Und deshalb war ich doch sehr erstaunt, dass im Jahresabschluss auf der Seite 017 folgender Posten zu finden war: Gewerbegebiet Königsegg II 233.000 €. Und deshalb wurde am Beginn der erwähnten E-Mail an Ostrachs Bürgermeister der folgende Sachverhalt thematisiert:

„… würde ich Sie bitten, mir über folgende Ausgabe im Vermögenshaushalt S. 017 Auskunft zu erteilen: Hier werden für das Gewerbegebiet Königsegg II 233.000 € aufgeführt. Wie kann es sein, dass für ein ‚Gewerbegebiet‘, für das es weder einen gültigen Flächennutzungsplan noch einen Bebauungsplan gibt, ein Betrag von 233.000 € im Vermögenshaushalt 2018 ausgewiesen wird?“

Jahresrechnung 2018_2

Jahresrechnung und Jahresabschlüsse 2018 Auszug PDF erstellt am 17. 06. 2020

Es könnte durchaus sein, dass Ostrachs Akklamationsgremium, dessen Mitglieder zur optimalen Realisierung ihrer partikularen Interessen sich monatlich treffen, die Kunstrasenplatzausgaben nicht bemerkt hat, es sei denn, man hätte die Mitglieder vorher informiert.
Wie sieht es aber bei den Ausgaben für das sog. Gewerbegebiet aus? Dazu schreibt Ostrachs Bürgermeister:
„Bei den 233.000 € handelt es sich v.a. um Grunderwerb, die Gemeinde konnte dabei einzelne Flächen zwischen der Altshauser Str und der Bahnlinie erwerben.“

Und jetzt müsste es wirklich mit dem Teufel zugehen, wenn Ostrachs Gemeinderäte nicht bestens informiert waren und der Bevölkerung gegenüber kein Wort verloren. Denn kaum wurde am 2. Dezember 2017 Königsegg I mit viel Trallala und Maria-Ferschl-Perschl-Gesang eingeweiht, wurde im Jahr 2018 unmittelbar das Gelände zwischen Bahnlinie und Altshauser Straße aufgekauft. Ein abgekartetes Verfahren, das zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit kam, als der Gemeinderat am 03. 09. 2018 einem ELR-Antrag zustimmte, in dem Landesmittel für das Gewerbegebiet Königsegg II beantragt wurden (Leserbrief an die Schwäbische Zeitung hier). Während des ganzen „Kommunalwahlkampfes“ wurde Königsegg II totgeschwiegen. Die Bevölkerung sollte nichts erfahren. Les jeux sont faits, rien ne va plus. Kommunalpolitik als Roulette. Die Verlierer stehen allerdings schon vorher fest: die Bürger. Aber darum scheren sich Ostrachs Lobbyisten nicht.

„Sehr geehrter Herr Schreijäg, wir haben den Top „Jahresrechnung 2018“ in die nächste GR-Sitzung 6.7.2020 verschoben. Mit freundlichen Grüßen Christof Schulz.“
Diese Mail ist heute um 12.01 Uhr verschickt worden.

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Delphisches Orakel demnächst auch in Ostrach

Und an dem Ufer steh ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend…

Es scheint, er muss nicht mehr lange suchen und am Ufer stehen, der gemeine Ostracher. An der Ostrach, an der Brücke halten Apollon und Dionysos wohl bald Einzug. Delphi auch hier in Ostrach, nicht mehr nur am Parnass; und demnächst wird niemandes Zustand mehr beklagenswert sein, vor allem nicht der der Hausfrauen und -männer, gibt es doch in Ostrach auf gut Deutsch eine Greek Mediterranean Cuisine.Delphi 1 Demnächst? Da muss man wohl erst die von Dampf umhüllte Pythia auf ihrem Dreifuß befragen, wann denn DELPHI in Ostrach eröffnet wird, und deren zweideutige Prophezeiungen sind geradezu sprichwörtlich. Lag doch Krösus mit seiner Orakeldeutung voll daneben, während Themistokles mit seiner Interpretation die erste griechische Großreederei gründete.
Café, Bar, Restaurant umrahmt von Fürstenberg und Paulaner, das klingt sehr dionysisch, obwohl man mit Griechenland eher griechischen Wein und weniger Weißbier und Pils verbindet. Auch muss Dionysos nicht mit seiner seltsamen Gesellschaft, bestehend aus Mänaden, Satyrn und Silenen, durch Ostrach ziehen, haben wir doch im Winter hier andere Umzüge. Wir verhalten uns im DELPHI eher apollinisch, formvollendet, ordentlich, nüchtern, nicht rauschhaft-orgiastisch.
Auf jeden Fall wird mit der Eröffnung von DELPHI jetzt Ostrach endgültig zum Nabel (omphalos) der Welt, wenn auch nur zum zweiten, der erste ist nach wie vor in Delphi. Klar. Delphi gibt es schon immer, DELPHI erst seit 1988. ESTD 1988, established 1988, also nineteen hundred eighty-eight.

Delphi 2

Jetzt muss uns die Ostracher Pythia nur noch mitteilen, wann DELPHI die Tore öffnet, dann brauche ich hier nicht länger zu kalauern. Aber was macht man nicht alles in Corona-Zeiten. Den Priestern des Orakels, Pardon, den Betreibern des Restaurants auf jeden Fall viel Glück!

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Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren

Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 
vom 4. Juli 1776

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.
(Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.)

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948

Artikel 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Artikel 2
Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

I Have a Dream

I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.
(Martin Luther King am 28. August 1963)

black lives matter


Rassismus in Deutschland
Ein lesenswerter Artikel von Ronen Steinke
in der Süddeutschen Zeitung vom 09. 06. 2020

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Schwäbische News App liegt im Dornröschenschlaf

Die Zeitung ist, anders als die Zeitschrift, ein der Aktualität verpflichtetes Presseorgan und gliedert sich meist in mehrere inhaltliche Rubriken wie Politik, Lokales, Wirtschaft, Sport oder Feuilleton, die von eigenständigen Ressorts erstellt werden, schreibt WIKIPEDIA. Das Deutsche Universalwörterbuch aus dem Jahre 2019 definiert Zeitung wie folgt: täglich bzw. regelmäßig in kurzen Zeitabständen erscheinende Druckschrift mit Nachrichten, Berichten und vielfältigem anderem aktuellen Inhalt. Selbst das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm ist der Meinung, Zeitung sei eine regelmäszig, täglich erscheinende druckschrift mit nachrichten von tagesereignissen.

Jetzt müsste man ja meinen, dass man im digitalen Zeitalter einer Nachrichtenflut ausgesetzt sein müsste. Nicht so bei der Schwäbischen News App. Wenn man da auf die Seite von Ostrach (siehe Screenshot unten) geht, ist die Zeit stehen geblieben. Am 3. Juni 2020 kann man die folgenden topaktuellen Nachrichten zur Kenntnis nehmen:
Seit 17. Mai onaniert dort ein Mann in der Öffentlichkeit. Seit 14. Mai kollidiert ein Storch mit einem Auto. Die Friseure starten seit 30. April immer noch unter erschwerten Bedingungen und Ostrachs Pfarrer Jung hat seit 13. Mai einen Mundschutz an. In Schmids Auszeit werden seit 30. April die Burger durch das Fenster gereicht und der BUND zieht seit 27. April wegen Tausend Kühen vor den Verwaltungsgerichtshof. „Das wird wohl ein ruhiger Sommer“, meint die Redakteurin am 25. April, und bei der Berichterstattung dürfte sie ausnahmsweise recht haben.
Wir halten fest: Wir schreiben heute den 3. Juni 2020. Die aktuellste Nachricht auf der Schwäbischen News (!) App, die Gemeinde Ostrach betreffend, ist vom 17. Mai, also vor 17 Tagen!
Wir vermuten: Entweder ist Ostrach in einen Dornröschenschlaf gefallen oder die Redakteure der Schwäbischen Zeitung.
Aber vielleicht hilft ja ein junger Prinz. „…da kam er endlich in den alten Turm, da lag Dornröschen und schlief. Da war der Königssohn so erstaunt über ihre Schönheit, dass er sich bückte und sie küsste, und in dem Augenblick wachte sie auf…“ Na also!

Screenshot Schwäbische News App vom 03. 06. 2020

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Presse und Sprache – Dem Volk auf das Maul sehen XI

… und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.

Bei Luther heißt das noch „vnd fiengen an zu predigen mit anderen Zungen / nach dem der Geist jnen gab aus zu sprechen.“ In Corona-Zeiten ist das mit dem Geist so eine Sache. Da wird manche Mitteilung ausgesprochen, die äußerst fremd klingt. „Mit wem darf ich zusammensitzen?“, fragt z. B. die Schwäbische Zeitung am 26. 05. 2020 und gibt auch gleich die Antwort: „Man darf nur mit seinem eigenen und einem weiteren Haushalt an einem Tisch sitzen. Zu anderen Personen, als den beiden am Tisch sitzenden Haushalten, ist ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten“, und zwar in Baden-Württemberg und Bayern. Gilt dieser Mindestabstand jetzt auch zu weiteren anderen Haushalten oder nur anderen Personen? Und wie sieht es gar bei Menschenansammlungen aus? Auch hier gab die Schwäbische Zeitung schon am 21. März bereitwillig Auskunft: „Nach der neuen Regelung sind Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen mit mehr als drei Personen nicht mehr erlaubt. Ausnahmen gebe es für Familien und Paare.“ Alles klar. Ein Paar darf auch mehr als drei Personen sein. Da hatte es Petrus an Pfingsten noch einfach. „Da trat Petrus auff mit den Eilffen / hub auff seine stimme/ und redte…“ Das waren wenigstens zwölf. Ob es sich dabei um einen oder zwei Haushalte handelt, ist nicht überliefert.

Fand damals an Pfingsten noch ein öffentliches Leben statt, schließlich „kam die Menge zusammen“, sind heute, da dies nicht mehr der Fall ist, viele der Meinung, „dass nun nicht das ganze öffentliche Leben liegen gelassen werden dürfe“ (Schwäbische Zeitung, 12. 03. 2020). Wir dürfen also gespannt sein, wann man das öffentliche Leben wieder aufhebt, kann man es doch nicht ständig liegen lassen. Gerade Senioren, die sich mit dem Bücken etwas schwerer tun, trifft es hart, wenn man am 12. März der Schwäbischen entnehmen kann, dass das vorgesehene Seniorentreffen in Ebersbach-Musbach entsprechend der Empfehlungen des Innenministeriums Baden-Württemberg abgesagt werde. Jetzt trifft das aber die Senioren doppelt hart, gingen sie doch eigentlich davon aus, dass entsprechend den Empfehlungen des Ministeriums das Treffen abgesagt wird. Tja, nicht immer ist der Dativ dem Genitiv sein Tod.
Das sieht auch unsere Lokalpresse so. Geht es doch gerade in Zeiten von Corona darum, „dem Negativem etwas Positives abzugewinnen“ (Schwäbische Zeitung, 17. 04. 2020). Wie man Negativem Positives abgewinnen kann, ist schon schwierig genug. Aber dem Negativen etwas Positives abzugewinnen, das geht nicht mal in Zeiten von Corona. Oder doch? Vielleicht in Riedlingens Großküche. Die sei zwar derzeit geschlossen, aber nur, „um sie bei der augenblicklich hochsensiblen Situation zum Coronavirus als hygienische Reserve-Küche in der Hinterhand zu haben“ (Schwäbische Zeitung, 28.03.20020). In Corona-Zeiten ist es eben mit den hochsensiblen Dingen nicht immer zum Besten bestellt. So alltägliche Dinge wie Küchen, Kugelschreiber und Türklinken können zum Problem werden. „Wie gefährlich sind Türklinken oder Kugelschreiber?“, fragt deshalb die Schwäbische am 20. März und gibt auch gleich die Antwort: „Öffentliche Türklinken und ausliegende Kugelschreiber (etwa bei Ämtern oder Banken) werden von vielen Menschen oft angefasst. Hier tummeln sich viele Viren – immer. Am besten mit einem Einmaltaschentuch anfassen und wegwerfen.“ Ob die Ämter und Banken immer begeistert sein werden, wenn man bei jedem Besuch die Kugelschreiber und Türklinken wegwirft? Kugelschreiber ginge ja noch. Aber Türklinken?
Hätte die Klinik am schönen Moos in Bad Saulgau ihre Türklinken weggeworfen, hätte sie keine Patienten mehr aufnehmen können, und die Meldung, „dass die Klinik, dessen Träger die Cura-AG mit Sitz in Berlin ist, erneut Patienten aufnehmen würde“ (Schwäbische Zeitung, 23. April 2020), wäre nie erfolgt, so dass die Klinik und deren Träger heute besser dastünden.

Auch in Ostrach wird intensiv über das Corona-Virus gesprochen. So konnte man am 30. April noch auf der Homepage der Gemeinde lesen, dass man unter aktuelle Meldungen alle Informationen wegen dem Corona-Virus finden könne. In Ostrach ist der Dativ wenigstens noch dem Genitiv sein Feind. Probleme hat die Verwaltung allerdings mit dem Kultusministerium. „Info-Schreiben an die Eltern des Kultusministeriums vom 28.04.2020.“ Da dürfte sich Frau Kultusministerin Eisenmann aber schon wundern, dass sie ein Ministerium leitet, das Vater und Mutter hat. Aber vielleicht sind fürsorgliche Eltern in diesen Zeiten nicht das Schlechteste. Gerade „in Zeiten von Corona spüren die Schülerinnen auch, wie zu Hause das Thema Abitur an Terrain verliert“ (Schwäbische Zeitung, 05. 05. 2020). Da sollten die Eltern aber schleunigst das Terrain sondieren, damit das Thema nicht verloren geht.
Aber nicht nur um Corona ging es in letzter Zeit. So ist z. B. das Tempolimit ein richtiger Dauerbrenner und ein gewisse Herr Scheuer möchte die Tempolimit-Debatte am liebsten abblocken. Abblocken? „Wir haben weit herausragendere Aufgaben, als dieses hoch emotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt“ (Süddeutsche Zeitung, 27. 12. 2019). Themen gehören nicht ins Schaufenster, meint der Minister. Und da hat er Recht. Die Leute sollen shoppen und nicht dabei ins Schaufenster glotzen.
Und was Herrn Scheuer das Tempolimit, ist Herrn Minister Hauk der Biber. „ ‚Dort, wo der Biber massive Schäden verursacht, brauchen wir Lösungen, die den Landwirten und den Kommunen weiterhelfen‘, sagte Hauk in Stuttgart. ‚Dazu gehört auch die Entnahme von Bibern durch die Jägerschaft, falls es keine andere Möglichkeit gibt‘ “ (Schwäbische Zeitung, 06. 04. 2020). „Die Entnahme von Bibern durch die Jägerschaft!“ Ein Euphemismus ist u. a. ein sprachlicher Ausdruck, der einen Gegenstand beschönigend, mildernd oder in verschleiernder Absicht benennt. Herr Hauk hat sich einen Platz im Wörterbuch der Rhetorik redlich erworben.
Aber nicht nur Herr Hauk, auch eine Journalistin der Schwäbischen Zeitung verdient dort einen Platz. „Zeppelin regt auch bei Runde über Ostrach Zusammenhalt an […] und drehte dabei am Samstagnachmittag auch eine Runde über Ostrach. Damit soll ein Zeichen der Zuversicht und des Zusammenhalts an die Bevölkerung gesendet werden, erklärt die Deutsche Zeppelin-Reederei in einer Pressemitteilung. Bei den Flügen werden lediglich zwei Piloten an Bord sein, keine Passagiere. Die Piloten können diese Flüge gleichzeitig für Trainings- und Prüfungszwecke nutzen, heißt es weiter“ (Schwäbische Zeitung, 06. 04. 2020). Drei Tage später, am 09. April, erfahren wir in der gleichen Zeitung, worin das Zeichen der Zuversicht und des Zusammenhalts mit der Bevölkerung besteht: „Polizei kontrolliert mit Zeppelin. Polizisten werden am Osterwochenende vom Zeppelin aus kontrollieren, ob die Corona-Verordnungen in der Region Bodensee-Oberschwaben eingehalten werden. Das teilte das Polizeipräsidium Ravensburg mit. Bei den Fahrten im Zeppelin NT werden jeweils maximal sechs Beamte an Bord sein. Geplant ist ein Flug pro Tag. Nach Angaben des Polizeipräsidenten Uwe Stürmer können bei einem Überflug sehr genau Menschengruppierungen im öffentlichen Raum erkannt werden, die sonst durch Streifenwagenbesatzungen nur schwer zu entdecken seien“ (Schwäbische Zeitung, 09. 04. 2020). Die Journalistin hat das idiomatische Wörterbuch der deutschen Sprache durch ihre gründliche Recherche somit um einen Eintrag bereichert, nämlich um den Eintrag jmdm einen Zeppelin aufbinden.
Christlich fing der Blogeintrag an, christlich hört er auf. „Einen Blick auf die beiden christlichen Kirchen in unserem Lande zeigt eine enorme Selbstbeschäftigung mit sich selbst“ (Schwäbische Zeitung, 07. 03. 2020). Die Selbstbeschäftigung mit sich selbst ist doch in Corona-Zeiten die sinnvollste Beschäftigung.

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Corona-Shitstorm im „Südfinder“

Im Webeblättchen Südfinder vom 6. Mai hat sich der Journalist Christian Schwarz in seinem Kommentar Meine Sicht für umfassende Lockerungen bei der Pandemie ausgesprochen. „Ich erwarte Ihren Shitstorm“, schreibt er am Ende seiner Kolumne.
Der ließ nicht auf sich warten! Von Gehirnwäsche und Angstmache wird da geschrieben. Es sei traurig, dass Menschen sterben würden, aber das geschehe doch täglich, auch ohne Corona. Und als politische Lösung soll ein Notparlament gewählt werden „aus Leuten aus dem normalen Volk und einigen verschiedenen Fachleuten“, schreibt ein Demokrat und Verfassungsexperte in seinem Leserbrief. Corona werde auch nur deshalb so hochgejubelt, um andere Missstände und materielle Interessen zu verdecken, führt ein Verschwörungstheoretiker in seinem Leserbrief aus. Auch werde das Grundgesetz mit Füßen getreten, kritisiert ein Leserbriefschreiber und wundert sich, dass der Artikel 5 des Grundgesetzes für ihn überhaupt noch gelte. Und Kanzler Kurt (sic!) aus Österreich habe sowieso behauptet, dass man der Bevölkerung damit ordentlich Angst machen könne.
Dieser ganze „Shitstorm“ ist am 13. Mai in dem Werbeblättchen Südfinder in der Rubrik Leserbriefe erschienen. Sollte der Journalist Christian Schwarz , der der Meinung ist, „dass anhaltend restriktive Maßnahmen auf anderen Gebieten möglicherweise viel mehr Tote fordern als das Coronavirus“, ohne auszuführen und zu belegen, um welche anhaltend restriktiven Maßnahmen mit vielen Toten es sich denn handelt, mit seinem Artikel die Absicht verfolgt haben, „Shitstorm“ zu erzeugen, so ist ihm dies vollkommen gelungen. Es fehlt eigentlich nur noch die Aufforderung, an einer dieser „Corona-Demonstrationen“ teilzunehmen, die übrigens von unseren Gerichten mit Hinweis auf die Artikel 5 und 8 des Grundgesetzes ausdrücklich erlaubt sind. Im Anschluss daran könnten ja Journalist und Leserbriefschaft darüber diskutieren, ob Bill Gates Corona erfunden hat, um seine Weltherrschaft zu etablieren, oder Kanzlerin Merkel von Putin gesteuert uns alle ins Verderben führt oder ob das Virus nur eine Erfindung der sog. Eliten ist, um uns alle zu unterjochen.
Und wenn dann dieses und nächstes und übernächstes Wochenende Linksaußen und Rechtsaußen, nicht auf dem Fußballplatz, sondern auf dem Marienplatz oder dem Canstatter Wasen Schulter an Schulter stehen und sich anhauchen, haben sie vorher alle in stoischer Ruhe und Weitsicht die Garantie abgegeben, dass sie freiwillig auf einen Platz in der Intensivstation verzichten, um ihn einem Risikopatienten zur Verfügung zu stellen.

Dringend hingewiesen sei auf einen Artikel des Campact-Vorstandes Felix Kolb, der die Lage treffend analysiert und eindringlich vor den Corona-Demonstrationen warnt:
Was jetzt passiert.

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Gehweg bis ans Ortsende – Protest vor Ostrachs Gewerbegebiet Königsegg

Altshauser 2 komp

Wir wollen die Wende! Ostrach  Altshauser Straße

„Wir wollen die Wende, Gehweg bis ans Ortsende“, steht auf dem Protestplakat an der Altshauser Straße, bevor das Gewerbegebiet Königsegg beginnt, kurz vor Ostrachs einzigem Tafelberg.
Mit der Forderung könnte man sich glatt solidarisieren. Wer die Initiatoren wohl sein mögen? Vielleicht arbeiten sie in einem der Betriebe oder sie halten einfach einen Gehweg für sinnvoll – im Gegensatz zu Ostrachs Verwaltung und Gemeinderat.
Um dies zu klären, bedarf es zunächst eines kleinen Rückblicks, dem sich ein kritischer Ausblick anschließt.

Also zunächst zurück in die Jahre 2016 und 2017:
„Zusätzliche Halt- und Parkflächen sind nicht vorgesehen. Aufgrund des geringen zu erwartenden Fußgängeraufkommens sowie der vorgesehenen Organisation des Parkens auf den Grundstücken, hat sich der Ostracher Gemeinderat am 06.06.2016 entschieden, auf den Bau eines Gehweges zu verzichten“. Soweit die Gemeindeverwaltung Ostrach am 06. 03. 2017 zur Stellungnahme des Landratsamtes Sigmaringen – FB Recht und Ordnung im Rahmen der Stellungnahmen zum Interkommunalen Gewerbegebiet Königsegg. Auch das Polizeipräsidium Konstanz war der Meinung, es müsse der „Nichtberücksichtigung von Gehwegen hiermit nochmals entgegentreten und auf die notwendige Berücksichtigung der sicheren Führung von Fußgängern hinweisen“. Zugegeben, es geht nur um die Ringstraße, also die sogenannte Maria-Perschl-Ferschl-Straße im Gewerbegebiet, nicht um einen Gehweg entlang der Altshauser Straße.
Dafür sind aber „entlang der Altshauser Straße entsprechend der Eintragung im Plan einseitig standortgerechte und autochthone Laubbäume (siehe Pflanzliste II; Pflanzqualität Hochstamm mB StU 16-18) zu pflanzen und dauerhaft zu unterhalten“, heißt’s im Bebauungsplan vom 06. 03. 2017. Von einem Gehweg ist da leider auch nicht die Rede. Schade!

Was aber sollte mit diesem Gewerbegebiet eigentlich erreicht werden – damals?

Konkret sollten mit der Aufstellung des interkommunalen Bebauungsplanes „Gewerbegebiet Königsegg“ folgende Ziele verfolgt werden:
Unter anderem „die Sicherung einer geordneten, städtebaulichen Entwicklung, die ökonomische Erschließung durch Anschluss an bestehende Straßen, die Festsetzung von gestalterischen Leitlinien für eine ortsbildgerechte Neubebauung.“
Das alles meinten damals das Freiburger Planungsbüro und der Ostracher Bürgermeister.
Was die Verkehrserschließung betrifft, war Folgendes zu lesen: „Die Erschließung des Gewerbegebietes soll durch einen ringartigen Anschluss (Maria-Perschl-Straße) an die Altshauser Straße erfolgen. Auf diese Weise wird der Erschließungsaufwand sehr gering und effizient gehalten, da Wendeanlagen vermieden werden. Des Weiteren führt die Ringerschließung zu guten und flexiblen Grundstückszuschnitten.“
Richtig, der Erschließungsaufwand muss gering und effizient gehalten werden, da stört ein Gehweg. Richtig, die Straße hieß damals Maria-Perschl-Straße! Das hat selbst Ostrachs Bürgermeister mit seiner Unterschrift bestätigt!
Und was meinte der Umweltbericht damals? „Bedeutsame Wander und/oder Radwege verlaufen südlich der Bahnlinie und sind nicht tangiert. Ein ca. 170 m östlich verlaufender Gras- und Feldweg dient der Naherholung und dient unter anderem der Anbindung an das nördliche Waldgebiet.“ Bedeutsame Rad-und Gehwege entlang der Altshauser Straße spielten keine Rolle bei den Überlegungen, nur Gras -und Feldwege. Verkehrssicherheit war kein Thema in diesem Bericht. Im Übrigen, es handelt sich bei der hier zitierten Stelle um das Kapitel 7.1.1 Schutzgut Mensch.

Ich gebe zu, ich habe damals einen Fehler gemacht. In meiner Stellungnahme vom 17. Mai 2016 zum Bebauungsplan Königsegg habe ich nicht darauf insistiert, einen Rad-und Gehweg entlang der Altshauser Straße in das Gewerbegebiet zu bauen. In gänzlicher Verblendung habe ich nur an Bäume entlang der Straße gedacht und den folgenden Vorschlag unterbreitet: „Da die großflächige Versiegelung zu einer lokalen Erhöhung der Temperatur führen wird, wäre entsprechend dieser Bedingungen die auf den Seiten 33 ff vorgeschlagenen Aussaaten und Bepflanzungen wie folgt zu ergänzen: Canavalia reflexiflora, Gilbertiodendron maximum, Dendrobium cynthiae, Myristica fragrans, Malus sylvestris, Sorbus domestica und Taxus baccata.“ Okay. Gilbertiodendron maximum wird bis zu 105 Tonnen schwer und 45 Meter hoch und ist als Baum in Ostrach vielleicht nicht so geeignet. Auch ist er ein endemischer Baum aus dem Regenwald von Gabun. Sorry, man kann sich ja auch mal irren.

Jetzt aber zum kritischen Ausblick:

Immerhin habe ich aber am 29. 11. 2019 laut Protokoll einer Arbeitsgruppe Wir sind Ostrach. Kommunale Planung folgenden Vorschlag unterbreitet: „Im Rahmen der Straßensanierungen wäre ebenfalls eine Markierung für Radfahrer z. B auf der Altshauser Straße wünschenswert. Diese Überlegung wäre im Rahmen eines detaillierten Radwegekonzeptes weiter zu verfolgen.“ Aus bekannten Gründen habe ich mich aber aus diesem Wir sind Ostrach verabschiedet. Ich war und bin der Ansicht, dass Ortskerngestaltung, Verkehr, Artenschutz und Artenvielfalt, blühende Wiesen und Mobilitätsbedarf nichts mit der Integration von „Flüchtlingen und anderen Migranten“ zu tun hat. Mein Vorschlag in der Arbeitsgruppe war trotzdem ungeheuer innovativ. Schon allein deshalb solidarisiere ich mich jetzt mit den Initiatoren des Protestplakates. Der Protest muss aber erweitert werden. Am Ende des geforderten Gehweges muss das Ortsschild stehen. Dann gilt auch endlich Tempo 50 in der Altshauser Straße. Deshalb muss das „Protestgedicht“ ergänzt werden:

Wir wollen die Wende,
Gehweg bis ans Ortsende.
Wenn an des Ortes Ende
man auch das Ortsschild fände,
das wär ‘ne Wende!

Zugegeben, das klingt nach Heinz Erhardt (Noch’n Gedicht). Aus gegebenem Anlass würde ich aber sagen, dass es das ästhetische Empfinden des geneigten Lesers weniger beleidigt als die regelmäßigen „Ermutigung(en) in Corona-Zeiten“, die im Amtsblatt veröffentlicht werden.

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Bundestagspräsident Schäuble zum Schutz des Lebens und zur Würde des Menschen

„Der Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble hat mit der ihm eigenen Klarheit und als Mitglied der Hochrisikogruppe darauf hingewiesen: Die Würde des Menschen schließt nicht aus, dass man sterben muss“, schreibt Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung vom 28. April. Meine Weisheit ist eine Binse, möchte man mit dem inzwischen neunzigjährigen Hans Magnus Enzensberger auf diesen SZ – Kommentar antworten. Oder vielleicht doch besser: Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen?
„Schäuble will dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen“, so der Tagesspiegel vom 26. April als Überschrift zu dem Interview, das Herr Schäuble dem Tagesspiegel gegeben hat.
Was aber hat er denn nun genau gesagt? Auf die Frage, nach welchen Kriterien Politiker in der Pandemie entscheiden sollen, hat Herr Schäuble Folgendes ausgeführt:
„Man tastet sich da ran. Lieber vorsichtig – denn der Weg zurück würde fürchterlich. Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.
Man muss in Kauf nehmen, dass Menschen an Corona sterben?
Der Staat muss für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben. Sehen Sie: Mit allen Vorbelastungen und bei meinem Alter bin ich Hochrisikogruppe. Meine Angst ist aber begrenzt. Wir sterben alle. Und ich finde, Jüngere haben eigentlich ein viel größeres Risiko als ich. Mein natürliches Lebensende ist nämlich ein bisschen näher.“

Auf die ersten beiden Artikel des Grundgesetztes- die Würde des Menschen und das Recht auf Leben- kommt Wolfgang Schäuble hier zu sprechen:

Artikel 1
1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Artikel 2
1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Dass Menschenwürde und Grundrechte am Anfang des Grundgesetzes stehen, hat seinen guten Grund. Die Missachtung der Menschenwürde durch den nationalsozialistischen Terror, Folter, Verfolgung, Genozid haben die Verfasser des Grundgesetztes bewusst veranlasst, Menschenwürde und Grundrechte an den Anfang des Grundgesetzes zu stellen.
Aber schon ein gutes halbes Jahr vor Verkündung des Grundgesetzes, nämlich am 10. Dezember 1948, verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Darin heißt es unter anderem:

Artikel 1) Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
Artikel 3) Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Frei und gleich an Würde und Rechten, im Geist der Brüderlichkeit. Das klingt nach „liberté, égalité, fraternité“- Frankreich 1789. „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“ (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen), Menschenrechtserklärung vom 26. August 1789.
„Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen“, führt Herr Schäuble aus und verweist somit darauf, dass das Recht auf Leben der Würde des Menschen nachgeordnet sei.
Das menschliche Leben aber „ist die vitale Basis der Menschenwürde als tragendem Konstitutionsprinzip und oberstem Verfassungswert“ (Gramm/Pieper, Grundgesetz. Bonn 2015 S.85). Menschenrechte sind Naturrechte. Jeder hat das Recht auf Leben und Freiheit!
“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“
(Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.)
Dies ist die naturrechtliche Begründung der Menschenrechte in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika vom 04. 07. 1776. Zum ersten Mal werden hier im Geiste der Aufklärung die unveräußerlichen Menschenrechte aufgeführt, u. a. das unveräußerliche Recht auf Leben.
Und die Menschenwürde? Kant! Kategorischer Imperativ: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Dies verbietet es, einen Menschen als bloßes Objekt zu behandeln. Dieser Imperativ galt 1788, genauso wie er 2020 immer noch  gilt.
Am anschaulichsten kommen die Verbindung und auch das Spannungsverhältnis von Menschenwürde und Recht auf Leben m. E. in dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Ausdruck, in dem das BVerfG den Abschuss eines entführten Flugzeuges, mit dem ein möglicher Terroranschlag über einer Großstadt ausgeführt werden könnte, verbietet, da die im Flugzeug unbeteiligten Menschen zum Objekt degradiert würden und somit auch ihr Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verletzt würde. „Menschliches Leben und menschliche Würde genießen ohne Rücksicht auf die Dauer der physischen Existenz des einzelnen Menschen gleichen verfassungsrechtlichen Schutz“, so das BVerfG in seinem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz aus dem Jahre 2006. Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble müsste sich eigentlich daran sehr genau erinnern.
Wenn es deshalb in Artikel 1, 2 des Grundgesetzes heißt: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“, dann schließt die Menschenwürde das Recht auf Leben und das Recht auf Leben die Menschenwürde ein.

Es ist allerdings richtig, dass die Menschenwürde nicht ausschließt, dass wir sterben müssen. Da hat Herr Schäuble recht.
In Tübingen ist 1977 ein Philosoph im hohen Alter von 92 Jahren gestorben. „Naturrecht und menschliche Würde“ war eines seiner Bücher. Ernst Bloch ging es um die „Etablierung des aufrechten Ganges.“
In Tübingen hat ein Oberbürgermeister am 28. April sich in einem SAT 1- Interview folgendermaßen geäußert: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen … Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann.“
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Das sieht Herr Palmer wohl nicht so.

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Nitratwerte vom März nach drei Wochen veröffentlicht

Nachdem ich nun in regelmäßigen Abständen, das heißt inzwischen zum siebten Male seit Oktober 2018, die Verwaltung auffordere, die Nitratwerte des Rohwassers zu veröffentlichen, hat die Verwaltung die Nitratwerte seit Dienstag, 21. April 2020, ins Netz gestellt. Was nach wie vor fehlt, sind die Daten des Trinkwassers der Wasserversorgung Ostrach. Die Trinkwasseranalysedaten der sieben Versorgungsbereiche sind vom März 2019. Es ist ein leidiges und ärgerliches Thema, dass einfache Verwaltungsabläufe, hier die Weiterleitung der Laborergebnisse an die „Homepageverwaltung“, nicht funktionieren und somit ständig die Nitratwerte und Trinkwasseranalysedaten angemahnt werden müssen. Da nicht alle Ostracher sich kontinuierlich auf der Homepage der Gemeinde kundig machen dürften, ist es ebenfalls ein Leichtes, diese Daten auch im Amtsblatt der Gemeinde zu veröffentlichen.
Hier der tabellarische Überblick:

Nitratwerte 31. 03. 2020

Das Umweltbundesamt gibt auf diesem Link FAQs zu Nitrat im Grund- und Trinkwasser verständliche Auskunft. Dabei wird u. a. auf Folgendes hingewiesen:
„Außerdem legen sowohl die GRWL als auch die GrwV fest, dass bei festgestellten steigenden Schadstofftrends bereits bei Erreichen von drei Vierteln des Schwellenwertes (also bei 37,5 mg Nitrat pro Liter) Gegenmaßnahmen (also eine Trendumkehr) einzuleiten sind.“

Kleines Aperçu am Rande: Die wenigsten Ostracher werden an COVID-19 erkranken. Alle Ostracher trinken aber das Wasser der Wasserquellen der Wasserversorgung Ostrach.

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Nitratwerte in Ostrach zum x-ten Mal

Das Verwaltungsgericht Sigmaringen hat am 17. April den Eilantrag des BUND auf Baustopp des 1000 -Kühe -Stalls in Hahnennest abgelehnt.
Das Landratsamt Sigmaringen, so das Gericht, sollte allerdings die Entwicklung der Nitratwerte beobachten. Eine der weiseren Empfehlungen des Gerichtes.
Und wie der Zufall (?) so spielt, habe ich am 15. April folgende Mail an den Bürgermeister der Nitratgemeinde Ostrach geschrieben:

Sehr geehrter Herr Schulz,
ich weiß schon nicht mehr, zum wievielten Male ich mich an Sie, den Leiter der Verwaltung, auf diesem Wege wenden muss, um Sie daran zu erinnern, dass wir in der Gemeinde Ostrach ein Nitratproblem haben, das Sie ja inzwischen nicht mehr als Petitesse abhandeln können. Der Schwäbischen vom 06. 12. 2019 konnte ich zumindest entnehmen, dass Sie ein steigendes Interesse der Bevölkerung konstatierten: „Im Gemeinderat kündigte Schulz an, dass das Gremium sich im kommenden Jahr auch aufgrund des Interesses in der Bevölkerung mit dem Thema befassen wird.“
Leider sind die Untersuchungen auf Nitrat (Rohwasser), die auf der Homepage der Gemeinde veröffentlicht wurden, vom November 2019. Inzwischen ist fast ein halbes Jahr verstrichen.
Die Daten des Trinkwassers der Wasserversorgung Ostrach sind vom 07. 03. 2019!
Es braucht kein Informatikstudium, diese Daten auf dem Netz zu aktualisieren. Es braucht kein besonderes Organisationstalent, die Untersuchungsergebnisse des Labors zur Veröffentlichung weiterzuleiten – es braucht einfach etwas guten Willen und etwas Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung gegenüber.
Wenn die Verwaltung mit nur einem Bruchteil der Akribie, mit der sie im Augenblick in umfassender und lobenswerter Weise über die Pandemie informiert, dieses alltägliche Geschäft erledigen würde, wären die Bürger über den Zustand des Wassers informiert und ich bräuchte nicht ständig Sie daran zu erinnern, dass das Informationsumweltgesetz auch in Ostrach gilt.
Mit freundlichem Gruß und bleiben Sie gesund
Franz Schreijäg

Man darf jetzt gespannt sein, wann die aktualisierten Werte auf die Homepage der Gemeinde hochgeladen werden. Die Mitarbeiter der Verwaltung seien im Moment sehr belastet, teilt der Bürgermeister der Schwäbischen Zeitung vom 18. April mit. Das Hochladen einer PDF-Datei dauert keine 30 Sekunden. Wenn man dann noch die Datei auf der Homepage in einem neuen Fester bereitstellt, dauert es 35 Sekunden. Das Labor Dr. Robert Feierabend untersucht z. B. das Rohwasser ungefähr im vierteljährlichen Abstand. Man hätte also inzwischen fast zwei Monate Zeit gehabt, die Werte hochzuladen. Mit der Corona-Pandemie hat das nichts zu tun.
Nitratwerte in Ostrach: Die alte Leier, das alte Lied.

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Störche, Störche, Störche in Ostrach und Vogelwerk von Henning Ziebritzki

Weißstorch

Mehr Schnabel als Kopf, mehr Warten
als Bewegen, als Suchen und langsames
Abmessen, ein Stocken, ein Schreiten,
das Rückschritt bleibt, ein schwankendes
Ausharren zwischen zerrissenem
Wurzelwerk, Stoppeln. Auf dem weiten Acker
geht Zeit von ihm aus, bauscht der Wind
ein Halsgefieder, das herabhängt, auf,
daß es verwirbelt, weht. Steht auf einem Bein, fast
schwerelos, bis er sich zusammennimmt, aufstellt
und nach unten schnellt, ein roter Stoß.

Am 3. April hätte man ihm in Staufen eigentlich den Peter-Huchel-Preis 2020 verleihen sollen. Hätte… Corona hat dafür gesorgt, dass die Preisverleihung abgesagt wurde.
Ihm? Henning Ziebritzki wird für seinen Gedichtband „Vogelwerk“ ausgezeichnet. Henning Ziebritzki? Schon wieder ein evangelischer Theologe, der sogar als Pfarrer im Oberharz gearbeitet hat und heute Geschäftsführer im Mohr Siebeck Verlag ist.
„In ‚Vogelwerk‘ versammelt Henning Ziebritzki Gedichte in federnd präziser Sprache, in denen die Beobachtung von Vögeln zu existenziellen Fragen führt, zu den Momenten, in denen Leben und Tod sichtbar werden“, meint Margrit Irgang im SWR2 lesenswert Magazin. Ob die 52 Gedichte über und um Vögel, heimische meistens, zu existenziellen Fragen führen, in denen Leben und Tod sichtbar werden, dass mag jeder selbst beurteilen, der Ziebritzkis Gedichte liest.

Was den Storch betrifft, kann man sagen, dass ausgehend von einem konkreten Vogel, in dem, wie das sprechende Ich seine Beobachtung macht, es eigentlich auf sich selbst zurückgeworfen wird, und indem, wie es auf sich selbst zurückgeworfen wird, existenzielle Nöte, starke Affekte, intensive Gefühle mitverhandelt werden und das aber zugleich auch über das hinausgeht, dass hier Vögel beschrieben werden.   …und nach unten schnellt, ein roter Stoß, diese Heftigkeit der Bewegung ist durchaus auch eine Heftigkeit, die das Subjekt, diesen Vogel, einbeobachtet und die dann auch rückwirkt auf den Sprecher, das sprechende Ich des Gedichts.

Aber halt, das ist ja nicht von mir! Der ganze Absatz muss als Zitat gekennzeichnet werden. Also von „kann man sagen“ bis „das sprechende Ich des Gedichts“. Das alles sagt die Jurorin Beate Tröger zur Auszeichnung Henning Ziebritzkis mit dem Huchel-Preis 2020, nachzuhören unter SWR2 Literatur.
Ich kann in aller Bescheidenheit nur sagen, dass ich nicht erkennen kann, dass existenzielle Nöte mitverhandelt werden. Und da ich in dem ganzen Storchengedicht kein lyrisches Ich oder ein sprechendes Ich ausfindig machen kann, kann ich auch nichts „einbeobachten“. Das liegt aber sicher an der Heftigkeit der Bewegung, die dem sprechenden Ich rückwirkend heftig zusetzt. Immerhin stößt ein Storch hier zu.
Und wenn die Jury in ihrer Begründung u.a. ausführt, Ziebritzki habe „ein lyrisches Kalendarium sinnlicher Grenzerfahrungen und Überwältigungsmomente geschaffen“, so mag das ebenfalls jeder Leser von „Vogelwerk“ selbst beurteilen; vielleicht übermannen ihn ja Überwältigungsmomente, wenn er das Gedicht Kuckuck liest – „Er ist eine Mißgeburt, die aus dem schlüpft, was dem Eigenen täuschend glich“- oder es widerfahren ihm sinnliche Grenzerfahrungen zusammen mit dem Gedicht Haussperling. Immerhin verweist der Lyriker explizit im Anhang des Gedichtbandes auf Catulls Carmina 3. Und dort geht der verstorbene Sperling der Geliebten zu den bösen Schatten der Unterwelt, während er bei Ziebritzki zwar „auf dem schmalen Grad zur Unterwelt“ und in den „Schattenabgrund“ fällt, aber dennoch zurück auf die „Anmut der Hand“ flattert.
Und zwischen Amsel, Fink und Star, genauer zwischen Amsel (Seite 7) und Kleiber (Seite 58) kommt zusammen mit dem Hadeda Ibis der einzige Exot in „Vogelwerk“ vor, nämlich der Teydefink. Teydefink? Eine endemische Finkenart auf Teneriffa, das Männchen ist ziemlich blaugrau. „Henning Ziebritzkis dritter Gedichtband ‚Vogelwerk‘ lässt sich keineswegs einfach als beschauliche Ornithologie … beschreiben“, so die Jury in ihrer Begründung. Es empfiehlt sich aber trotzdem von Fall zu Fall ein kleines ornithologisches Handbüchlein z. B. Kosmos‘ Vogelführer oder Pareys Vogelbuch griffbereit zu haben, die Anschaulichkeit erhöht das Vergnügen, vielleicht stellen sich dann ja auch „starke Affekte“ ein. Affiziert wurde Ziebritzki bei dem Teydefinken jedenfalls von Oskar Loerkes Sonett „Blauer Abend in Berlin“. Sind bei Loerke „alle Straßen voll vom Himmelblauen“, ist bei Ziebritzki der Innenraum „voll vom Vogelblauen“. „Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten“, heißt es bei Loerke, bei Ziebritzki „das Kommen und Gehen, am Grund“. Blau, alles blau, nur bei Loerke diese herrliche Synästhesie „blaue Melodien“, bei Ziebritzki wird alles in „Eisblau verstaut“. Was Loerke die Wassermetaphorik ist Ziebritzki das Teydefinkenblau.
Zugegeben, Kohlmeise und Star hätten ein freundlicheres Gedicht verdient. Arme Kohlmeise: „Wie lange erstreckt sich der Zufall deines Abschieds, das Ende / der kurzen Passage, in der wir uns fanden, dies Flattern / aus Panik und Agonie, gebannt / auf die Fläche einer Zigarettenschachtel.“ Noch schlimmer ergeht es dem Star: „… ich finde das winzige Einschußloch,/ aus dem noch Blut rinnt,/ und binde die Zehen mit Zwirn / zusammen. So, und jetzt schwinge ich / die Trophäe durch die Luft…“.

Vogelwerk

Henning Ziebritzki, Vogelwerk Gedichte. Wallstein Verlag Göttingen 2019, 64 S. ISBN 978-3-8353-3554-7 € 18,00

Kaufen und Lesen! Es lohnt sich. Aber langsam und mit Bedacht. Wie ein Weißstorch. Mehr Warten als Bewegen, langsames Abmessen, ein Stocken, ein Schreiten, ein schwankendes Ausharren. Viel Vergnügen!

Übrigens: Der andere evangelische Theologe heißt Christian Lehnert. Sein „Cherubinischer Staub“ wurde hier schon einmal besprochen.

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Storcheninvasion in Ostrach

Störche 205_001«Apprenez l’alsacien à vos enfants! » Le grand-père répond au petit garçon : «Tu sais, mon garçon, quand les cigognes volent au-dessus de l’Alsace, elles entendent parler français partout. Alors elles pensent qu’elles ne sont pas arrivées et continuent leur trajet.»
Rettet die Störche, könnte man da auch  sagen, und conserver le dialekt alsacien, schreibt Rue89Strasbourg.

Und weil  das mit den Störchen, also den cigognes,  nur noch die Älteren verstehen,  die Corona – Risikogruppe über sechzig, muss man das den Jüngeren im Elsass halt übersetzten.
Die Älteren?
«D’après une étude de l’Olca datant de 2012, l’Alsace compte 600 000 locuteurs du dialecte alsacien, majoritairement âgés de plus de 60 ans« (Rue89Strasbourg). Olca? L’Office pour la Langue et les Cultures d’Alsace et de Moselle. Und weil nur noch die Älteren angeblich Elsässisch sprechen, deshalb fliegen die Störche jetzt alle nach Ostrach, weil sie glauben, sie seien noch nicht angekommen im Elsass? Sie würden Ostrach sogar erobern, schreibt Ostrachs Bürgermeister als aktuelle Meldung im Mitteilungsblatt der Gemeinde: Störche erobern Ostrach. Und das ist kein Aprilscherz!
Trotzdem, lieber René Schickele, was der Großvater auf dem Bild da seinem Enkel erklärt, das stimmt natürlich nicht ganz, denn „les cigognes sont attirées par la richesse naturelle d’Alsace“, kann man unter Vacances Alsace lesen. Ja, 1974 soll es angeblich nur noch 9 Storchenpaare im Elsass gegeben haben; heute sind es aber wieder über 300, und das kann man auf Wikipedia unter Cigogne blanche en France lesen.
Wir in Ostrach und Umgebung freuen uns natürlich jedes Jahr über diese Storchen – Immigration, wenn auch hier niemand Elsässisch spricht. Mir schwätzet Schwäbisch. Den Störchen ist das ziemlich egal, die klappern polyglott.

Haben in diesem Blog  nicht schon einmal Störche geklappert und Nester gebaut?

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Coronavirus, Coronavirus, Coronavirus …

25 Meldungen über das Virus in der Spiegel-App allein am Montag, dem 23. 03. 2020. Das reicht von „Zu geringer Abstand an der Kasse – Kunde schlägt mit Besenstiel zu“ über „Wir werden diese Prüfung bestehen. Ein Gastbeitrag von Paul Ziemiak“ bis zu einem Interview mit dem Politikprofessor Münkler, der in einer Tour d‘Horizon alle europäischen Epidemien und Pandemien seit dem Mittelalter anspricht.

„Was wäre, wenn das Virus Cordia hieße und ein Herzensvirus wäre, das augenblicklich die Herzen öffnen könnte und Menschen würden sich verbinden, sich entgrenzen, Türen sich öffnen“, schreibt am Samstag, dem 21. März ein katholischer Diakon in der Schwäbischen Zeitung. Was wäre, wenn das Virus Temperantia hieße, nämlich Besonnenheit und Mäßigung, dann wäre man nicht einer Flut von Meldungen und Meinungen ausgesetzt, von ständigen Wiederholungen, als ob man nicht lesen und hören könne, was die Landesregierung, was Bund und Länder zur Eindämmung des Corona-Virus beschlossen haben. Was wäre, wenn das Virus Concordia hieße, Eintracht und Übereistimmung, dann müsste die Polizei nicht patrouillieren, um Uneinsichtige zu ermahnen, und auch Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, Landräte und Landrätinnen müssten nicht der Meinung sein, sie müssten sich ebenfalls ständig an den Bürger wenden, weil der immer noch nicht begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat und er gefälligst Kontakte zu meiden hat.

Ja, es regt mich auf, es „nervt“, wenn in einem sogenannten „Wort zum Sonntag“ Folgendes zu lesen ist: „Eine Auszeit für die Erde, Sabbattage für die Erde sind es auch, diese Wochen, damit sie wieder atmen kann, ihren Hals frei kriegt, ihre Lungen belüftet werden und ein wenig Heilung geschehen kann. Könnte es sein, dass nun die Selbstheilungskräfte der Natur wirksam werden? Dann können wir nur hoffen, dass auch die Kräfte der Selbsttranszendenz freigesetzt werden und wir auf ein höheres Niveau kommen in unserem Bewusstsein“. Es ist schon eine seltsame Dialektik, wenn durch das Corona-Virus Heilung für die Erde sich einstellen soll, Kräfte der Selbsttranszendenz freigesetzt werden und unser Bewusstsein auf ein höheres Niveau kommt. Dass die Lungen der Erde sich in einem desolaten Zustand befinden, darauf müsste man einen katholischen Theologen nicht hinweisen, der das apostolische Schreiben des Papstes Querida Amazonia gelesen haben dürfte.
Und da katholische Theologen im Moment offensichtlich gefragt sind, muss auch der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff die Frage beantworten, ob die Triage mit dem Grundsatz, dass jedes Leben gleich viel wert ist, überhaupt vereinbar sei. „Es stellt sich nicht die Frage: Ist der eine in geringerem Maße würdig, behandelt zu werden als ein anderer? Sondern jeder sollte behandelt werden. Wenn aber nicht genügend Kapazitäten dafür vorhanden sind und diese sich nicht ausweiten lassen, dann muss man eine Zuteilung vornehmen. Dies geschieht unter der Frage: Wer hat die besten Aussichten? Das heißt: Bei wem können die geringen vorhandenen medizinischen Ressourcen aller Voraussicht nach die beste Wirkung erzielen?“, ist des Moraltheologen Antwort in dem Interview der Schwäbischen Zeitung vom 23. 03. 2020.
Diese Antwort ist runde 2100 Jahre alt. In der Stoa u. a. bei Cicero wird sie so paraphrasiert: „Angenommen aber, es gibt nur ein Brett, aber zwei Schiffbrüchige, und beide sind weise Männer. Soll es jeder von ihnen an sich zu reißen suchen oder soll es einer dem anderen abtreten? Es soll abgetreten werden, aber an den, der eher wert ist, um seiner eigenen Angelegenheiten oder um des Staates willen am Leben zu bleiben. Was aber dann, wenn sie in beiden Punkten gleiche Ansprüche haben? Es wird keinen Streit geben, sondern einer wird dem anderen den Vortritt lassen, wie wenn er durch Losen oder im Fingerspiel verloren hätte“(Brett des Karneades). Die stoische Haltung war schon immer beeindruckend: Es wird keinen Streit geben, sondern einer wird dem anderen den Vortritt lassen. Darauf geht der Moraltheologe nicht ein.
Ich hoffe, dass für uns dieses Gedankenexperiment ein Gedankenexperiment bleiben möge.

Und solange Corona uns plagt, uns im Griff hat, wir aber uns nicht unterkriegen lassen, gilt nach wie vor die Devise unseres Jubilars Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.
Aus gegebenem Anlass empfehle ich als Corona-Lektüre Boccaccios Dekamerone.
Ich habe wieder einen alten Freund aus dem Bücherregal hervorgeholt, ein Sonderling, den ich sehr schätze: Rousseau. Es sind die Träumereien des einsamen Spaziergängers, Les Rêveries du promeneur solitaire.

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Hölderlin auf dem Weg nach Ostrach

Friedrich Hölderlin
20. März 1770 – 7. Juni 1843

HölderlinNah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehen
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittige gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.
(aus: Patmos)

 

Wer wird nicht einen Hölderlin loben?
Doch wird ihn jeder lesen? – Nein.
Wir wollen weniger erhoben
Und fleißiger gelesen sein.
(Lessing, Sinngedichte an den Leser; etwas verfremdet)

Und Ostrach? Hölderlin und Ostrach? Eingeklemmt zwischen Schelmenhau und Mörikestraße befindet sich der Hölderlinweg unweit von Hesse, Hauff, Uhland und Schiller. Da hat weiland Ostrachs Gemeinderäte die Muse geküsst – O du des Himmels Botin! Wie lauscht ich dir! – und sie erinnerten sich, weil sie ja fleißig Hölderlin gelesen, jener alkäischen Ode, in der es heißt:

Du stiller Ort! in Träumen erschienst du fern
  Nach hoffnungslosem Tage dem Sehnenden,
    Und du mein Haus, und ihr Gespielen,
      Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten!

Mit diesem stillen Ort konnte nur Ostrach gemeint sein. Haus, Bäume, Hügel – also Hölderlinweg! Und so hat Ostrach allen Grund, wieder einmal stolz auf sich zu sein. Auch wir haben einen Hölderlin, wenn auch nur einen kleinen, eben einen Hölderlinweg.
Im Übrigen: Der Hölderlin isch et verruckt gwä!

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